14.11.2012 - 00:00 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Der Schriftsteller Matthias Kneip liest in der Weidener Regionalbibliothek aus seinen ... Alte Schwarz-Weiß-Bilder in neuen, strahlenden Farben

Dr. Matthias Kneip. Bild: Voit
von Rudolf BarroisProfil

Er selbst nennt sich einen "Grenzfall". Matthias Kneip, geboren in Oberschlesien und aufgewachsen in Deutschland, ist mit polnischen Traditionen groß geworden. Er hat als Pendler zwischen den Kulturen in seiner Trilogie "Literarische Reisebilder" (Lektora-Verlag) ein Porträt des Nachbarlandes gezeichnet, das anders ist als die gemeinhin bekannten Schwarz-Weiß-Bilder deutsch-polnischer Vergangenheit. Im dritten Buch der Reihe beschäftigt er sich mit Ostpolen und gibt ihm den Untertitel "Orte am Rande der Mitte". Am Montagabend stellte er das Buch in der Weidener Regionalbibliothek vor.

Schon in den beiden ersten Veröffentlichungen - "Grundsteine im Gepäck" (2002) und "Polenreise" (2007) - hat Kneip feinfühlig und liebevoll Szenen des polnischen Alltags beschrieben und die Atmosphäre typischer Orte und Städte vermittelt. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Poleninstitut in Darmstadt ist ihm daran gelegen, jungen Menschen eine humorvolle, spannende Annäherung an das Nachbarland zu ermöglichen, das sich wie kaum ein anderes nach dem Fall des Eisernen Vorhangs verändert hat.

Schlagader Warschau

Es sind sehr persönliche Eindrücke, die der neugierige und aufgeschlossene Autor wiedergibt. Er registriert dabei die Geschwindigkeit, mit der sich das Land neuen Herausforderungen stellt. In Warschau hat er das am deutlichsten wahrgenommen. Gleichsam aus dem Nichts wieder aufgebaut, präsentiert sich ihm die neugeborene Hauptstadt als Schlagader zwischen Ost und West.

Von den Polen selbst nicht sehr geliebt, gefällt Kneip die Stadt vor allem deshalb, weil sie mehr zu erzählen hat als es scheint. Dann Danzig, Stadt der Ordensritter, Handelsmetropole seit Hunderten von Jahren und Ausgangspunkt der Auflösung des Warschauer Pakts: geschichtsträchtig allemal bis in die Gegenwart. Die ganze Bandbreite modernen polnischen Lebensgefühls zwischen tiefem Glauben und Freude am Konsum wird deutlich in Breslau. Kaum hat der Priester in der Kirche den Schlusssegen erteilt, strömen die Menschen in das gegenüberliegende Kaufhaus, das gerade geöffnet hat: "Die Zeiten haben sich verändert und mit ihnen die Gepflogenheiten", schreibt Kneip.

Zungenbrecher und Rinder

Selbst für die Polen ein weitgehend unbekanntes Land ist der Osten, der bis zur Neuaufteilung 1945 einmal die Mitte war. Mitten in Gorlice stößt Kneip auf eine eigenartige Straßenlaterne: Es ist die erste ihrer Art in Europa und verdankt ihre Existenz dem Umstand, dass ein gewisser Ignacy Lukasiewicz hier die Petroleumlampe erfunden hat. Um immer genügend Stoff für die Erfindung zu haben, ließ er gleich im benachbarten Bobrka nach Erdöl bohren - bis heute werden 15 000 Liter im Monat gefördert.

Ein anderer Ort zieht touristischen Nutzen aus der Tatsache, dass kaum jemand seinen Namen auszusprechen vermag: Als Zungenbrecher ist Szczebrzeszyn selbst in Polen berühmt. Berühmt ist Ostpolen vor allem auch durch den Nationalpark Bialowieza. Hier ist das europäische Urrind, der Wisent, daheim. Der Zubr, wie er auf Polnisch heißt, wird natürlich touristisch vermarktet, wobei es kaum wahrscheinlich ist, einem der nicht ganz ungefährlichen Kolosse in freier Wildbahn zu begegnen. Auch Kneip war neugierig, war am Ende aber dankbar, dass er es nicht darauf ankommen lassen musste.
Der Augenarzt und Philologe Ludwik Lejzer Zamenhof hat seine Heimatstadt Bialystok berühmt gemacht und ihr internationales Ansehen verschafft, als er um das Sprachengewirr in den Straßen - Russisch, Deutsch, Polnisch, Jiddisch - zu beenden, die internationale Sprache Esperanto schuf.

Das hatte auch damit zu tun, dass Zamenhof eine Zukunft des jüdischen Volkes nicht etwa in Palästina sah, sondern in einer miteinander kommunizierenden Welt ohne Sprachbarrieren. Das blieb ein Traum bis heute, wie sich gerade am Schicksal Polens gezeigt hat.

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