20.03.2018 - 20:00 Uhr
Weiden in der Oberpfalz

Nathan der Weise überzeugt in der Max-Reger-Halle mit zeitloser Botschaft von Toleranz Das einzig Wahre gibt es nicht

Vor knapp 240 Jahren veröffentlicht Gotthold Ephraim Lessing sein letztes Meisterwerk. Die Botschaft des Dramas "Nathan der Weise" ist aktueller denn je. Das wird am Montagabend in der Max-Reger-Halle mehr als deutlich.

Der Lessing-Klassiker "Nathan der Weise" und seine Botschaft von Toleranz trafen in der Max-Reger-Halle auf großen Zuspruch
von Holger Stiegler (STG)Profil

Was bedeutet Toleranz gegenüber Andersgläubigen? Wie komme ich mit Menschen anderer Kulturkreise aus? Fragen, die gegenwärtig drängend nach Antwort verlangen. Fragen, auf die es keine leichten Antworten gibt - zumindest, wenn man sich ihnen mit Verstand und ohne voreingenommener Radikalität nähert.

"Nathan der Weise" gilt zu Recht als das Parade-Stück, um religiösen und kulturellen Konflikten zu begegnen. Das Theater "Poetenpack" aus Potsdam führt es bei der Kulturbühne Weiden mit der Inszenierung von Andreas Hueck eindrucksvoll vor Augen. Und bestätigt die alte Weisheit, dass gute Stücke stets zeitlos sind.

Wunder und Glaube

Ort der Handlung ist Jerusalem um 1190, zur Zeit des Waffenstillstandes nach dem 3. Kreuzzug. Es ist eine Stadt, in der das Christentum, der Islam und das Judentum direkt aufeinandertreffen. Ein christlicher Tempelherr (impulsiv und trotzig: Felix Isenbügel) hat während der Abwesenheit des Juden Nathan aus Jerusalem dessen Tochter Recha (mit großer Natürlichkeit und ganz in weiß: Clara Schoeller) das Leben gerettet. Recha glaubt an ein Wunder, nicht so ihr rationaler Vater. Der Retter selbst denkt nicht weiter an die Tochter eines Juden, als er ihr vorgestellt wird, verliebt er sich Hals über Kopf.

Auch der Tempelherr verdankt seine Rettung einem wundersamen Gnadenakt: der muslimische Herrscher Sultan Saladin (nachdenklich und aufgeschlossen: Martin Molitor) begnadigte ihn als einzigen Gefangenen, weil ihn das Gesicht des jungen Christen an seinen verstorbenen Bruder erinnerte. Nathan ist bereits von den finanziellen Engpässen des Sultans unterrichtet, als dieser ihn zu sich ruft. Doch statt Nathan direkt um einen Kredit zu bitten, stellt Saladin Nathan mit der Frage nach der "wahren Religion" auf die Probe.

Die Antwort ist das Herzstück des Dramas, die berühmte Ringparabel, die sich um die Frage dreht, welche der drei großen Weltreligionen die wahre sei. Und es ist Nathans legendär-verklausulierte Antwort in Form eines Märchens: Keiner der monotheistischen Religionen kann der Vorzug gegeben werden. An Aktualität und Richtigkeit hat die Parabel bis heute nichts verloren - aller fundamentalistischen Strömungen in den einzelnen Religionen zum Trotz.

Bühne mit Symbolkraft

Mit dem Nathan-Darsteller steht und fällt das Werk: Teo Vadersen als gewitzter und weiser Jude spielt nuancenreich, bestens temperiert mit Herz, Kopf und Präsenz - kaum vorstellbar, dass die Rolle noch besser zu besetzen wäre. Komplettiert wird das Ensemble durch Simone Kabst als "moderne" Sultan-Schwester Sittah, Johanna Lesch als verschlagene und wenig tolerante Daja, Reiner Gabriel als Al-Hafi sowie Klosterbruder und Willi Händler in der Rolle des Patriarchen. Für die multireligiöse Musik sorgt am Bühnenrand Arne Assmann.

Die Bühne ist spartanisch eingerichtet und aufs Wesentliche reduziert. Dennoch entwickelt sie mit Hockern und angedeuteten Tempelsäulen eine enorme Symbolkraft: am Ende - als die vielfältigen Verwandtschaftsverhältnisse der Protagonisten aufgeklärt werden - werden die vielen kleinen Säulen umgeworfen, und sternförmig aufgelegt. Sie weisen zu einer neuen, gemeinsam errichteten massiven Säule, von der alles ausgeht. Langer Applaus von einem begeisterten und erfreulicherweise sehr jungen Publikum.

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