Jochen Striebeck und Jovita Dermota lesen bei den Literaturtagen aus dem Briefwechsel des ...
Zeugnis einer großen Liebe in schwerer Zeit

Helmuth James Graf von Moltke war Gründer und geistiger Kopf des Kreisauer Kreises, der sich in der Zeit des Nationalsozialismus' mit den Perspektiven eines demokratischen Deutschlands auseinandersetzte. Verhaftet wurde er im Januar 1944, weil er einen Bekannten vor einem Gestapo-Spitzel gewarnt hatte.

Moltke gilt als eine der Lichtgestalten des deutschen Widerstandes, wurde aber auch berühmt durch den Briefwechsel, den er während seiner Haftzeit in Tegel mit seiner Frau Freya führte: 168 Briefe schrieben sie sich in 116 Tagen. In einer szenischen Lesung ließen die Schauspieler Jochen Striebeck und Jovita Dermota am Donnerstagabend in der Sparkasse Oberpfalz Nord dieses einmalige Dokument einer großen Liebe im Angesicht des Todes lebendig werden: Bei den Literaturtagen lasen sie das Zeugnis einer großen Liebe in einer schweren Zeit.

Nach kurzer Haftzeit im Gestapo-Gefängnis in der Prinz-Albrecht-Straße und im Bunker des Konzentrationslagers Ravensbrück wird Helmuth James Graf von Moltke in das Strafgefängnis Tegel gebracht, wo er auf seinen Prozess vor dem Volksgerichtshof wartet.
Dieses Warten, die Ungewissheit des Zeitpunktes und das Rätselraten um die Anklageschrift sind erster Gegenstand des Briefwechsels zwischen dem Gefangenen und seiner Frau Freya. Sie verbringt die meiste Zeit in Berlin, weil sie ihrem Mann nahe sein will - so nahe wie möglich. "Ich werde mich immer an deiner Seite über die Felder gehen sehen", schreibt sie ihm am 8. Oktober.

Kontakt zum Gestapo-Chef

Zugleich geht es aber auch um eine geschickte Verteidigungslinie und die Möglichkeit, Helmuth James zu retten. Die Familie Moltke hat auch im nationalsozialistischen Deutschland einen guten Namen, Freya scheut nicht den Kontakt zu Gestapo-Chef Müller.

Er hingegen rechnet sich inzwischen aus, was von den möglichen Anklagepunkten Bestand haben könnte und ist optimistisch. Dennoch spricht er schon jetzt von einem "Aussteigen aus Zeit und Raum", beschäftigt sich mit Gedanken über Freyas Zeit nach seinem Tod. Selbst für den Fall einer Verurteilung zum Tode setzen beiden ihre Hoffnung auf eine Aufschiebung der Vollstreckung, die nach dem zu erwartenden Zusammenbruch der Fronten in Ost und West gegenstandslos werden würde.
Über allem steht das "große Wir", ein anstrengendes Leben zwischen Leben und Tod, wie Helmuth am 28. Oktober schreibt. Er spricht von "Kartenhäusern, die zusammenbrechen". Wenn sie ihn dann besuchen kann, schlägt das alles in unglaubliche Euphorie um. Sie sind sich nahe wie nie zuvor in ihrem Leben.

Und dann wieder Abstürze: Am 14. November schreibt er ihr, dass er sich manchmal nach dem Henker sehnt. Dabei steht ein Verhandlungstermin nicht einmal fest. Er wird nicht mehr vor Weihnachten erwartet. Freya ist es inzwischen gelungen mit Roland Freisler zu sprechen, dem Präsidenten des Volksgerichtshof. Sie charakterisiert ihn als "gefährlich sprunghaften" Mann. Das Paar hofft noch immer, auch als die Anklageschrift inzwischen vorliegt. Der Gefangene bezeichnet eine ganze Reihe Punkte in dem 17 Seiten langen Schriftstück als "Unsinn". An Weihnachten versucht sie, noch einmal die Familienidylle im heimatlichen Kreisau aufleuchten zu lassen, denn sie ist sich sicher, "dass wir jetzt gerüstet sein müssen".

Briefe in Bienenstöcken

Am 11. Januar 1945 fällt das Todesurteil. Helmuth und Freya werden noch 15 Tage bleiben. Der irdische Trost schwindet. Freya resümiert: "Was wichtig ist, bleibt. Deshalb muss ich nun unser Leben leben." Dem letzten Zusammentreffen folgt sein letzter Brief aus Tegel. Ihre Antwort wird ihn nicht mehr erreichen. In der Nacht zum 23. Januar wird Helmuth James Graf von Moltke zur Hinrichtung nach Plötzensee verlegt.

Erst 2010 wurde bekannt, dass der Briefwechsel komplett erhalten geblieben ist. Sie hatte seine Post während des Krieges in den Bienenstöcken in Kreisau versteckt, trug sie danach überall mit sich in ihrem künftigen Leben, das sie nach Südafrika und schließlich in die USA führte.

Nach dem Tod der Mutter 2010 veröffentlichten ihr Sohn Helmuth Caspar und seine Frau Ulrike die Korrespondenz und widmeten das Buch Harald und Dorothee Poelchau: Der evangelische Gefängnispfarrer von Tegel hatte unter Einsatz des eigenen Lebens die Briefe transportiert, hatte Freya in Berlin beherbergt. Ohne ihn und seine Frau Dorothee wäre dieses Zeugnis einer endzeitlichen Liebe nicht zustande gekommen.

Helmuth James von Moltke, Freya von Moltke: "Abschiedsbriefe Gefängnis Tegel - September 1944-Januar 1945", 608 Seiten mit 16 Abbildungen und Faksimiles, in Leinen, Verlag C. H. Beck, 29,95 Euro.
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