30.04.2010 - 00:00 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Dr. Harry Nomayo hat zwei Generationen behandelt: Jetzt kommen die Kinder der Kinder

Wie viele Kinder er in seinem Berufsleben als Mediziner betreut hat? "Oje", lacht Dr. Harry Nomayo. "Das kann ich nicht sagen. Auf jeden Fall a ganz a Haufen", fällt er ins Oberpfälzische. Grob gesagt: Zwei Generationen. Denn immer häufiger kamen Frauen mit Kindern zu ihm, die erzählten: "Meine Mutter hat gesagt, dass sie mich auch schon behandelt haben." Sein Gedanke: "Bevor die Großeltern das sagen, müsste ich aufhören."

von Jutta Porsche Kontakt Profil

Und der beliebte Kinderarzt macht Ernst. Am 22. April feierte er seinen 65. Geburtstag. Am 30. April hat er offiziell seinen letzten Arbeitstag. Theoretisch ist er zwar schon seit Anfang April in Urlaub. "Trotzdem gehe ich noch täglich rein, um alles abzuschließen." Sprich, die Korrespondenz, die Übergabe der Ermächtigungsambulanz für Neuropädiatrie, die eine Kollegin an der Kinderklinik Weiden zumindest teilweise übernehmen soll. "Das war mein Schwerpunkt in den letzten Jahren." Sein Fachgebiet umfasst Erkrankungen von Muskeln, Nerven oder auch angeborene Missbildungen bzw. Bewegungsstörungen.

Was Kinder und Eltern an ihm so schätzen: Er versteht es, mit den kleinen Patienten umzugehen, hat Humor und das nötige Feingefühl. Facharzt für Kinderheilkunde war schon in jungen Jahren sein Traumberuf. "Vielleicht liegt es daran, dass ich in einer kinderreichen Familie aufgewachsen bin." Harry Nomayo kam als ältester von sieben Brüdern in Benin City (Nigeria) zur Welt.

Sein Ziel verfolgte er beharrlich. "Sagen wir mal so: Ich war kein schlechter Schüler", kommentiert er die Tatsache, dass er als Stipendiat des Deutschen Akademischen Austauschdienstes 1964 nach Deutschland kam - und für immer hier blieb. Eines steht fest: Eigenlob ist seine Sache nicht.
Sein Studium absolvierte er in Erlangen - hier lernte er seine Frau Luise kennen - und in Düsseldorf. Die erste Anstellung als Medizinalassistent erfolgte am Krankenhaus in Neustadt/Aisch. Im August 1973 begann er seine Facharztausbildung für Kinderheilkunde am Weidener Krankenhaus. "Das war damals noch städtisch und Hans Bauer war Oberbürgermeister", erinnert er sich. In den folgenden Jahren spezialisierte sich Dr. Nomayo auf Neonatologie (Neugeborenen- bzw. Frühgeborenenmedizin) und Neuropädiatrie, wurde zum Oberarzt und schließlich zum Leitenden Oberarzt ernannt.

Engagement in Weißrußland

Seine medizinischen Kenntnisse kamen aber längst nicht nur den Kindern aus Weiden und Umgebung zugute. Nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl - am 26. April war der 24. Jahrestag - engagierte sich der Arzt auch für die dortigen Opfer. 1995 hob er die Weißrußlandhilfe Oberpfalz aus der Taufe, die seitdem Waisen- und Krankenhäuser vor Ort unterstützt. Und natürlich Kinder, die aufgrund des Atomunfalls unter schlimmen Missbildungen leiden.
Den Lesern des "Neuen Tag" bestens bekannt: Die kleine Polina. Auf seiner ersten Reise nach Minsk entdeckte der Kinderarzt im "Waisenhaus Nummer 1" die Einjährige, die unter anderem an einem offenen Rückenmarkskanal und schweren Missbildungen am linken Bein litt. Sie war das erste Kind, das der Verein Weißrußlandhilfe nach Weiden holte, um ihm durch aufwendige Operationen ein besseres Leben zu ermöglichen. Die heute 16-Jährige lebt mittlerweile mit ihrer Adoptivfamilie Ulrich aus Wildenreuth in Spanien. Polina - bei dem Namen strahlt der Kinderarzt über das ganze Gesicht. "Wir telefonieren ab und zu. Es geht ihr blendend. Sie reitet", erzählt Nomayo. Dabei wurde ihr als kleines Mädchen ein Bein amputiert. "Überhaupt ist sie ein sehr kluges Mädchen."

"Gut gemacht" hat sich auch der kleine Wowa, dessen durch Spaltbildungen verformter Schädel mehrere Operationen in Deutschland erforderlich machte (der NT berichtete). "Wowa ist einer der Gründe, weshalb ich mit dem Verein heuer im Sommer wieder nach Belarus fahren möchte", sagt Nomayo. "Eine Operation stand noch aus: die des Oberkiefers. Die sollte eigentlich vor Ort gemacht werden." Doch Dr. Nomayo zweifelt, ob das tatsächlich erfolgt ist. Deshalb möchte er sich selbst überzeugen. Und aus den Spendengeldern des Vereins, die in den letzten Jahren nur noch spärlich fließen, Waisen- und Krankenhäuser vor Ort unterstützen. (Spendenkonto 177 113, Weißrußlandhilfe Oberpfalz bei der Sparkasse Oberpfalz Nord)
"Kinderarzt ist wirklich ein sehr schöner Beruf", sagt Dr. Nomayo. "Es hat mir immer sehr viel Freude gemacht. Auch wenn die Bürokratie in den letzten Jahren stark zugenommen hat." Die kleinen Patienten könnten ihre Symptome zwar nicht immer konkret beschreiben. "Aber es gibt andere Methoden, um die Krankheit herauszufinden." Und: "Im Gegensatz zur Geriatrie werden unsere Patienten meist wieder gesund."

Ein Leben ohne Kinderklinik? Dr. Harry Nomayo - Vater von vier Kindern, wobei die Jüngste inzwischen selbst Kinderärztin in Berlin ist - kann sich das gut vorstellen. "Jetzt kann ich mehr Zeit mit meiner Frau verbringen, habe mehr Zeit für die Weißrundlandhilfe und auch wieder Muße, um zu malen." Abstrakte Bilder und afrikanische Masken - ein Hobby, das er in den letzten Jahren vernachlässigt hat. Und er möchte öfter mal zu Besuch nach Nigeria: "Zwei Brüder leben noch dort und viele Onkel und Tanten. Meine Brüder in London sehe ich öfter."

Das war das größte Lob

Übrigens: Das größte Lob, das der Kinderarzt zu seinem Abschied erhalten hat, kam von einem kleinen Mädchen. "Sie hat mir eine Karte geschickt, dass ich ein sehr guter Arzt war und dass sie sehr gerne zu mir gekommen ist." Ihre guten Wünsche für die Zukunft begleiten Dr. Harry Nomayo in den Ruhestand.

 

 

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