09.04.2018 - 19:10 Uhr
Oberpfalz

Nach dem Großeinsatz der Polizei in Weiden Kein Münsteraner Tatort

Die Nervosität ist groß an diesem ersten lauen Samstagabend in der Weidener Innenstadt. Die fröhliche Geschäftigkeit weicht einem Gefühl der Beklemmung, seit die Fußgängerzone mit Einsatzfahrzeugen abgeriegelt ist - wohl aufgrund von Falschinformationen.

Die Polizei räumt nach einer anonymen Warnung am Samstagabend unter anderem das "Hemingway" und das "Werk2" an der Regensburger Straße in Weiden. Bild: Helmut Kunz
von Jürgen Herda Kontakt Profil

"Wenn jetzt noch irgendwo ein Motor aufgeheult hätte, wäre die Panik perfekt gewesen", beschreibt ein Kollege die Stimmung an den Freisitzen. Die Amokfahrt von Jens R. in Münster hat jeder im Hinterkopf, als die Präsenz von Polizei, Feuerwehr und Krankenwagen ständig zunimmt. In den sozialen Medien schießen die Gerüchte ins Kraut: "Warum grad in Weiden?", fragt Stefan Gregor auf Facebook, "uns wird irgendwas verschwiegen, das ist sicher - möglicherweise waren es doch zwei Täter und in Weiden war auch so etwas geplant?"

Polizei: Informations-Spagat

"Es ist ein Spagat", beschreibt Albert Brück, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Oberpfalz, die zaghafte polizeiliche Informationspolitik. "Hätten wir vorher die Medien informiert, wäre das einer Warnung gleichgekommen, die der Situation nicht angemessen gewesen wäre." Den Ball flach halten, ist die Devise. Zu vage sei der erste anonyme Hinweis gewesen, der "ein Ereignis in der nördlichen Oberpfalz in Aussicht gestellt" habe. "Aufgrund dessen haben wir überlegt, wo das dann am wahrscheinlichsten eintreten könnte - da kommt man dann auf das Oberzentrum Weiden und hier besonders auf den Innenstadtbereich", fasst Brück die Schlussfolgerungen zusammen.

Man müsse den Einsatz vor der allgemeinen abstrakten Gefährdungslage in Europa sehen: "Ein Vorfall wie in Münster, bei dem zunächst ein terroristischer Hintergrund angenommen wird, führt zur Sensibilisierung - wenn dann ein anonymer Hinweis dazukommt, löst das Maßnahmenpakete aus." Aufgrund der schwachen Informationslage habe man abgewogen: "Lassen wir es bei der Präsenz oder ist eine Warnung angesagt?" Und da habe man einhellig entschieden: "Nein, das wäre unseriös." Noch dazu, als im Laufe des Nachmittags klar geworden sei, dass es sich in Münster um einen Amoklauf, nicht um einen terroristischen Anschlag gehandelt habe.

"Wir haben deshalb die Präsenz stark reduziert", führt Brück weiter aus, "als wir den neuerlichen Hinweis bekamen, der diesmal konkret auf das Objekt in der Regensburger Straße verwies, haben wir beschlossen, dort zu räumen". Im Nachhinein könne man festhalten: "Wir hatten kein Schadensereignis, von daher gesehen besteht eine große Wahrscheinlichkeit, dass es sich um eine bewusste Falschinformation gehandelt hat." Derzeit prüften die Ermittler, ob ein Zusammenhang zwischen beiden Hinweisen besteht. Genaueres über Art und Inhalt will die Polizei nicht bekanntgeben: "Das ist Täterwissen." Da es noch keinen Ermittlungserfolg gebe, sei jetzt Druck im Kessel: "Wir versuchen, diesen Hinweisgeber zu ermitteln."

Gelungener Einsatz

Auch auf die Einsatzgruppe "Soziale Medien" habe man bewusst nicht zurückgegriffen: "Der Einsatz eines weltweiten Instruments hätte dazu geführt, den Fokus auf die Stadt Weiden zu lenken, was vor dem Hintergrund der Faktenlage unverhältnismäßig gewesen wäre." Bei der Räumung am Abend habe man kurz überlegt, diese unterstützend mit eingreifen zu lassen: "Da gab's die klare Rückmeldung, der Personenkreis ist so überschaubar, da ist unsere Unterstützung nicht angezeigt." Aus Sicht der Polizei deshalb ein rundum gelungener Einsatz: "Was wir im Nachhinein feststellen, ist, es gab keine besondere Beunruhigung, das normale Leben am Samstagabend hat stattgefunden - wir fühlen uns bestätigt."

