08.02.2018 - 21:25 Uhr
Weiden in der Oberpfalz

Buchtipps für das Frühjahr Bitte lesen!

Ein Buch ist mehr als viel Papier und Tinte. Das weiß jeder, der sich schon einmal in einer Geschichte verloren und gefunden hat. Wir stellen hier unsere liebsten Neuerscheinungen aus 2017/18 vor. Der Lesefrühling ist hiermit eröffnet.

von Beate-Josefine Luber Kontakt Profil

Von Beate Luber, Elisabeth Saller, Tina Sandmann, Lena Schulze und Maria Oberleitner

Juli Zeh: Leere Herzen



„Einstweilen haben die Leute das politische Spekulieren aufgegeben. Sie leben ihr Leben und stecken die Köpfe in den Sand, weil sie in einer Welt, in der man jemanden wie Trump nicht einfach scheiße finden kann, nicht Besseres anzufangen wissen. Britta macht sich nichts vor. Sie glaubt nicht, die Entwicklungen zu verstehen, und versucht nicht, etwas besser zu wissen. Sie wohnt in einem sauberen Haus in einer sauberen Stadt und führt ein sauberes Unternehmen. Das ist ihr Beitrag.“

Willkommen in der Bundesrepublik im Jahr 2025: Die „Besorgte-Bürger-Bewegung“ regiert und nur noch durchgeknallte Idealisten glauben, dass sie die Welt verbessern können. Die Menschen haben den reich gedeckten Tisch des öffentlichen Diskurses verlassen und sich in ihre „Smart-Homes“ zurückgezogen.

Sieben Jahre trennen uns von Juli Zehs Distopie. Wie bei jeder Zukunftsschau hält sie der Gegenwart einen Spiegel vor. Darin zu sehen sind wir: reinlich, wohlhabend, peinlichst bedacht auf unser Mittelmaß, funktionierend – volle Hände, leere Herzen. Protagonistin Britta therapiert und rekrutiert Selbstmörder und trägt den Pflichtanteil an Nihilismus in sich wie viele Figuren in Zehs Werken. Unter Todesangst erkennt Britta einen Ausweg aus der inneren Leere: sich zu spüren. Doch das tut weh.

Juli Zeh trifft den Zeitgeist so frontal, dass ihre Diagnose zur Therapie wird. Esoterikfreie Bewusstseinserweiterung garantiert. (Beate Luber)

Walter Moers: Prinzessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachtmahr

",Wrdst du da btte rntergehn?', konnte Prinzessin Dylia nur sehr leise und gepresst von sich geben, denn der Gnom lastete mit seinem ganzen Gewicht auf ihrem Brustkorb. Er presste damit nicht nur die Luft aus ihren Lungenflügeln, sondern auch fast alle Vokale aus ihren Wörtern."

Das neue Fantasy-Buch von Walter Moers beginnt schleppend. Sechs Kapitel muss der Leser durchhalten, bis der alptraumfarbene Nachtmahr auftritt. Doch dann lässt einen das Buch nicht mehr los. Der Gnom nimmt die schlaflose Prinzessin Dylia mit auf eine Reise durch ihr eigenes Gehirn. Dort treffen sie auf skurrile Lebewesen und müssen Prüfungen absolvieren. Ziel des Nachtmahrs ist es, Dylia in den Wahnsinn zu treiben. Der Weg durch das Gehirn lässt ab und an an frühere Bücher Moers’ erinnern.

Schade nur, dass der Autor im aktuellen Roman nicht mehr wie in der „Stadt der träumenden Bücher“ auf Werke anderer Schriftsteller wie Goethe oder Wissenschaftler und ihre Erkenntnisse (Einstein und die Relativitätstheorie) Bezug nimmt. Oder ich habe Anspielungen nicht erkannt. Die Inspiration zu seinem neuen Roman erhielt Moers von der Künstlerin Lydia Rode, heißt es im Nachwort. Die 25-Jährige leidet an einer Krankheit, die sie nicht schlafen lässt. Lydia Rode war Vorbild für Dylia und hat das Buch illustriert. (Elisabeth Saller)

Amor Towles: Ein Gentleman in Moskau

"Seit Jahren schon nahm der Graf mit einem kleinen Lächeln zur Kenntnis, dass dies oder jenes hinter ihm lag – die Zeiten, als er gereist war und Gedichte geschrieben und sich in Liebesangelegenheiten verstrickt hatte. Ganz richtig geglaubt hatte er es allerdings nicht. In der Tiefe seines Herzens hatte er sich vorgestellt, dass diese Dinge an den fernen Rändern seines Lebens ausharrten und darauf warteten, wiederbelebt zu werden. Aber als der Graf jetzt die Flasche in seiner Hand betrachtete, wurde ihm mit aller Macht bewusst, dass tatsächlich alles hinter ihm lag."

