Englische Keramik im Internationalen Keramikmuseum in Weiden
Darf Keramik Kunst?

Kultur
Weiden in der Oberpfalz
01.09.2017
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Steinzeug-Flügelvase von Colin Pearson, 1975

Was hat ein Kölner mit Weiden zu tun? Wie kommt englische Keramik in die Oberpfalz? Im Internationalen Keramikmuseum in Weiden finden diese Fragen bis 18. Februar eine Antwort.

Der leidenschaftliche Sammler englischer Keramik Adolf Egner (1932 bis 2010) aus Köln hat zahlreiche Reisen nach England mit Besuchen von Keramikwerkstätten verknüpft und so eine bemerkenswerte Sammlung englischer Keramik aufgebaut. Diese Werke bekam später "Die Neue Sammlung" München als Schenkung. Jetzt sind die Stücke in Weiden zu sehen.

Keramik hat in Großbritannien eine lange Tradition, sowohl die industrielle als auch die handwerkliche und künstlerische Fertigung. In keinem anderen europäischen Land entstanden derart experimentelle, fantasievolle und technisch hervorragend ausgearbeitete Keramiken. In Weiden werden künstlerische Keramikobjekte aus früheren Jahren und von zeitgenössischen Künstlern ausgestellt. Die Arbeiten zeigen die Vielfalt und Ausnahmestellung englischer Studiokeramik ("Studio-Pottery"). Die moderne Studiokeramik wäre ohne die "Arts-and-Crafts-Bewegung" und die daraus hervorgegangenen Kunst-Töpfereien schwer vorstellbar.

Mit William Staite Murray und Bernard Leach, der 1920 von einem längeren Aufenthalt in Japan zurückgekehrt war, begann eine Entwicklung, die nach dem Zweiten Weltkrieg im Schaffen von Lucie Ried und Hans Coper einen ersten Höhepunkt erreichte. Wichtige Impulse kamen um 1960 durch den vermehrten Einsatz von bisher kaum verwendeten Techniken: Statt auf der traditionellen Töpferscheibe zu drehen, formte man die Objekte mit der Hand, wickelte, walzte, baute oder montierte.

Mutige Entwicklung

Damit war der Bann gebrochen für die Studiokeramik in all ihrer Vielfalt, wie sie für die letzten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts charakteristisch werden sollte. Die interessante und mutige Entwicklung wird an den Exponaten in Weiden sichtbar. Steht man anfangs vielleicht etwas ratlos vor den ausgestellten Schalen, Vasen, Gefäßen und Objekten, so wird die einzigartige Entwicklung bei näherer Betrachtung nachvollziehbar. Kanne, Dose und Tasse von John Maltby aus dem Jahr 1993 lassen für einen winzigen Augenblick an Teile eines klassischen Services denken, geben sich bei näherem Hinsehen aber als Kunstobjekte erkennbar. Hingegen ist die "Hand" von Jill Crowly (2002) einzig ein Kunstobjekt, sofern man sie nicht als Halterung für Schmuck heranzieht.

Es stellt sich einmal mehr die Frage, ob Kunst einen praktischen Zweck haben darf oder für sich selbst stehen muss. Ab 1968 erlebte die Keramik nicht zuletzt durch die studentische Aufbruchsstimmung einen Wandel von der Gebrauchskeramik hin zur Studiokeramik. Lucie Rie (1902 bis 1995) war in der Zeit des Nationalsozialismus als Jüdin aus Österreich nach England emigriert und wurde dort als Keramikerin bekannt. Für ihr Keramiklebenswerk erhielt sie von der Queen den Titel "Dame Commander of the British Empire". Bei ihren Werken fragte sie: "Ist es noch Keramik?"

"In den Siebzigerjahren vollzog Englische Keramik eine Entwicklung hin zu moderner Kunst. Wesentlicher Grund hierfür war, dass die Keramikklasse des Royal College of Art in London Kontakt zur Industrie aufnahm und für diese interessant wurde. In dieser Zeit entstand auch eine Kooperation mit Rosenthal", erläutert Stefanie Dietz, Leiterin des Internationalen Keramikmuseums. Neben der Arbeit in kleinen und größeren Betrieben wurden Keramikentwürfe ab den 1970er Jahren auch industriell gefertigt, es entstanden Gebrauchsgegenstände, Dekoartikel, Vasen und vieles mehr in guter Qualität.

Handwerk und Kunst

"Kurator Dr. Josef Straßer (Oberkonservator ,Die Neue Sammlung' München, Anm. d. Red.) entdeckte bei den Vorbereitungen zur Ausstellung, dass ,Die Neue Sammlung' bereits frühzeitig mit der Sammlung von Art-Pottery der Moderne begonnen hatte", erzählt Dietz. In der Ausstellung gezeigt werden auch Stücke aus der Zeit des Jugendstils, als sich die Künstler mit asiatischer Keramik auseinandersetzten. Sie begeisterten sich für die japanische Philosophie und brachten die neu entdeckte Leidenschaft in die englischen Werkstätten. Sie verknüpften das japanische Wissen über die Keramikkunst mit der Wiederbelebung des traditionellen Handwerksberufs in England.

Dietz stellt die Frage, die jeder Ausstellungsbesucher für sich selbst beantworten muss: "Wo fängt die Kunst an? Darf ein Keramiker Kunst machen?" Die Ausstellung kann Antwort geben.
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