29. Weidener Literaturtage und McCartney-Schau feierlich eröffnet - Kritische Worte an die ...
"Ein bisschen Selbstbewusstsein darf sein"

"Needles and Pins", den alten 60er-Jahre-Klassiker der Searchers, spielte die Weidener Band "Back Beat" zur Eröffnung der Literaturtage am Donnerstagabend. Nadelstiche verbaler Art gab es an diesem Abend im Sitzungssaal des Neuen Rathauses allerdings auch: Hier, wo normalerweise die Politiker des Stadtrats tagen, sprach Sabine Guhl ein Thema an, das derzeit vielen Kulturschaffenden in der Max-Reger-Stadt unter den Nägeln brennt. Die Leiterin der Regionalbibliothek gehört zum Organisationsteam des Lesefestivals und nutzte die Gelegenheit, um der Stunde der lobenden Worte auch ein paar kritische Sätze hinzuzufügen.

In Weiden kommen derzeit alle kulturellen Veranstaltungen hinsichtlich Kosten und Besucherzahlen auf den Prüfstand - auch die Literaturtage. Dabei, so Guhl, dürfe die Frage nicht lauten: "Was darf Kultur kosten?" Vielmehr müsse man fragen: "Was ist uns Kultur wert?" Eine Stadt wie Weiden brauche eine gesunde Mischung, "und in die gehört ganz generell auch Kultur, die sich nicht alleine trägt". Zum Fernsehprogramm gehörten ja auch die öffentlich-rechtlichen Sender, die per Gebühr finanziert werden: "Oder reicht Ihnen etwa RTL aus?", fragte sie zugespitzt. Bei den Vertretern der Politik im Publikum dürfte die Botschaft angekommen sein.

"Anspruch einer Metropole"

Dass die Literaturtage seit ihren Kindertagen 1985 zu einem Festival herangewachsen sind, das sein Geld wert ist, daran ließen Guhls Vorredner keinen Zweifel. Oberbürgermeister Kurt Seggewiß (SPD), beschwingt vom musikalischen Rahmenprogramm, sah in Weiden gar "den kulturellen Anspruch einer Metropole" erfüllt: "Ein bisschen Selbstbewusstsein darf schon sein." Das jährliche Literaturereignis werfe schon lange seine Schatten weit über die Stadtgrenzen hinaus, so Seggewiß. Weiden sei für die Dauer des neuntägigen Festivals ein "Ort der Inspiration und der Interpretation".

Auch Verleger German Vogelsang (Medienhaus "Der neue Tag"), seit nunmehr sechs Jahren Schirmherr der Literaturtage, bescheinigte seiner Heimatstadt eine "großartige Entwicklung im Bereich der Kultur" über viele Jahrzehnte hinweg. Mit Blick auf die bereits seit langem ausverkaufte Lesung mit Dieter Hildebrandt am Samstag stellte Vogelsang die ironische Frage, ob aus ihm auch dann "Deutschlands Ober-Kabarettist geworden wäre, wenn er nicht die Vorzüge des Weidener Gymnasiums genossen hätte".
Besonders am Herzen liege ihm jedoch ein Hinweis auf Jean Paul, dessen 250. Geburtstag bei den Literaturtagen am Mittwoch mit einer Hommage von Prof. Dr. Helmut Pfotenhauer gefeiert wird. Und so schloss Vogelsang mit einem Satz des großen Dichters, der die Macht des geschriebenen Wortes auf den Punkt bringt: "Nichts gleicht der Mündung eines Kanonenrohrs mehr als ein geöffnetes Tintenfass."

Slam-Poesie beeindruckt

Welche Macht Worte entfalten können, das demonstrierte der aus Berlin angereiste Poet Felix Römer - seit Jahren mit dem Dichterwettstreit, dem Poetry Slam, Stammgast der Literaturtage "mit ihrer Mischung aus Professionalität und Herzlichkeit" (Römer). Sein nicht nur sprachlich zutiefst beeindruckender Text über die Kriegserlebnisse seines Urgroßvaters, den er hier vortrug, ließ einige Zuhörer fast den Atem anhalten: In der "verschwundenen Zeit" lernt ein Kind "lesen, schreiben, rechnen und schießen", tötet, leidet, kehrt heim und kann nicht vergessen - bis es am Ende des eigenen Lebens verzeiht: sich selbst. Römer erntete dafür den längsten Applaus des Abends.

Die Sixties im Fokus

Um die Macht der Bilder ging es schließlich im Vortrag von Ina Brockmann, Kuratorin der Fotoausstellung "Die Sixties - Porträt einer Ära" mit Werken von Linda McCartney, die zusammen mit den Literaturtagen eröffnet wurde. Die 1998 mit 56 Jahren an Krebs gestorbene Künstlerin war nicht etwa die knipsende Gattin eines weltberühmten Musikers - ganz und gar nicht. "Die Ehe mit Paul McCartney hat eine noch glanzvollere Karriere erst verhindert", so die Expertin.

Linda hatte sich bereits Jahre vor der Heirat mit dem Beatle einen Namen gemacht: Als alleinerziehende Mutter in New York und Rezeptionistin des Magazins "Town & Country" avancierte sie zu einer der erfolgreichsten Kamerakünstlerinnen ihrer Zeit. Mehr über die Ausstellung, die noch bis 20. Mai im Foyer des Neuen Rathauses und im Medienhaus "Der neue Tag" zu sehen ist, lesen Sie kommende Woche.

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Karten für die Literaturtage gibt es beim NT/AZ-Ticketservice (Telefon 0961/85-550 und 09621/306-230).

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Tickets online: www.nt-ticket.de

Programminfos: www.weidener-literaturtage.de
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