18.10.2017 - 17:52 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Christus muss Bart tragen

Für viele ist es selbstverständlich: Christusbilder zeigen einen bärtigen Mann mit langem Haar und Mittelscheitel. Dass das nicht immer so war, erläutert eine Expertin beim Freundeskreis der Evangelischen Akademie Tutzing.

Kunstexpertin Silke Winkler spricht über Jesus als Held mit vielen Gesichtern. Skepsis zeigt deswegen Ehrenfried Lachmann, Sprecher des Freundeskreises Tutzing gegenüber einem der gezeigten Jesusbilder. Bild: sbü
von Siegfried BühnerProfil

"Ein Held mit vielen Gesichtern - Jesusbilder im Wandel der Zeit" hatte die Kunsthistorikerin, Germanistin und Galeristin Silke Winkler ihren Vortrag überschrieben. Wer ihn gehört hat, erkennt ab sofort beim Blick auf eine Christus-Darstellung, aus welcher Epoche das Gemälde stammt. Anhand zahlreicher Beispiele erläuterte die Kunstexpertin ihren Zuhörern die verschiedensten Darstellungsarten der Person Jesus Christus im Laufe der Jahrhunderte.

Am Ende des Vortrags ging Winkler besonders ausführlich darauf ein, warum Christus seit mehreren hundert Jahren fast immer in ähnlicher Art und Weise dargestellt wird. "Seit dem 16. Jahrhundert bildete die Idealisierung des Antlitzes Christi eine Konstanz in der westlichen Kunst." Unter Berufung auf alte Meister wie da Vinci oder Raffael sei eine würdevolle und edle Christusgestalt geschaffen worden. Dabei wird Jesus als schlanker und hochgewachsener Mann dargestellt. Er trägt einen noblen Mantel, hat langes, fließendes Haar und der Bart rahmt ein schmales, friedfertiges Gesicht.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sei diese Darstellung von Christus zur Grundlage "süßlich-sentimentaler" Bilder geworden. Diese Darstellungen - oft als "Schlafzimmerbilder" bezeichnet - seien zu beliebten Hochzeitsgeschenken geworden, erläuterte die Expertin. Niemand hätte es gewagt, diese Bilder zu entsorgen, deswegen wären auch heute noch sehr viele davon vorhanden. Auch in den zahlreichen Christus-Filmen hätte diese Darstellung vorgeherrscht. Allen Darstellungen hält Winkler entgegen: "Keine Stelle in der Bibel berichtet über das äußere Erscheinungsbild Christi." Wie er ausgesehen hat, wissen wir nicht.

Im historischen Rückblick erläuterte sie, dass in den ersten Jahrhunderten nach dem Tod Jesu noch überhaupt keine Darstellung erlaubt war. In der frühchristlichen Zeit entstanden Bildwerke, die Jesus als jungen bartlosen Mann mit kurzen oder langen Haaren zeigten. Bis zum Beginn des 8. Jahrhunderts hätte es im byzantinischen Reich kein allgemein verbindliches Christusbild gegeben. Vorläufer der heute gängigen Darstellungen sieht die Expertin im "Mandylion von Odessa", das nach einer Legende einen Abdruck des Gesichtes Jesus auf einem Handtuch abbildet. Ähnliches gilt für das "Schweißtuch der Veronika" oder das "Grabtuch von Turin".

Auch sei Jesus in dem im 14. Jahrhundert aufgetauchten "Lentulus-Brief" mit zweigeteiltem Vollbart und gescheiteltem Haar beschrieben worden. Winkler nannte diesen Brief eine Fälschung. Grundsätzlich stellte sie fest: "Uns allen ist bewusst, dass Jesus nie so ausgesehen haben kann." Wie hätte er sich mit diesem Äußeren unauffällig unters Volk mischen können. Auch wäre der verräterische Judaskuss unnötig gewesen.

Winkler zeigte auch zwei Computeranimationen des Gesichtes von Jesus. Die Animation eines britischen Forscherteams führte zu einem orientalischen Jesus mit rundem Kopf, großer und breiter Nase, kurzen Haaren und dichtem Bart. Sie hatte bei ihrer Veröffentlichung zu großem Wirbel geführt. Eine andere stammt von Experten der italienischen Polizei auf der Grundlage des Grabtuchs von Turin. "Das auf dem Grabtuch sichtbare Gesicht wird dabei sukzessive dem gängigen Jesusbild angepasst", stellte Winkler dazu fest.

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.

Nachrichten per WhatsApp