Mit Bildern und Musik des eigenwilligen britischen Malers und Songwriters starten die Weidener ...
Kevin Coyne als Leitstern des Lese-Festivals

Mit einer Kunstausstellung haben auch die 28. Literaturtage in Weiden am Freitagabend im Neuen Rathaus begonnen und damit ihre weit über die Grenzen der Region weisende Botschaft angemeldet. Diesmal ist der britische Musiker, Songwriter, Maler und Autor Kevin Coyne Leitstern des Festivals, das Jahr um Jahr mehr Menschen in seinen Bann zieht, "inspirativ und herausfordernd zugleich", wie Schirmherr und Verleger German Vogelsang zur Eröffnung meinte.

Coyne, der ab 1985 in Nürnberg lebte, steht als im Grunde kompromissloser Verfechter einer alles ausleuchtenden Kultur beispielgebend für Programmatik und Anspruch dieses Festivals, das Weiden einmal mehr vom Rand in die Mitte rückt.

Mit poetischem Schwung

Vogelsang, engagierter Förderer der Literaturtage, spricht von dem frischen und fröhlichen Geist dieses Festivals der Sprache und der Kunst. Er begrüßt die erstaunlichen Veränderungen in der Kulturszene der Stadt und der Region. Weg von früherer Kopflastigkeit habe sie ihren Weg auf die Straße gefunden und vor allem in die Schulen. Coyne nennt er ein Fabelwesen mit poetischem Schwung, ein Multitalent.
Oberbürgermeister Kurt Seggewiß heißt den 2004 in Nürnberg viel zu früh verstorbenen Briten einen "Bob Dylan von Großbritannien". Er begrüßt besonders Coynes Söhne Eugene und Robert, die extra aus London angereist waren sowie die Witwe Helmi Coyne.

Sabine Guhl, Leiterin der Weidener Regionalbibliothek und seit fünf Jahren verantwortlich für die Literaturtage, knüpft an die aktuelle Diskussion um den "Kulturinfarkt" an, setzt sich damit kritisch auseinander und hebt aber auch die Bedeutung der Literaturtage hervor.

Als die Kultur nicht mehr nur einer elitären Gesellschaft vorbehalten war und für alle bezahlbar wurde, ist sie den Menschen nahe gekommen. "Kultur für alle heiße auch", so meint sie, "seit den siebziger Jahren auch Bildung für alle."

Als Beispiel nennt Guhl die hohe Akzeptanz öffentlicher Bibliotheken, deren Besucherzahlen sogar die erste und zweite Bundesliga überflügeln. Allein in Weiden waren es letztes Jahr 250 000.

Allerdings - und hier nimmt sie die bei der Eröffnungsveranstaltung anwesenden Vertreter des Stadtrates beim Wort - beklagt sie, dass in Sachen Kultur sehr viel schneller über Einsparungen diskutiert werde als beim Sport. Auch die Literaturtage befänden sich in einem ständigen Spagat zwischen Anspruch und Kostenrechnung.

Eine hohe Akzeptanz

Die Bedeutung des Lesens als Grundvoraussetzung für ein erfolgreiches Leben ist für Sabine Guhl nicht bestreitbar. Sie will das Ruder "herumreißen", damit das Lesen nicht das Schicksal des Kopfrechnens nach der Einführung der Taschenrechner erleide. Und sie setzt einmal mehr auf die Jugend und merkt hoffnungsvoll an, dass die Workshops der Literaturtage eine hohe Akzeptanz haben.

In den Mittelpunkt des Abends ist aber Kevin Coyne gerückt, der als Musiker und Maler vorgestellt wird, wobei eines das andere beeinflusst und bedingt hat. Karl Bruckmaier vom Bayerischen Rundfunk, bekennender Fan und langer Weggefährte von Coyne, versucht ein Porträt der schillernden Musikerpersönlichkeit. Mit der Popwelt eines "Swinging London" habe der Musiker nichts zu tun gehabt. Er interessierte sich für den amerikanischen Rock'n'Roll und seine Wurzeln und nicht etwa für die aufblühende irische und schottische Folklore jener 60er, als Coyne mit seiner jungen Familie nach London ging, um sich am Rande der Szene zu etablieren.
Nach einem Studium am Derby College of Art war Coyne als Sozialarbeiter und Therapeut tätig gewesen. Aus diesem Erfahrungsbereich am Rande der Gesellschaft nahm der junge Sänger seine Themen, die er mit teilweise humorvollen, teilweise scharfen Texten vortrug. Schon die ersten Alben, aufgenommen 1969, und vor allem in den frühen Siebzigern, weisen ihn als Wegbereiter aus und führen ihn dann darüber hinaus in den ihm eigenen Stil als Solo-Musiker, als der er sich erstmals 1972 mit "Case History" vorstellt.

Von Kritikern hochgelobt

Von der Branche hochgeschätzt, von Kritikern hochgelobt, vermochte er jedoch nicht das Publikum zu begeistern. Ein wenig erfolgreicher Kampf vom Rand in die Hitlisten brachte ihn in Not und schließlich nach Nürnberg, wo er sich eine zwar kleine, aber treue Fangemeinde aufbauen konnte. Die Frankenmetropole verlieh ihm schließlich vor 20 Jahren den Preis der Stadt Nürnberg für Kunst und Wissenschaft".

Bruckmaier merkt allerdings an, dass sich manches, was in den achtziger und neunziger Jahren entstand, schon wie ein zu frühes Alterswerk anhöre. Offensichtlich durch diesen fortgesetzten Kampf am Rande der künstlerischen Gesellschaft und im Musikstudio zugleich gestresst, wurde Coyne krank und starb viel zu früh am 10. Dezember 2004 im Alter von 60 Jahren. "Vielleicht ist es einmal den Weidener Literaturtagen zu verdanken, dass Kevin Coyne als bildender Künstler entdeckt wird", hoffe Bruckmaier.

"Eine Art Wiedererweckung"

"Dieses Festival könnte", so meinte auch einer seiner Söhne an diesem Eröffnungsabend, "eine Art Best Of-Wiedererweckung unseres Vaters werden". Sie spielten Lieder und Gedichte Coynes und führten sinnfällig von dem Gehörten zu dem sichtbar Gemachten, zu Coynes Bildern, die in ihrer bei allem Humor und aller Heiterkeit doch häufig das aufbrodeln lassen, was den Künstler sein Leben lang beschäftigte: Die Welt der psychisch Kranken, der Alkoholiker und Junkies. Selten haben Musik und darstellende Kunst so deutlich miteinander korrespondiert wie gerade hier.

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Die Ausstellung im Neuen Rathaus und im Medienhaus Der neue Tag sind noch bis zum 20. Mai zu sehen. Öffnungszeiten im Rathaus: Montag bis Donnerstag 8 bis 17 Uhr, Freitag 8 bis 16 Uhr und an Sonn- und Feiertagen von 11 bis 17 Uhr. Im Medienhaus: Montag bis Freitag von 8 bis 17 Uhr und am Samstag von 8 bis 12 Uhr.

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Weitere Informationen im Internet:

http://www.weidener-literaturtage.de
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