31.03.2017 - 19:34 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Karl Seiler gewinnt 1960 die Weidener Stadtmeisterschaft im Seifenkistenrennen Tollkühne Burschen in rollenden Kisten

Karl Seiler kann sich noch gut an sein erstes Seifenkistenrennen erinnern. Elf Jahre ist er alt, als er an dem Wettbewerb in Weiden teilnimmt - in einer vom Autohaus Wies gesponserten Kiste.

Das erste Seifenkistenrennen 1956 lockte viele Zuschauer an die Ostmarkstraße. Der Start erfolgte auf einer Rampe, ungefähr da, wo heute die B 22 den Hopfenweg überquert. Das Ziel befand in dem Abschnitt, in dem inzwischen die geschwungene Fußgängerbrücke über die B 22 führt. Bild: Stadtarchiv
von Michaela Lowak Kontakt Profil

Dass ausgerechnet er das Rennen fahren darf, verdankt der kleine Karl seinem Vater, dem evangelischen Pfarrer von Kohlberg, der 1955 einen Opel Rekord beim Autohaus Wies gekauft und daher gute Kontakte zum Firmeninhaber Anderl Wies hat. Als dieser mitbekommt, dass sich der Sprössling seines Kunden für das Seifenkistenrennen interessiert, stellte er dem 11-Jährigen einen Mechaniker samt Seifenkisten zur Verfügung.

"Die war zwar nicht vollständig", erzählt Seiler. "Aber die haben wir nach der Schule in der Werkstatt von Wies zusammengebaut." Seiler erinnert sich noch an das Original-Lenkrad von Opel, das in der Mitte durchgesägt eine hervorragende Lenkung für sein Gefährt abgibt. Als alle technischen Arbeiten erledigt waren, durfte er seine Kiste mit nach Kohlberg nehmen. "Dort habe ich sie noch angestrichen und mit Stoff überzogen", blickt Seiler zurück. "Ich war damals mächtig stolz."

Transport mit Linienbus

Um den kleinen Rennwagen am Wettkampftag wieder nach Weiden zubekommen, benötigt die Familie Seiler die Hilfe des Linienbusses. "Die Seifenkiste hat genau auf den Dachgepäckträger gepasst", schmunzelt der heute 72-Jährige. "Und ich bin mit meinem Vater im Auto hinterhergefahren." Die Veranstaltung selbst lockt 1956 die Schaulustigen in Scharen an die Ostmarkstraße. "Es waren viele Leute da und sie alle waren mordsmäßig begeistert." Absperrungen oder Strohballen zur Abgrenzung der Strecke gibt es 1956 noch nicht. Auch an einen Schutzhelm denkt niemand, der wird erst vier Jahre später Pflicht. Mit seiner Platzierung ist der Neuling zufrieden: "Ich bin damals Vierter geworden."

Vier Jahre später, 1960, erfüllt Seiler gerade noch so die Altersbegrenzung, die Buben von 10 bis 15 Jahren zulässt. Inzwischen tüftelt Seiler selbst herum, um mit einem möglichst windschnittigen Wägelchen antreten zu können. "Erst hatte ich gedacht, es sei besser, in der Seifenkiste zu liegen", erinnert er sich. Dann entscheidet sich der junge Konstrukteur doch für die sitzende Variante, den Körper möglichst weit nach vorne gebeugt und den Lenker vor den Knien. Damit kommt er bei der Abnahme vor dem Rennen nicht durch und muss noch einiges ändern, doch der Grundgedanke ist richtig und verhilft ihm zum Sieg.

Als Stadtmeister darf er nach Duisburg zum Deutschen Seifenkistenderby fahren. Auch hier rutscht er altersmäßig gerade noch so durch. "Das Rennen war im Juli und im August bin ich 16 geworden." Unterstützung bekommt er von der Stadt Weiden. "Oberbürgermeister Hans Schelter hat sich sehr großzügig gezeigt", erinnert sich Seiler. Die Autolackiererei Prichta habe die Kiste in den Farben der Stadt angemalt und mit dem Stadtwappen versehen. Auch den Transport organisiert die Stadt. Um den Rennwagen heil nach Duisburg zu befördern, zimmert die Stadtschreinerei einen eigenen Behälter. "Am Güterbahnhof haben wir die Seifenkiste dann verladen."

Zum Sieg reicht es im Ruhrgebiet nicht, Seiler kommt auf Platz 22. Doch die Erfahrung, die er hier macht, möchte er nicht missen. Zusammen mit vielen anderen Buben aus ganz Deutschland ist er eine Woche lang in einer Sportschule untergebracht. "An einem Nachmittag haben wir einmal mit Weltmeister Helmut Rahn Fußball gespielt." Zum damaligen Sieger hat Seiler heute noch Kontakt. "Wolfgang Höhn aus Berlin besuche ich jetzt am Wochenende", freut er sich.

