20.12.2017 - 21:10 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Die Relativität der Zug-Pünktlichkeit Das Leid der Bahn-Pendler

Bahn fahren hat Vorteile. Es schont die Umwelt, man kann sich ein eigenes Auto sparen und kommt ausgeruht am Ziel an. Zumindest theoretisch.

Nächster Halt "Weiden Hauptbahnhof": Die Bahn gilt zwar als umweltfreundliche Alternative für Pendler. Mit der Pünktlichkeit der Züge sind viele aber nicht zufrieden. Die kritisierten Eisenbahngesellschaften verweisen auf Statistiken, die ein anderes Bild zeichnen. Bild: Wilck
von Gabriele Weiß Kontakt Profil

"Anfangs hat mir die Fahrt mit dem Zug gefallen", sagt etwa der Berufspendler Jürgen Hofmann. Seit zwei Jahren ist er vom Auto auf die Bahn umgestiegen und montags bis freitags zwischen Kirchenlaibach und Luhe-Wildenau unterwegs. Die anfängliche Freude am Bahnfahren hat inzwischen jedoch zunehmender Ernüchterung Platz gemacht, denn: "Die Züge sind fast nie pünktlich."

Hofmann berichtet: "In der Regel kommen sie 4 bis 5 Minuten zu spät, manchmal ist es aber eine halbe Stunde." Unschön auch an den kürzeren Verspätungen: Anschlusszüge würden nicht warten. Und so werde aus wenigen Minuten schnell eine ganze Stunde, die der Pendler später dran ist. "Der Zug ist vielleicht zweimal im Jahr pünktlich. Das ist alles viel zu knapp kalkuliert."

Auch Schülerin Lena (Name geändert) hat unter den Verspätungen zu leiden. Sie steigt ebenfalls in Luhe-Wildenau zu und fährt bis nach Wiesau. Bevor sie morgens das Haus verlässt, checkt sie mit einer App, ob der Zug pünktlich kommt - häufig mit negativem Ergebnis. Vor kurzem sei die Oberpfalzbahn um 7.30 Uhr zunächst nicht gekommen, dann sei Schienenersatzverkehr angekündigt worden. Statt des Busses fuhr letzten Endes aber doch noch ein Zug.

Taxi bezahlt

Hofmann kennt diese Situation. "Vor ein paar Wochen war wieder mal Schienenersatzverkehr", erzählt er. "Ich habe zusammen mit einer Frau gewartet, aber der Bus kam nicht." Schließlich sei man mit dem selbst bestellten Taxi für 20 Euro nach Weiden gefahren - "was will man machen, irgendwann hat man halt die Schnauze voll und will heim".

Lena erzählt, dass sie aufgrund der Verspätungen und nicht wartender Anschlusszüge regelmäßig zu spät zum Unterricht komme. Im Sommer hatte sie ein besonderes Aha-Erlebnis: Obwohl Leute am Bahnsteig standen, sei die Oberpfalzbahn an der Bedarfshaltestelle Luhe-Wildenau einfach durchgerauscht.

Dass ein Fahrgast an der Bedarfshaltestelle übersehen wird, komme äußerst selten vor, erklärt eine Sprecherin der Länderbahn, zu der die Oberpfalzbahn gehört. Der Haltepunkt sei in Luhe-Wildenau gewählt worden, weil die Stelle für Lokführer besser einsehbar sei. "Wir sind der Überzeugung, dass der Bedarfshalt keine Verschlechterung für den Fahrgast bedeutet." Ausfallende Züge, Ersatzverkehr, der nicht kommt, Verspätungen - um all das kümmert sich die Bayerische Eisenbahn Gesellschaft (BEG) in München, seit der Schienenverkehr privatisiert wurde. "Pünktlichkeit" wird hier etwas anders definiert: "Pünktlich ist ein Zug noch mit bis zu fünf Minuten Verspätung", erklärt Angela Nusser vom Qualitätsmanagement der BEG.

Relative Pünktlichkeit

Im Jahr 2016 seien daher 96 Prozent aller Züge als pünktlich gewertet worden. Dass bei den Fahrgästen trotzdem ein anderer Eindruck entstehe, liege an der unterschiedlichen Auslastung der einzelnen Züge. "Die meisten Verspätungen gibt es leider nun mal in der Hauptverkehrszeit mit ihren starken Fahrgastwechseln und vielen Folgeverspätungen."

Vertragsstrafen drohen

Die Pünktlichkeit der Züge überprüft die BEG mit rund 120 Messstellen in ganz Bayern. Sie erhebt auch Vertragsstrafen, falls die Verkehrsunternehmen die vertraglich vorgegebenen Pünktlichkeitswerte nicht erreichen. Hierfür wendete die BEG bisher ein Prozentverfahren an, das alle Zugankünfte bis zu einer Verspätung von 5:59 Minuten als pünktlich wertet. Der Anteil der pünktlichen Messungen an der Gesamtzahl aller Messungen ergibt dabei einen Prozentwert, für den in jedem Vertrag ein monatlich und jährlich zu erreichender Schwellenwert festgelegt ist.

