Illustratorin Susanne Wohlfart über die Kompromisslosigkeit und Authentizität ihrer Kunst
Ohne Ziel ans Ziel

Seit einem Jahr ist Susanne Wohlfart selbstständige Künstlerin in Nürnberg. (Foto: Claudia Holzinger)
Kultur
Weiden in der Oberpfalz
17.11.2017
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"Musikanten Bleistift", heißt eines der "Herzstücke" von Susanne Wohlfart. Schnell und schemenhaft reihen sich Kringel, Linien und Kurven aneinander. Die Illustratorin erinnert sich nicht, welche Musik spielte oder wo. Aber sie erinnert sich genau an das beflügelnde Gefühl, dass sie beim Zeichnen hatte. (Foto: Susanne Wohlfart)
 
Mix aus Farbe und Schrift: Plakat für eine Jahresausstellung. (Foto: Susanne Wohlfart)

Frech, bunt und unkonventionell: So sind die Arbeiten von Susanne Wohlfart. In ihren sprunghaften, dynamischen Zeichnungen spiegelt sich ihr Inneres. "Ich kann Geschichten besser malen, als sie zu erzählen", sagt die 28-Jährige.

In ihrer Kunst ist alles möglich. Susanne Wohlfart macht was ihr gerade einfällt und sie begeistert. Ideen holt sich die Brünette aus dem Alltag. Was Wohlfart will: Sie versucht die Kunst zugänglich zu machen, Kleinigkeiten des Alltags in den Vordergrund zu rücken und überall "a bissl was positives reinstecken".

Damit kommt die Künstlerin an. Für den Förderpreis der Internationalen Bodenseekonferenz schlug sie ein Ex-Professor der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg vor. Die Jury zeichnete Wohlfart wegen ihrer unkonventionellen Kunst aus. "Frech mixt sie Skizzen, Fotos und Schrift. Es ist ihre Lust am Gestalten, die man spürt. Authentischer Charme und lückenhafte Lässigkeit. Da ist immer ein bisschen Zugluft." "Ich freue mich richtig krass", ist Wohlfart von der Auszeichnung begeistert. Ansonsten bekomme man als Künstler wenig Rückmeldung. "Solche Auszeichnungen bestärken einen und man erkennt, dass die Arbeit einen Sinn ergibt", sagt sie und ergänzt: "Meistens haben die Werke ja auch eine Message drin. Das soll ja auch irgendwo ankommen."


Weiße Wände

Ihre lockere Coolness und Verspieltheit spiegelt sich sowohl in ihrer Kunst als auch im Privaten wieder. "Einen typischen Arbeitsalltag gibt es nicht", sagt Wohlfart. Seit 2016 ist sie selbstständige Künstlerin. Sie ist ein Freiheits-Mensch. So bunt und durcheinander wie ihre Arbeiten aussehen, so sieht etwa auch ihre Wohnung aus. "Nur weiße Wände sind wichtig", sagt sie und lacht. Als Gegenpol zum Chaos. An den Wänden hängen keine Bilder. Nur ein einziges. "Das Bild finde ich total klasse", auch weil ein besonderes Erlebnis dranhängt: Auf der "ConsumArt" in Nürnberg tauschte sie ein Bild mit einem Kollegen, mittlerweile sind sie gute Freunde.

"Ich habe keinen Schreibtisch." Zum Arbeiten liegt die Illustratorin im Bett, sitzt am Küchentisch oder auf der Couch. "Die letzten Wochen bin ich nur von Verlag zu Verlag, mache hauptsächlich Layouts." Für ihre Aufträge erfüllt sie Kundenwünsche am Computer. "Dazu sollte man offen sein und nicht zu wählerisch", erklärt sie. Denn ein Auftrag führt eventuell zum nächsten. Stichwort Netzwerk. Selbst wenn sie mit ihrer Kreativität gebunden ist, gewinnt sie Auftragsarbeiten etwas positives ab: "Das ist auch ziemlich gut. Dort lerne ich viel über die technische Umsetzung."


Mutige Kunst

Beim analogen Malen und Zeichnen ist Wohlfart freier. Jede freie Minute nutzt sie für ihre eigenen Ideen. "Mein Skizzenbuch habe ich immer dabei". Trotz ihrer ruhigen Erscheinung, beide Hände um die Kräutertee-Tasse, steckt in ihr etwas quirliges, neugieriges, jugendhaftes.

