Packende Aufführung des Dramas "Die zwölf Geschworenen" in der Weidener Max-Reger-Halle
Der "berechtigte Zweifel" siegt

 
Die zwölf Geschworenen diskutieren ausführlich über den Mordfall - aber erst, nachdem sich ein Geschworener für "unschuldig" ausgesprochen hat. Bild: Stiegler

Alles beginnt ziemlich gelassen und ruhig: Zwölf Geschworene beäugen sich, beziehen Position und testen schließlich ihre Meinungen aus. Also ein banaler Vorgang im amerikanischen Gerichtsalltag - könnte man meinen. Doch es ist mehr: Es entwickelt sich eine Debatte über das Funktionieren einer Demokratie und ihres Rechtssystems.

Mit dem Stück "Die zwölf Geschworenen" in einer Bearbeitung von Wolfgang Rumpf gelingt dem Berliner Kriminal-Theater am Dienstag eine eindrucksvolle Eröffnung der "Kulturbühne"-Saison 2017/18 in der Max-Reger-Halle.

Das zweieinhalbstündige Stück startet nach der Gerichtsverhandlung mit den Beratungen der Geschworenen. Den verdächtigen Jungen und die Zeugen sieht der Zuschauer nicht. Schnell wird klar, dass elf der zwölf Geschworenen den Verdächtigen für den Mörder halten. Lediglich Geschworener Nummer 8 (Matti Wien) tanzt aus der Reihe und stimmt für "unschuldig". Nicht, weil er den Jungen für unschuldig hält, sondern weil er nicht über das Leben eines jungen Menschen in so kurzer Zeit entscheiden will, ohne beraten zu haben. "Ich habe einen berechtigten Zweifel", sagt er mehrmals. Ganz anders dagegen Geschworene Nummer 3 (Katrin Martin): Eine knallharte und unbarmherzige Frau, die so überzeugt ist von der Schuld des Angeklagten, dass sie kein noch so überzeugender Zweifel abbringen kann. Die Handlung ist schnell erzählt - vor allem dürfte sie jeder Zuschauer kennen, denn die Verfilmung aus den 50er Jahren mit Henry Fonda als Geschworener 8 und Lee J. Cobb als Geschworener 3 gilt als feinste Kunst aus Hollywood. Nach der 1:11-Ausgangssituation entwickelt sich im Laufe der Diskussionen eine 11:1-Situation - bis auch Geschworene Nr. 3 für "nicht schuldig" plädiert.

Wenn ein "aktionsarmes" Kammerspiel die Zuschauer nur aufgrund der Dialoge und der Argumente fesselt, sagt das eine Menge über die Qualität der Schauspieler, aber auch der Inszenierung aus. Das Stück ist an einigen Stellen in die Moderne transferiert worden: Es gibt weibliche Geschworene, auch sprachlich wurde es an die Gegenwart angepasst. Und sogar der Blick auf den "Trump-Tower" kommt vor. Mit viel Liebe zum Detail werden die Charaktere herausgearbeitet und der Zuschauer kann sich mal mit dem einen, mal mit dem anderen identifizieren. Bestechend wird gezeigt, wie die subjektiven, unterschiedlichen Mentalitäten der Geschworenen ihr Urteilsvermögen beeinflussen - und das Leben eines Menschen aufs Spiel setzen. Das gilt für den uninteressierten, gleichgültigen und prolligen Geschworenen Nr. 7 (Wolfram von Stauffenberg), genauso wie für die Immigrantin (Alexandra Maria Johannknecht), eine gründliche Frau, die sich nichts gefallen lässt und präzise argumentiert. Eine packende Ensemble-Leistung.

Dreh- und Angelpunkt des Stückes ist die Auseinandersetzung zwischen den Geschworenen Nr. 3 und 8. Katrin Martin und Matti Wien gelingt es, den Konflikt authentisch in Gang zu halten. Die Tragik des Geschehens mündet nach dem Gänsehaut erzeugenden Monolog von Martin in deren Zusammenbruch. Die Gerechtigkeit und das Prinzip des "berechtigten Zweifels" siegen - die Frage nach Schuld und Unschuld erscheint irrelevant. Langer Schlussapplaus für ein packendes Sprechtheater, das mehr Zuschauer verdient hätte.
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