Ein grandioser Abend mit Dieter Hildebrandt - Mit 85 Jahren noch lange nicht reif für den ...
Rouladen vom Pferd und Steinbrücks Reden

Ein wacher Geist, der viel zu sagen hat: Dieter Hildebrandt räumte bei seinem Besuch in Weiden mit dem Stumpfsinn unserer Tage auf - sehr zum Amüsement des Publikums. Bild: Wilck
Er macht den Scheibenwischer an und sorgt für klare Sicht. Die vor ihm sitzende lachende Gesellschaft ist hellauf begeistert, wenn der Senior seine verbalen Pfeile schießt. Präzise ins Ziel, wie schon seit über einem halben Jahrhundert. Punktgenau und mit einer Sprache, die kein deutscher Kabarettist jemals so genial beherrschte, wie Dieter Hildebrandt. Hat da unlängst Mathias Richling bemängelt, dieser Mann sei ausschließlich links orientiert? Völlig falsch. Er nimmt auch seine Gesinnungsfreunde ins Visier und lässt mitunter kein gutes Haar an ihnen.

"Da schau her!"

Über 300 Zuhörer im ausverkauften Weidener Kino "Neue Welt". Die weiße Wand, auf der durchaus auch die Story von "Baby Schimmerlos" hätte flimmern können, präsentiert sich leicht getönt. Davor ein Tisch und ein Herr, der sich (wegen seiner in der Stadt zugebrachten Gymnasiumszeit) vorher im Foyer erkundigt hat, wo denn die Spielvereinigung kickt. Erfreuliche Mitteilung für den Schlesier aus München: "Demnächst in der Bayernliga." Kommentar darauf in drei Worten: "Da schau her!"

Gold-Reh braucht er nicht

Die "Weidener Literaturtage" hätten sich kein besseres Zugpferd als ihn wünschen können. Eine lebende Kabarett-Legende, die es nach eigenem Geständnis "nie zum Bambi bringen wird". Muss er auch nicht in der Vitrine haben. Dieter Hildebrandt besitzt Preise, die Leute wie der von Burda mit dem Gold-Reh ausgezeichnete Bushido nie bekommen würden.

Hildebrandt beobachtet. Hildebrandt seziert. Hildebrandt setzt die Brille des Durchschnittsbürgers auf. Wollte er nicht eigentlich vorlesen? Gemach. Sein Programm wird ja erst nach den Vorbemerkungen beginnen. Doch man ahnt: Der verbale Ritt durch die Befindlichkeiten unserer Zeit ist das Programm. Er sinniert über den Richter, der nun die Presseplätze für den NSU-Prozess verlosen lassen will und fragt sich, wie das geht, wenn jetzt auf jedem Stuhl 20 Journalisten sitzen, die sich darum beworben haben.

Stumpfsinn aufgespießt

Nichts und niemand kann sich vor dem 85-Jährigen in Sicherheit wiegen. Altersweisheit? Braucht er nicht. Hildebrandt ist noch immer Eulenspiegel der Nation. Er sitzt, wie man vernehmen darf, mit Ehefrau Renate vor dem Bildschirm und sieht dort, dass jeder Buchautor wie etwa der im Stimmbruch befindliche Turner Hambüchen mit seinen Memoiren "erst mal bei Lanz auftaucht." Ihm ist suspekt, dass sich Menschen "von einem Donnerbalken aus" in die Tiefe stürzen, "von unten her mit einem Knüppel bedroht werden und dann landen." Wenn alle 98 durch sind, "beginnt der zweite Durchgang". Herrlich! Endlich einer, der den Stumpfsinn aufspießt. Auch solchen bei der Formel 1. Hildebrandts Vorschlag: Nach 20 Kilometern anhalten und schießen. Wie beim Biathlon. Allerdings aufeinander. Dann wäre der Unfug bald eingestellt.
Das Publikum stimmt Dieter Hildebrandt zu, wenn er sich zu Ernährungsfragen äußert und ausruft: "Ich höre den Hufschlag meiner Rindsroulade." Es spendet Applaus bei der Bemerkung: "Zypern, die Schatzinsel der Russengangs." Mehr zu sagen, ist erlässlich. Dann folgt ein durchaus nicht überraschendes Geständnis. Merkel, orakelt der Altmeister des geschliffenen Satzes, werde die Wahl wohl gewinnen. "Selbst wenn ich seit 63 Jahren dagegen anwähle." Die Beichte geht noch weiter: "Auch in Bayern war ich nie bei den Siegern. Der Freistaat hat hervorragende politische Köpfe. Aber keine Wähler dafür."

Programm kann warten

Hat das eigentliche Programm schon begonnen? Nein, nicht. Zu dicht gedrängt ist das Zeitgeschehen, in das sich Dieter Hildebrandt einmischen muss. Wenn heute Volksvertreter ans Mikrofon im Parlament treten, kocht er sich etwas. Früher, bei Brandt, Wehner und Geißler saß der Mann aus Bunzlau in Schlesien gebannt vor der Glotze. "Schwachsinn jeglicher Art purzelt aus den Mündern", bedauert Hildebrandt und kommt schließlich auch auf den zu sprechen, der Bundeskanzler werden will: "Wenn Steinbrück redet, beten seine Parteifreunde." Folgt ein Säbelhieb gegen einen, den er nur Müller nennt. "Wenn der Papst schon zurücktritt, warum nimmt er den nicht mit?", blickt Hildebrandt fragend ins Publikum.

Dann geht er ab. Mit einem Rappersong am Krückstock, einer Präsentation des Walkings an zwei Stecken und der Feststellung: "Ich kann doch wirklich nichts dafür." Titel des eigentlichen Programms. Soll er beim nächsten Mal machen. Wir warten darauf!
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