Seifenkistenrennen haben vor 60 Jahren einen hohen Stellenwert in Deutschland. Auf den Tribünen in Duisburg sitzen links und rechts der Strecke 25 000 Zuschauer. Der ADAC als Veranstalter hat zur Siegerehrung Boxer Max Schmeling eingeladen, der als Werbegag in einer Kiste fährt, die einen Boxhandschuh darstellt. All die Erfahrungen, die Seiler aus Duisburg mitnimmt, kommen nun seinem jüngeren Bruder zugute, der 1961 das Weidener Rennen gewinnt und auch nach Duisburg fahren darf. Karl Seiler reist als Mechaniker mit und wird bei den Journalisten im "Duisburger Hof" untergebracht. Bruder Reinhardt schafft es schließlich unter die Top 20.

Enkelsöhne treten an

Seilers Leidenschaft für Seifenkisten hat sich auf seine Enkel übertragen, die vor sechs Jahren bei einem Seifenkistenderby in Schwandorf dabei waren. Auch hier gelten klare Regeln. Mitfahren darf nur, wer zwischen 8 und 16 Jahre alt ist. Die Weidener Veranstaltung am 23. Juli (siehe Kasten) fällt unter die Kategorie Gaudirennen. "Hier sind die Vorschriften anders als bei offiziellen Rennen", erklärt Seiler. "Es geht um Teamgeist und Spaß." Dennoch hat er für potenzielle Teilnehmer Tipps parat. "Man könnte ein Kettcar-Gestell nehmen, die Kette rausmachen und irgendetwas drumherum bauen." Eine Lenkung sei wichtig, weil die Strecke eine leichte Kurve aufweise.

Der einstige Seifenkisten-Pilot spielt sogar mit dem Gedanken, am Sonntag, 23. Juli, selbst noch einmal mitzumachen. "Wer weiß, vielleicht kriege ich bis dahin meine Originalkiste wieder flott."

Oberbürgermeister Hand Schelter hat sich sehr großzügig gezeigt.Karl Seiler

Stadtjugendring lässt alte Zeiten aufleben: Seifenkistenrennen am 23. Juli

"Wie können wir Menschen zusammenbringen und ein Zeichen für Respekt, Toleranz und Chancengleichheit setzen?" Nico Erhardt vom Stadtjugendring (SJR) hatte sich im Vorfeld viele Gedanken gemacht, wie man die Ziele des Bündnisses "Weiden ist bunt" noch mehr bekanntmachen könnte.

Nach einigen Überlegungen stand der Plan: "Wir veranstalten ein Seifenkistenrennen." Denn dafür braucht es nicht nur einen Fahrer, der mutig genug ist, an den Start zu gehen, sondern eine Gruppe, die gemeinsam eine Seifenkiste baut. "Hier kann sich jeder einbringen. Egal, welcher ethnischen Herkunft, sozialer Situation, Geschlecht, Religion oder Weltanschauung", schwärmt Erhardt.

Mit Sebastian Flaschel fand er einen Mitstreiter, der sich genauso begeistert auf die Umsetzung stürzte. "Wir sind erst einmal in ganz Weiden herumgefahren, um eine geeignete Strecke zu finden." Am liebsten wäre den beiden natürlich die Süd-Ost-Tangente vom Butterhof herunter Richtung Stadt gewesen. "Doch diese Strecke einen ganzen Tag lang zu sperren, ging dann doch nicht." Die Alternative liegt aber ganz in der Nähe und verläuft fast parallel zur Tangente. Start ist in der Johanna-Frank-Straße. Das Ziel liegt in der Bürgermeister-Probst-Straße, direkt bei Edeka Grünbauer. Der Parkplatz des Lebensmittelmarktes dient als Festplatz.

Der Zeitplan steht bereits. Am Sonntag, 23. Juli, um 8 Uhr geht es los mit dem Aufbau des Fahrerlagers und den Boxengassen. Dann folgen technische Abnahme und Probedurchlauf. Um 13 Uhr gibt es mit der Prämierung der originellsten Seifenkiste den ersten, publikumswirksamen Höhepunkt. Anschließend liefert sich der Weidener Stadtrat eine Bobbycar-Ralley. Die Seifenkisten gehen um 14.30 Uhr an den Start.

"Den genauen Rennmodus müssen wir noch festlegen, aber wahrscheinlich wird jeder Fahrer einzeln starten", erzählt Flaschel. Die Siegerehrung ist für 17.30 Uhr angesetzt und danach soll der Tag mit Festbetrieb ausklingen. Außerdem ist ein Rahmenprogramm mit Livemusik, Kinderschminken und Spielwagenbetrieb geplant.

Mitmachen kann jeder. Die Piloten müssen mindestens 15 Jahre alt sein. Infos zum Seifenkistenbau gibt's im Jugendzentrum oder in der Regionalbibliothek. "Aber auch im Internet kann man Bauanleitungen herunterladen", informiert Erhardt. Die Startgebühr beträgt 20 Euro. Anmeldeformulare gibt es beim Stadtjugendring unter Telefon 0961/29897 oder über seifenkistenrennen[at]weiden-ist-bunt[dot]de. Anmeldeschluss ist der 15. Mai. (mic)

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