Künftig soll stattdessen jedoch ein Minutenverfahren zum Einsatz kommen, das die Höhe der Verspätung je Zugankunft berücksichtigt. Diese Gewichtung von Verspätungen entspreche der Sicht der Fahrgäste besser, glaubt die BEG. Auch würden Verspätungen dann bereits ab der dritten statt wie bisher ab der sechsten Minute bestraft.

Beim Schienenersatzverkehr müsse man nach geplanten und ungeplanten Einsätzen unterscheiden, erklärt BEG-Mitarbeiterin Nusser. "Ist er geplant, kommen die Busse in der Regel auch." Anders sehe es bei Notverkehr aus, etwa wenn unerwartet ein Zug liegenbleibe. "Gerade in der Hauptverkehrszeit wird es dann schwierig, schnell einen Bus zu organisieren." Außerdem sei nicht immer gleich abzusehen, ob der Zug nicht doch wieder flott gemacht werden könne.

Fünf-Minuten-Regel

Das Problem mit nicht wartenden Anschlusszügen im Bahnhof Weiden sei der BEG bekannt, sollte aber behoben sein, sagt Nusser. "Wir geben eine Fünf-Minuten-Mindestregelung vor." Agilis und Oberpfalzbahn hätten zugesagt, so lange aufeinander zu warten. Es gebe außerdem eine Vereinbarung mit DB-Netz, "dass der Fahrdienstleiter in Weiden mit ein Auge drauf hat und die Lokführer bei Verspätungen rechtzeitig informiert".

Bei Agilis erkennt man darin kein Problem. "Im Jahr 2017 konnten bisher nahezu in allen Fällen die Anschlüsse zwischen Agilis und Oberpfalzbahn am Knoten Weiden erreicht werden", teilt eine Pressesprecherin des Unternehmens mit. "Agilis und Länderbahn befinden sich in kontinuierlicher Abstimmung, um eine Anschlusssicherung bei geringfügigen Verspätungen zu gewährleisten." Im Falle einer erheblichen Verspätung könne der Anschluss allerdings nicht immer garantiert werden.

Alternative Auto

Lenas Mitschüler setzen, so bald es geht, trotz der Vorteile des Bahnfahrens auf ein eigenes Auto. Jürgen Hofmann sieht durchaus die finanzielle Ersparnis, die er durch den Öffentlichen Nahverkehr hat: "Ich zahle im Monat 190 Euro für die Fahrkarte. Da komme ich mit dem Auto nicht hin." Trotzdem wird er vielleicht doch wieder auf den eigenen Pkw umsteigen. "Mit dem neuen Fahrplan kommt der Zug eine halbe Stunde früher", sagt der Pendler. "Das heißt, ich müsste schon um 4 Uhr früh aufstehen und hätte dafür in Weiden dann entsprechend Aufenthalt."

Qualitätssicherung

Zu den Verspätungen und Ausfällen äußert sich eine Sprecherin der Länderbahn folgendermaßen: "Die Pünktlichkeit der Züge hängt von vielen Faktoren ab, wie zum Beispiel mutwilligen Eingriffen in den Bahnverkehr, Personen im Gleis, extremen Witterungsverhältnisse oder Störungen an der Infrastruktur und an den Fahrzeugen." Zudem sei das Eisenbahnnetz dicht vertaktet. "Eine einzelne Störung kann sich wie ein Dominoeffekt auf das gesamte Netz auswirken."

Von Januar bis Ende Oktober 2017 sind laut Länderbahn 91,4 Prozent der Züge der Oberpfalzbahn zwischen Marktredwitz und Regensburg pünktlich gewesen. Ein unterdurchschnittlicher Wert, der am Sturmtief Herwart liege.

Die Sauberkeit der Fahrzeuge, die Fahrgastinformation im Regel- und Störfall, die Funktionsfähigkeit, die Ausstattung und die Serviceorientierung der Zugbegleiter sowie die Kundenorientierung bei Beschwerden erfasst die Bayerische Eisenbahn Gesellschaft auch in einem jährlichen Qualitätsranking. 2016 landete Agilis Nord dabei auf dem 1. Rang unter 28 Vertragspartnern, die Oberpfalzbahn rangierte auf dem 5. Platz. In der Regel würden die Strecken auf rund zwölf Jahre ausgeschrieben. (m)

Die meisten Verspätungen gibt es leider nun mal in der Hauptverkehrszeit mit ihren starken Fahrgastwechseln und vielen Folgeverspätungen.Angela Nusser, Qualitätsmanagement der Bayerischen Eisenbahn Gesellschaft in München

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