Chronologie des Großeinsatzes in Weiden

Samstag:

Gegen 15.30 Uhr: In Münster fährt ein Amokfahrer in der Innenstadt in eine Menschengruppe. Zwei Menschen sterben, viele weitere werden verletzt, zum Teil lebensgefährlich. Der Fahrer richtet sich selbst.

Gegen 18 Uhr: Der Großeinsatz in Weiden beginnt. In den sozialen Medien häufen sich Meldungen über teils bewaffnete Polizei- und Rettungskräfte, die an den Eingängen in die Innenstadt postiert sind.

Gegen 19.45 Uhr: Die Polizei bestätigt den Einsatz in der Innenstadt unserer Redaktion gegenüber. Es handle sich um eine "reine Vorsichtsmaßnahme", so Polizeisprecher Albert Brück. Sie stehe im Zusammenhang mit der Tat in Münster.

Gegen 22 Uhr: Mehrere Discos und Lokalitäten in Weiden, darunter das "Hemingway" und das "Werk2" an der Regensburger Straße in Weiden, werden geräumt, die Straße gesperrt. 300 Menschen werden evakuiert. Der Gebäudekomplex wird mit Suchhunden überprüft.

Gegen 23.50 Uhr: Die Überprüfung des Gebäudekomplexes in der Regensburger Straße endet. Hinweise auf eine Gefahrenlage ergeben sich laut Polizei nicht.

23.41 Uhr: Die Polizei veröffentlicht eine Pressemitteilung. Der Einsatz sei aufgrund einer "Ankündigung über ein Schadensereignis in einem Veranstaltungskomplex in der Regensburger Straße" erfolgt. Informiert worden seien auch die Lokale in der Innenstadt. Der Hinweis sei anonym erfolgt, die Polizei versuche, den Hinweisgeber zu ermitteln. Weitere Details gibt sie nicht bekannt.

Sonntag:

Gegen 10 Uhr: Die Polizei bestätigt auf Nachfrage, dass es sich bei dem Einsatz in der Innenstadt und an der Regensburger Straße um ein und denselben Einsatz handle. Einen Zusammenhang zu Münster gebe es nicht, auch würde es an diesem Tag keine weiteren Informationen zum Einsatz geben.

Gegen 17.15 Uhr: Erneut erscheinen an den Eingängen in die Weidener Innenstadt Polizeiposten, an diesem Abend in zivil. Die Polizei Oberpfalz in Regensburg rückt keine Informationen heraus. Klaus Müller, Leiter der Polizeiinspektion Weiden, spricht von "reduzierter Präsenz". Der Einsatz stehe in Bezug zum Einsatz am Samstag.

Montag:

Gegen 8.30 Uhr. Erneute Nachfrage bei der Polizei. Keine weiteren Erkenntnisse. (jak)

Kommentar

Besser Fakten als Gerüchte

Man will nicht in der Haut der Polizei stecken: Ein anonymer Hinweis am Tag des Amoklaufs in Münster – in kürzester Zeit muss eine Strategie festgelegt werden, Menschenleben könnten auf dem Spiel stehen. Verständlich, dass man bei dünner Faktenlage kein Horrorszenario an die Wand malen möchte. Im Zweifel gilt: Keine Nachricht ist die beste Nachricht.

Beim Großeinsatz am Wochenende hat sich die Polizei dagegen entschieden, die Öffentlichkeit im Vorfeld zu informieren. Dass dies zur Beruhigung beigetragen habe, ist ein Trugschluss – logisch aus der Innensicht, wo man vertraut ist mit Begriffen wie Gefährdungslage und Schadensereignis. Die Bürger aber sehen Einsatzfahrzeuge vor den Stadttoren, denken an Münster und befürchten das Schlimmste. Das spiegelt sich auf Facebook & Co wieder, wo der bis dato unbekannte Jens R. aus Münster zum altbekannten Salafisten mit Wohnung in Weiden erklärt wird.

Man muss es nicht zwangsläufig Warnung nennen: Hätte die Polizei vor dem Einsatz die Medien informiert, hätte das sicher auch nicht jeden beruhigt. Aber man hätte die Vorgehensweise für viele verständlicher erklären können: „Es besteht keine konkrete Gefahr, aber wir müssen jeden Hinweis Ernst nehmen.“

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