Helmut Pfotenhauer präsentiert bei den Literaturtagen seine Biografie über den Meisterdichter ...
Weiter bis zum nächsten "Wow!"

Jean Paul und die Frauen. Der literarische Newcomer aus der Provinz und die bildungsbeflissene Damenwelt um 1800, da muss doch was gelaufen sein. Wie war das doch gleich mit jener Gräfin Schlabrendorff - jung, reich und geschieden -, mit der er zu abendlicher Stunde "das Kanapee bewohnte"? Das klingt verheißungsvoll. "Doch Sie kommen nicht auf Ihre Kosten!", warnt der Herr am Tisch - und sollte Recht behalten.

Helmut Pfotenhauer war am Mittwochabend bei den Weidener Literaturtagen zu Gast. Im Druckzentrum "Der neue Tag" stellte der Würzburger Germanist und Herausgeber seine kürzlich erschienene Biografie über den Schriftsteller Jean Paul vor, dessen 250. Geburtstag man in diesem Jahr feiert. 1763 wurde er als Johann Paul Friedrich Richter in Wunsiedel geboren. "Praktisch vor unserer Haustür", so NT-Kulturchef Stefan Voit, der Pfotenhauer den zahlreich erschienenen Zuhörern vorstellte.

Eine erstaunliche Besucherresonanz in Anbetracht der Tatsache, dass Jean Pauls Werke nun wahrlich nicht als Gute-Nacht-Lektüre taugen. Die endlos aneinandergereihten Schachtelsätze, reich an bizarren Bildern und verschnörkelten Beschreibungen. Ein revolutionär neuer Sprachstil, der seinerzeit nicht nur die weimarische Damenwelt faszinierte, sondern auch Goethe und Schiller aufhorchen ließ. Viel ließe sich erzählen über Jean Pauls Einflüsse auf Künstler nach ihm, etwa auf die Schriften und Werke des romantischen Komponisten Robert Schumann, doch Pfotenhauers Ansatz ist ein anderer.
"Wer eine Biografie schreibt, muss sich fragen, warum er sie schreibt", so Pfotenhauer zu Beginn des Abends. Im Fokus seiner Betrachtungen steht der "extreme Vielschreiber" Jean Paul, der seiner Nachwelt wahre "Textgebirge" hinterlassen hat. Die Rede ist von 11 000 Seiten veröffentlichte Werke, 4000 Seiten Briefe und gut 12 000 Seiten Exzerpte. Hinzu kommen Entwürfe, Ideen und Gedankensplitter. "Das Leben als Schreiben" titelt Pfotenhauer seine Biografie, aus der er an diesem Abend das erste Kapitel vorstellte.

"Einfach dran bleiben!"

Interessante Aspekte kamen hier zur Sprache: Jean Pauls "erschriebenes Leben", sein "Gott ist tot", gut 100 Jahre vor Friedrich Nietzsche, das in schauerlichen "Vernichtvisionen" Ausdruck findet, bis hin zum ersten Erfolg mit der Erzählung "Das Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wutz". Und immer wieder Beispiele einer Sprache, die fasziniert, aber bis heute vor Herausforderungen stellt. "Es gibt so viele Stellen, wo ich selbst nicht weiß, was er will", gesteht Pfotenhauer und rät: "Einfach dran bleiben! Sich durchkämpfen durch zwei, drei Seiten bis zur nächsten Stelle, wo man wieder 'Wow!' sagt!"
Eine dieser Stellen, an denen auch Experte Pfotenhauer die Segel streicht, kam am Ende des Abends zur Sprache, als er zum Thema "Jean Paul und die Frauen" die "einzig wirkliche erotische Stelle" vorlas. In einem Brief beschreibt Jean Paul die "Kanapee"-Szene mit der jungen Gräfin Schlabrendorff, deren Avancen jedoch nicht erwidert wurden. Legten doch ihre Leichtigkeit des Lebens und Liebens "Franziskanerstricke" um sein "empirisches Ich". Das lassen wir jetzt wirklich einfach mal so stehen.
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