Egal wie der Tag war, am Ende steht immer das Tanzen. "Illustration und Tanz ist für mich gar nicht so verschieden", räumt die Künstlerin Vorurteile aus dem Weg. "Beides drückt Gefühle aus." Vor kurzem tanzte sie an einer Nürnberger Ballett-Akademie vor. Sie bekam eine dreijährige Ballett-Vollzeitausbildung angeboten. Der Haken: "Ich hätte mich innerhalb von zwei Tagen entscheiden sollen. Das hat mich total überfordert". Dann eben nächstes Jahr, sagt sie sich. "Ich habe versucht an das Später zu denken, aber das geht nicht." Wohlfart vertraut auf sich selbst, bindet sich nicht an Sicherheiten. Sie entscheidet spontan. Ihr Atelier am AEG-Künstleratelier in Nürnberg etwa, gibt sie zum Jahresende auf. "Es hat sich nicht gelohnt", sagt die Brünette. Sie arbeitet an vielen Orten, von zu Hause aus, im Verlag, oder beim Verein "Edel Extra".

Der Kunstverein ist eine ihrer Leidenschaften. Mit sieben weiteren Künstlern und Kunsthistorikern gründete sie das "Edel Extra" und siedelte sie sich in einer alten Bäckerei an. Eine der Hauptaufgaben sieht der Verein darin, Kunst in einer ungezwungenen Atmosphäre jedermann zugänglich zu machen. In der alten Bäckerei mit dem urigen Ofen absolvierte Wohlfart Einzel- und Gruppenausstellungen: "Hygiene", "Upgrade", "Angst" sowie "Zeichnungen und kleine Objekt".


Heimat im Herzen

Im Verein versuchen die Mitglieder das elitäre Verständnis von Kunst aufzubrechen. Dazu geht jeder Künstler anders an die Sache heran. Gemeinsam denken sie sich Sachen aus und kombinieren die Ideen mit den Fähigkeiten der Einzelnen.

Schon als Kind, Wohlfart erinnert sich sehr genau, war das Kreative ihr Ding. "Papier, Schere, Kleber und Stifte. Das ist das Größte für mich." Nach dem Abitur am Augustinus-Gymnasium (Kunst-Leistungskurs) besuchte sie ein Jahr die Kunstakademie Weiden als Vorbereitung auf das Studium in Nürnberg.

Ihre Oberpfälzer Wurzeln hat die 28-jährige Grafikdesignerin und Illustratorin nicht vergessen. Die Weidenerin lebt und arbeiten seit sieben Jahren in Nürnberg. Oft besucht sie ihre Familie in der Heimat oder baut die Oberpfalz als Thema in ihre Kunst ein. Zwar bekomme man sie aus der Oberpfalz heraus, aber die Oberpfalz nicht aus der Künstlerin. Über diese Feststellung muss sie lachen. "Das stimmt", sagt sie, legt ihre Hand unters Kinn und blickt aus dem Fenster.

Wohlfahrt findet es gut, unterwegs zu sein, um dann wieder zurück zu kommen. Die Künstlerin kann es sich nicht vorstellen ihren Lebensmittelpunkt wieder dauerhaft nach Weiden zu verlagern. Dafür hat sie Nürnberg zu sehr ins Herz geschlossen. Schon allein das Netzwerk, dass sie sich in Mittelfranken seit dem Designstudium an der Akademie für Bildende Künste aufgebaut hat, sei nicht mehr wegzudenken. Während der Ausbildung lernte sie einen guten Draht zum eigenen Interesse zu bekommen. Harte Arbeit. "Es klingt furchtbar esoterisch, das weiß ich", sagt sie, aber anders lasse es sich nicht erklären. Einflüsse von außen, Gedanken wie "Das gefällt sicher" oder "Das könnte sich gut verkaufen" sind tabu. Darum gehe es nicht. Es gehe um Loslassen. Authentizität. Darum was der Künstler sieht, was er will.

Drei, vier Zeichnungen würde sie nie und nimmer verkaufen. "Von denen sage ich selbst, die sind genial." Eine dieser Zeichnungen ist sehr schnell in einem Moment entstanden. "Das ist einzigartig. Das lässt sich nicht wiederholen." Das fasziniert die Illustratorin. "Ich weiß nicht mehr, was für Musik es war, und wo, aber sie war ganz schnell und gestisch. So lebendig", beschreibt Wohlfahrt. In solchen Zeichnungen zähle der Instinkt und die Intuition. Da ist kein Platz für Entscheidungen. "Ich liebe das Schnelle", sagt sie. "Dann schaut es aus, wie es ausschaut. Man braucht den Mut das einfach so zu machen." Genau das möchte sie mit ihren Arbeiten vermitteln: Kunst ist keine Elite-Sache.

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Weitere Informationen:

www.susannewohlfart.de // www.edelextra.biz

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