Oberpfälzer Franz Vitzthum gibt „Luther-Jahr“ viele Konzerte
Aufgehender Stern der Countertenöre

Kultur
Waldthurn
17.05.2017
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Berührungsängste kennt der in einem katholischen Umfeld aufgewachsene Franz Vitzthum keine. In diesem Jahr ist der Sänger mit der hohen Stimme, die im Fachjargon Altus oder Kontratenor genannt wird, mit seinem Luther-Programm unterwegs.

Lennesrieth/Heidelberg. Obwohl das dazu gehörige Album schon vor zwei Jahren erschienen ist, gibt der Oberpfälzer im "Luther-Jahr" landauf-landab Konzerte mit den eindrucksvollen Liedern von Martin Luther selbst, Heinrich Schütz und Ludwig Senfl. Vitzthum ist in Weiden geboren und in Lennesrieth bei Waldthurn (Kreis Neustadt/Waldnaab) aufgewachsen. Von dem Oberpfälzer Sänger sind mehrere Alben mit alter und neuer Musik erschienen - ein "aufgehender Stern der Countertenöre".

Der Tourneereigen fing in München an, geht über die Thüringer Bachwochen und setzt sich in Finnland und Wolfenbüttel fort, bis Vitzthum im Spätherbst in Wiesbaden in der dortigen Lutherkirche singt. Das Programm "Luthers Laute" ist "wahnsinnig gefragt", freut sich der Sänger. Als Knabe ist er zu den Regensburger Domspatzen gekommen und dort in die Welt der Musik eingetaucht.

Heute gehört er neben Sängern wie Andreas Scholl und Philippe Jaroussky zu den gefragten Vertretern seines Faches. In Deutschland hat er sich mit seiner klaren, hellen Stimme - die begeisterte Zuhörer gern als "engelsgleich" beschreiben - einen guten Ruf erarbeitet. Auch wenn er noch nicht in der Liga der beiden prominenten Countertenöre mitspielt, fühlt er sich in deren Schatten durchaus wohl.

"Auch wenn es sich komisch anhört, ich bin Scholl und Jaroussky dankbar", lacht der 44-Jährige. Während diese "Händel rauf und runter" singen müssten, weil sich das gut verkaufe, könne er sich aussuchen, was er aufnehme.

Herzergreifende Lieder

Das kann auch "gänzlich unbekanntes Liedgut sein oder eher ein Nischenprogramm". Ein solches sind seine herzergreifenden "Himmels-Lieder", die er mit dem Schweizer Ensemble "Capricornus Consort Basel" für das Label Christopherus aufgenommen hat. Es enthält Kantaten des deutschen Barock, die nach dem Wüten des Dreißigjährigen Krieges entstanden sind und die Schrecken, Trostlosigkeit und Ängste, die Düsternis der Zeit reflektieren, aber auch den Blick auf Neuerungen richten.

Vitzthums jüngstes Werk sind zwei "Huldigungskantaten" von Johann Sebastian Bach, die der Cembalist Alexander Grychtolik aufwendig rekonstruiert hat. Sie liegen jetzt als Weltersteinspielungen mit dem österreichischen Tenor Daniel Johannsen und Vitzthum erstmals auf Tonträger vor.

In eine ganz andere Richtung geht Vitzthum mit einem weiteren neuen Album "Madrigali". Zusammen mit dem von ihm mitbegründeten Vokalensemble "Stimmwerck", einem Streichquartett und weiteren Sängern enthält die von BR-Klassik mitproduzierte CD Vokalmusik des Komponisten Max Beckschäfer.

Zeitgenössische Musik also, mit welcher der Killmayer-Schüler einen Gedichtzyklus des spanischen Lyrikers Rafael Alberti über das Meer und weitere poetische Werke vertont hat. Wenn man den hellen und leichten "Meeresgespräche(n)" zuhört, die Vitzthum betörend und schimmernd wie reflektierendes Licht gänzlich unbegleitet singt, versteht man sofort warum eine Musikredakteurin des Südwest-Rundfunks den Oberpfälzer Troubadour als "aufgehenden Stern am Himmel der Countertenöre" bezeichnet hat.

Seine stilistische Offenheit und Neugier zeigt sich auch im Album "America", das er vor drei Jahren mit dem SWR-Vokalensemble-Stuttgart aufgenommen hat. Europäisch geprägte Werke finden sich da ebenso wie ästhetische Experimente. Dabei kommen die wichtigsten amerikanischen Komponisten zur Geltung, darunter Leonard Bernstein, Steve Reich und John Cage.

Nur ein Popsong

Der vielbeschäftigte Sänger lebt mit seiner Familie bei Heidelberg. Seine einzige Aufnahme eines Popsongs von Billy Joel bekommt auch nur seine Frau zu hören. Er hat es ihr als Geburtstagsgeschenk professionell im Studio aufgenommen. Wenig anfangen kann er "mit Musik, die der Mode nachläuft". Dagegen geht sein Herz auf wenn "Musik aufrichtig ist", ob aus dem Barock, der heutigen Zeit oder als zeitlose Volksmusik.

Mit Musik der Renaissance ist Vitzthum im August bei den Stimmwerck-Tagen auf dem Adlersberg bei Regensburg mit Liedern aus den "Annaberger Chorbüchern" zu hören. Vergangenes Jahr hat er auch langgehegte Vorbehalte gegen das Unterrichten aufgegeben. Bei einem Workshop mit Kindern in Leipzig "habe ich Blut geleckt", bestätigt er sein neu erwachtes pädagogisches Interesse.

Auch wenn es sich komisch anhört, ich bin Scholl und Jaroussky dankbar.Franz Vitzthum über die bekanntesten Countertenöre

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