Moskau, 1922: Graf Alexander Iljitsch Rostov residiert im Metropol-Hotel und verbringt seine Tage damit, das Leben zu genießen. Er flaniert durch Moskau, befasst sich mit Liebesdingen, philosophiert, liest und schreibt Gedichte. Genau das wird ihm zum Verhängnis. Er wird von den Bolschewiken zu lebenslangem Hausarrest verurteilt. Rostov zieht von seiner Suite in ein Dienstbotenzimmer. Die Welt, die ihm vorher zu Füßen lag, beschränkt sich auf das Hotel und seine Bewohner. Doch der Graf hadert nicht mit seinem Schicksal, er bleibt Gentleman und Aristokrat – und freundet sich mit einem Mädchen an, das gelbe Kleider liebt und von ihm lernen will, eine Prinzessin zu sein.

Amor Towles gelingt es, mit elegant-vergnüglichem Stil und einem Gespür für Charaktere, die in Erinnerung bleiben, das Leben des liebenswerten Grafen und die jüngere Geschichte Russlands zu erzählen. Der Roman schildert auf intelligente und herrlich ironisch-sarkastische Weise, wie der Graf es schafft, seine zeitlosen Werte und Tugenden in einer chaotischen Zeit und einem ungewöhnlichen Leben zu bewahren – als wahrer Gentleman. (Tina Sandmann)

Thomas Bäumler: Liebe, Tod und Zoigl.

",Gibt es eine Leiche, ist die Frau Zimmermann nie weit. Aber was haben sie um Himmels Willen am Tatort verloren, so in der Früh und noch vor der Polizei', fragt Huaptkomissar Franz Lederer. Missmutig stapft er davon und lässt Gerti Zimmermann, Polizeireporterin beim Bayerischen Rundfunk, neben der Toten zurück. Aber wie war sie nur zwischen Unkraut, Salatköpfen und den braungefiederten Hühnern gelandet?"

Nach „Priester Neffe Tod“ und „Frauengrund“ ist „Liebe, Tod und Zoigl.“ der dritte Gerti-Zimmermann-Roman des Oberpfälzer Autors Thomas Bäumler. Es geht mitten hinein in die Zoiglbrauer-Szene von Neuhaus und Falkenberg. Auch ohne die beiden ersten Bücher der Reihe gelesen zu haben, findet man sich schnell zwischen den typischen Oberpfälzer Charakter-Figuren zurecht.

Die Polizeireporterin ermittelt diesmal an einem blut- und biergetränkten Tatort. Hauptkommissar Franz Lederer, ein grantig-gutmütiger Polizist, unterstützt sie. Dieser platzt auf der Suche nach dem Serien-Mörder am Schafferhof mitten einen Leichenschmaus - eine Versammlung sämtlicher Zoiglbrauer. Doch bis zur Aufklärung der Taten, in die sich sogar noch die politische Spitze Bayerns einmischt, ist es da noch ein langer Weg. Als Wegzehrung gibt’s Bratensulz und Zoiglbier. (Lena Schulze)

Marc-Uwe Kling: QualityLand

"Peter Arbeitsloser hat genug. ’Niemand’, sagt er. ’Ja, Peter?’ fragt Niemand. ,Ich habe keinen Appetit mehr.’ ’Okay’, sagt Niemand. Niemand ist Peters persönlicher, digitaler Assistent. Peter selbst hat diesen Namen gewählt, denn er hat oft das Gefühl, dass Niemand für ihn da ist, Niemand spricht mit ihm. Peter bildet sich sogar ein, dass Niemand ihn mag."

Marc-Uwe Kling entwirft in seinem neuen Roman einen durchoptimierten Überwachungsstaat – er selbst nennt es „lustige Dystopie“ und bringt es damit recht gut auf den Punkt. Mit viel Witz beschreibt Kling eine skurrile Welt, in der ein intelligenter Androide als Kanzler kandidiert und Paket-Drohnen einem die unterbewussten Wünsche vor die Tür liefern. Im Theater läuft „Hitler – das Musical“ und Menschen tragen den Beruf ihrer Eltern zum Zeitpunkt der Zeugung im Namen. Peter Arbeitsloser, der Protagonist der Geschichte, hat da schlechte Karten, sein Level zu erhöhen – und damit kaum Chancen auf gute Jobs und wenig Anspruch auf Krankenversicherung. Während die Drohne mit Flugangst und der Kampfroboter mit posttraumatischen Belastungsstörungen noch erstaunlich liebenswert sind, ist es doch erschreckend, wenn man sich als Leser wünscht, der Androide „John of Us“ möge der nächste Präsident werden. Weil der Roboter paradoxerweise der „bessere Mensch“ ist.

Besonders Känguru-Fans kommen auf ihre Kosten, denn auch das berühmt-berüchtigte Beuteltier hat einen Cameo-Auftritt – als rosafarbenes „QualityPad“. (Maria Oberleitner)

Buchmesse

Pflichttermin für alle Buchliebhaber: Die Leipziger Buchmesse von 15. bis 18. März. Mit der Manga-Comic-Con, die parallel stattfindet, wird die Buchmesse wieder zu einem spannenden Festival, auf der bebrillte Bücherwürmer und Cosplayer in ausgefallenen Kostümen das gedruckte Wort feiern.

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