Ein "Weidener Meisterkonzert": Herbert Schuch im Interview über das Programm und seinen Mentor ...
Vom Berg Sinai in die Täler der Todessehnsucht

Ein Klavierabend mit Herbert Schuch beendet am Freitag, 19. April, um 20 Uhr in der Max-Reger-Halle die Saison der "Weidener Meisterkonzerte". Der in Salzburg von Karl-Heinz Kämmerling ausgebildete Pianist sorgte für Aufsehen, als er in der Saison 2004/05 drei große internationale Wettbewerbe in Folge gewann. Mittlerweile arbeitet Schuch mit Alfred Brendel zusammen und hat sich mit seinen wohldurchdachten Programmen einen Namen gemacht. So werden in Weiden letzte Werke von Mozart, Schubert und Schumann zu hören sein.

Letzte Werke von Mozart, Schubert und Schumann - und davor ein Stück des zeitgenössischen Komponisten Thomas Larcher, zum Zeitpunkt dieses Interviews noch bei allerbester Gesundheit. Wie passt der denn in diese Reihe?

Herbert Schuch: Nun, manchmal sind die Gründe für die Stückauswahl einfacher als man denkt. In diesem Fall war es ein Wunsch des Veranstalters, ein modernes Werk mit ins Boot zu holen, und just in der Zeit hatte ich "Naunz" von Thomas Larcher entdeckt ...
... das Sie gleich am Anfang des Abends spielen werden.

Schuch: Ich fange gern mit modernen Stücken an, damit das Publikum gleich zu Beginn ein bisschen herausgefordert wird. Und das Ende von Larchers Stück leitet wunderbar in die "Geistervariationen" von Schumann hinüber, da es sich am Schluss fast in Luft auflöst. Es entsteht also - hoffentlich - dadurch eine Stille, die es mir ermöglicht, übergangslos ins nächste Stück einzusteigen.

Letzten Werken attestiert man nur allzu gerne die dunkle Aura von Abschied und Todesnähe. Wenn, dann trifft das doch wohl am ehesten auf Robert Schumann zu.

Schuch: Bei Schumanns Variationen ist der Tod tatsächlich ein Dauergast. Er fühlte sich in dieser Zeit von Geistern umgeben, die ihm sowohl himmlische als auch höllische Musik offenbarten. Mitten in der Arbeit zu seinen Variationen rannte er aus dem Haus, lief zum Rhein und stürzte sich in selbstmörderischer Absicht hinein. Nach der dramatischen Rettung komponierte er noch die letzte Variation. Man hört also tatsächlich Musik, die schon mit dem Leben abgeschlossen hat. Das ist beim Spielen unglaublich bewegend.
Dagegen verheißt der Anfang von Mozarts letzter Klaviersonate mit seinen munteren D-Dur-Hornrufen wenig Dramatik und Todesahnung. Aber: Die Sonate gilt als eine der pianistisch anspruchsvollsten im Schaffen Mozarts...

Schuch: Das stimmt. Leicht sind allerdings die wenigsten Werke von Mozart. Je weniger Töne es gibt, desto wichtiger und weitreichender sind die Entscheidungen, die man anhand dieser Noten trifft. Es gibt ja das Bonmot von Artur Schnabel, wonach Mozart zu leicht für Kinder, aber zu schwer für Erwachsene sei. Ich spiele diese Sonate seit meinem zwölften Lebensjahr und kann mich erinnern, dass mich das Stück schon damals ins Schwitzen gebracht hat. Spaß mit dieser Sonate habe ich immer noch.

Und dann wäre da noch Schuberts letzte Sonate B-Dur ...

Schuch: Es gibt hier eine stark ausgeprägte Melancholie, besonders im ersten und zweiten Satz. Aber düster ist das Stück nicht. Und der Schluss des letzten Satzes ist wie eine große Befreiung. Schubert hat damit sicher nicht seinen bevorstehenden Tod thematisiert. Sowieso drückt große Musik nicht unbedingt die Lebenssituation eines Komponisten aus. Wie soll sie auch? Diese Werke sind eher wie Kinder des Komponisten, die auf die Welt kommen und ein Eigenleben führen.
Inwieweit sind Sie bei diesem Werk von Ihrem Mentor, dem großen Schubert-Interpreten Alfred Brendel, geprägt?

Schuch: Ich habe mir extra keine Brendel-Aufnahme von der B-Dur-Sonate angehört und möchte sozusagen etwas naiv an dieses Stück herangehen. Wichtig ist, dem Stück Zeit zu geben. Wenn man etwas nicht erzwingen kann, dann ist es das Reifen von Stücken im Inneren. Am wichtigsten ist paradoxerweise die Zeit, in der man das Stück nicht spielt, sondern sozusagen ruhen lässt.

In einem Interview haben Sie Brendel mit dem "Berg Sinai" verglichen. Worum ging's?

Schuch: Brendel hatte mir seine zehn musikalischen Gebote in Stein gemeißelt übergeben. Nein, Spaß beiseite: Es ging um die Art, wie mit Information umgegangen wird. Ich habe einen großen Respekt und Achtung vor der Tiefe und Wahrheit seines Klavierspiels. Beim Unterricht mit Brendel geht es mir nicht um das Verteidigen eigener Standpunkte, vielmehr will ich so viel wie möglich mitnehmen. Mein Satz lautete: "Wenn ich zum Berg Sinai wandere, will ich nicht diskutieren."

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http://www.herbertschuch.com

http://www.konzerte-weiden.de
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