20.04.2018 - 13:50 Uhr
Oberpfalz

Interview mit Liedermacher Ulrich Zehfuß - Konzert am 26. April in Weiden Tanz mit den Worten

Ulrich Zehfuss zählt mit zu den interessantesten deutschen Liedermachern. Er singt über "Dünnes Eis", den "Morgen" und das "Spargelfeuer" - und das alles immer gepaart mit einer Menge Poesie.

Nachdem Ulrich Zehfuss lange genug durch ein bürgerliches Leben gestreift war, meldete er sich 2016 mit einem neuen Album voller erwachsenem Songwriter-Pop in der Musikwelt zurück. Am 26. April präsentiert er "Dünnes Eis" in Weiden. Bild: Daniel Weisser
von Holger Stiegler (STG)Profil

Am Donnerstag, 26. April (20 Uhr), tritt der Singer/Songwriter, der 1990 die Band "Bunt" in seiner Heimatstadt Speyer gründete, bei der "Klein & Kunst"-Reihe in der Max-Reger-Halle (Untergeschoss) auf. Die Kulturredaktion hat sich mit dem Musiker über sein Werk und seine Prägungen unterhalten.

Auf ihrer Webseite stellen Sie sich als "Deutschsprachiger Singer-Songwriter und Liedermacher" vor. Warum haben Sie sich für Ihre Muttersprache in den Texten entschieden? Ist sie direkter?

Ulrich Zehfuss: Ich will, dass die Leute verstehen, um was es mir geht. Muttersprache ist ja mehr als eine Sprachkompetenz - es ist ein gemeinsamer kultureller Kosmos, in dem man sich bewegt: Märchen, Gedichte, Lieder, die gemeinsame Geschichte. Als Muttersprachler versteht man die Nuancen und die Bezüge der Wörter ganz intuitiv. Wir schwimmen in diesen Bezügen wie Fische im Wasser. Wenn man in einer Fremdsprache textet ist es so, als wäre man ein Ballett-Tänzer, der auf die Idee kommt, zur Aufführung Ski-Schuhe zu tragen. Was für einen Sinn sollte es haben? Deutsch ist eine wundervolle, reiche Sprache. Ich möchte mit den Worten tanzen - und zwar ohne Skischuhe.

Ihr aktuelles Album heißt "Dünnes Eis", mit dem gleichnamigen Song geht es los. Wie "biografisch" sind Ihre Lieder?

Die Lieder sind nicht eins zu eins biografisch, aber es steckt eine Menge biografische Lebenserfahrung darin, die sie authentisch werden lassen. Ich gehöre zu einer Dichterschule, die das sinnlich präzise Bild gegenüber abstrakten Worten wie "Freiheit" oder "Trauer" bevorzugt. Die Frage ist: In welchen Situationen entsteht das Gefühl von Freiheit oder Trauer? Dann forsche ich in meiner Erinnerung und finde die Momente und Situationen, die diese Gefühle erzeugt haben.

Mir geht es darum, lebendige Vorstellungen zu erzeugen. Statt zu singen: "Ich bin traurig", was gar nichts auslöst, würde ich vielleicht singen: "Auf dem Stuhl mit der knarzenden Lehne liegt Staub. Niemand sitzt mehr darauf, seit du fort bist." Das kann man sich vorstellen, das andere nicht. Und darum geht es in Dichtung: Das Unsichtbare sichtbar zu machen.

In bin nicht nur wegen der Melodie und der Rhythmik an ihrem Lied "Wind aus dem Süden" hängengeblieben. Für wie wichtig empfinden Sie es, dass gerade Künstler eine "Haltung" einnehmen - in diesem Fall beim die Schlagzeilen beherrschenden Thema Flucht/Flüchtlinge?

Ein Künstler, dessen Werk oder Persönlichkeit keine Haltung hat, ist aus meiner Sicht keiner. Er ist dann möglicherweise Designer oder Kunsthandwerker. Auch gut, aber Haltung heißt, Stellung zu beziehen zu den Themen, die ich in meinem Werk anschlage. Beim Lied "Wind aus dem Süden" war es so, dass ich Anfang 2015 ein Video einer Menschenrechtsgruppe gesehen habe, das den besungenen Vorfall am Grenzzaun in der spanischen Exklave Melilla dokumentierte: Stark gepanzerte marokkanische Hilfsgrenztruppen prügelten mit Schlagstöcken auf junge Männer ein, die über den sechs Meter hohen Zaun kletterten, in bunten kurzen Sommerkleidern.

Einer, der von seinen Begleitern als Danny, 23, aus Kamerun identifiziert wurde, wurde von einem Pulk Polizisten so lange geprügelt, bis er leblos vom Zaun stürzte. Das hat mich einfach zutiefst schockiert. Denn diese Truppen werden über Steuergelder bezahlt, also auch von mir. Es hat mich sehr bewegt, deshalb schrieb ich dieses Lied und spendete den Erlös einer Hilfsorganisation vor Ort.

Sehen Sie sich in einer musikalischen Tradition? Anders ausgedrückt: Wer sind Ihre Liedermacher-Vorbilder beziehungsweise welche Musik hören Sie privat?

Ich bin musikalisch von vielen Richtungen geprägt: Im Plattenschrank meiner Eltern fanden sich neben klassischen Liedermachern wie Reinhard Mey Platten von Abba, Donna Summer oder auch Opern und Musicals, vor allem aber Spirituals. Eine meiner liebsten Platten war "Spirit in the sky" von den Lee-Patterson-Singers, Harry Belafonte ist ein großes Idol, übrigens einer mit klarer Haltung. Als Liederschreiber mag ich Stings Lieder sehr, vor allem die seiner frühen Solo-Karriere, ich höre überhaupt anglo-amerikanische Songwriter wie Bob Dylan, den späten Johnny Cash oder aktueller Bon Iver. An deutscher Musik mag ich Element of Crime, ich höre die Platten vieler Freunde und Kollegen wie etwa Dota und Sebastian Krämer. Und natürlich prägte mich mein Mentor und Liederlehrer Christof Stählin, der 2015 gestorben ist.

Sie lassen ja musikalisch nichts auf Ihre Geburtsstadt Ludwigshafen kommen. "Gerne in Lu" ist fast schon so etwas wie eine Gute-Laune-Ode an die Stadt am Rhein. Hat sich die Stadtverwaltung schon bei Ihnen bedankt?

Sie sagen es, es ist fast eine Gute-Laune-Nummer: zweideutig, mehrdeutig wie Ludwigshafen selbst. Es ist ja leicht, auf diese Stadt einzuprügeln, auch wenn man den Prügel mit Zuckerwatter tarnt, wie ich das in dem Lied gemacht habe. Es ist nunmal eine Stadt, die als Arbeitersiedlung um eine Fabrik startete. Dafür, und dafür, dass im letzten Krieg alles zerbombt wurde, hat es sogar nette Ecken. Aber im Ernst, bei mir hat sich noch keiner bedankt, das Video dazu wird nur ab und zu von Organisationen in Ludwigshafen geteilt.

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Karten beim NT/AZ/SRZ-Ticketservice unter % 0961/85-550, 09621/306-230 oder 09661/87290, www.nt-ticket.de und Abendkasse.

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