05.07.2017 - 21:52 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Ostbayerns Touristiker auf der Überholspur "Vergessen Sie Italien!"

"Tourismus ist schön, macht aber viel Arbeit": Mit Karl Valentins abgewandeltem Zitat kann man die Jahreshauptversammlung des Tourismusverbands Ostbayern (TVO) auf den Punkt bringen. Weidens Bürgermeister Jens Mayer nutzt die Gelegenheit, um seine Werbebotschaft in der mit Touristikern gut gefüllten Max-Reger-Halle anzubringen: "Unsere Fußgängerzone ist das größte und schönste Straßencafé." Botschaft: "Vergessen Sie Italien!"

Tourismusberaterin Elisabeth Hiltermann in der Max-Reger-Halle. Bild: Herda
von Jürgen Herda Kontakt Profil

TVO-Präsident Franz Löffler kann gute Kennziffern verkünden: "Zum 6. Mal in Folge stellen wir 2016 einen neuen Gästerekord auf", sagt der Chamer Landrat, "und knackten mit 5,1 Millionen Gästen die nächste Grenze." Gleichzeitig bedeuteten 20 Millionen Übernachtungen einen Marktanteil von 20 Prozent in Bayern: Die Verweildauer sei höher als andernorts. "Zwar erreicht auch uns der Trend zu kürzeren Aufenthalten, aber nicht ganz so schnell." Die höchsten Zuwächse verbuchen die Städte mit 9,4 Prozent. Aber auch der Oberpfälzer Wald findet 7,2 Prozent mehr Fans als im Vorjahr.

Alternative dahoam

Die Ausgangslage sei bestechend - aber kein Grund fürs Ruhekissen: "Wir müssen mehr Gäste ansprechen", fordert Löffler, und ihnen in kürzerer Zeit das bestmögliche Urlaubserlebnis bescheren." Dabei könne "dahoam" als Alternative zu globalen Krisen begriffen werden: "Heimat vermittelt Sicherheit und Behaglichkeit." Schon vor 100 Jahren beliebt, jetzt wieder hipp sei das Wandern: "Zehn Jahre Goldsteig" sei ein ostbayerisches Faustpfand - einer von fünf zertifizierten Qualitätswanderwegen. Digital aufgearbeitet spreche das auch die Jungen an. "Inzwischen gibt es ein tschechisches Pendant", freut sich Löffler, "der Gast kennt keine Grenze."

Schließlich greife der TVO mit seiner Fahrradoffensive auch Trendthemen von E- bis Mountainbike auf. "Wir wollen die Top-Fahrradregion werden." 900 Kilometer Radwege mit dem ersten in Ostbayern vom ADFC mit vier Sternen ausgezeichneten Donauradweg als Highlight.

"Destinationsmanagement" nennt man das, was der Tourismusverband künftig stärker leisten soll, wenn es nach Elisabeth Hiltermann von der renommierten Beratungsfirma Kohl & Partner aus München geht. "Da erkennt man Dinge, die man bereits macht", resümierte TVO-Geschäftsführer Michael Braun ihre wenig überraschenden acht Optimierungsvorschläge, "aber auch einige provokative Thesen." Unter provokant darf man wohl verstehen, dass Hiltermann in These acht zu einer aktiveren Rolle rät: Im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten könne der Verband eine Betreiberfunktion dort erfüllen, wo kleinere private Betriebe gescheitert seien. Man könne Anstöße geben, Investoren suchen, ein Interimsmanagement einrichten, wo Nachfolger fehlten.

Allmächtiges Internet

Die restlichen sieben Thesen dürften dem TVO hinreichend vertraut vorkommen: Mit den großen Internet-Playern am Reisemarkt - von Airbnb Experience bis Google Flights - müsse man sich arrangieren. "Künftig wird es heißen: Siri, mach du das für uns", erklärt die Garmischerin. Es gelte, die im Vergleich zu Österreich geringeren Mitteln effizient einzusetzen, Doppelgleisigkeiten zu vermeiden, sich auf den Markenkern zu konzentrieren. "Die Macht der Gäste steigt", mahnt Hiltermann, "83 Prozent der Buchungen erfolgen nach Durchschau der Bewertungen in den sozialen Medien." Man müsse sich auf den Gast, das unberechenbare Wesen, einstellen: "Gäste überlegen am Donnerstag, wohin sie am Freitag für drei Tage zum Radeln fahren - und wenn das Wetter im Allgäu schöner ist ..."

Die Verbände sollten sich stärker als Standort-Entwickler begreifen: "Netzwerke aufbauen, mit regionalen Akteuren über Öffnungszeiten und ÖPNV sprechen, damit Gäste sich wohlfühlen." Viel Arbeit eben, aber was tut man nicht alles, damit's der Gast schön hat.

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