Premiere für "Henry/Georg/Krieg" von Schauspielweiden
Aufschlag für die Kriegstreiber

König Henry V. (Andreas Schulz) ist nicht eben begeistert, dass der Bote aus Frankreich (Katja Rosin) Tennisbälle als Antwort auf seinen Thronanspruch mitgebracht hat. Bilder: Karin Wilck
 
Auf einen Baldachin über den Köpfen des Publikums werden die Briefe des Weidener Soldaten Georg Marx projiziert, der im Ersten Weltkrieg starb. Seine Worte an die Lieben daheim werden von den Schauspielern im Verlauf des Stückes immer wieder vorgetragen.
Klein, rund, pelzig und grün. Tennisbälle. Aus einer kleinen Holztruhe purzeln sie zu Füßen des jungen britischen Regenten. Und Henry Nummer fünf ist absolut "not amused". So also reagieren die Franzosen auf seinen Anspruch auf ihren Thron: Sie schicken ihm Tennisbälle. Das wird ein tödliches Match geben. Krieg! Und wie es bei Kriegen bis heute immer so ist: Die wahren Gründe für den Griff zu den Waffen sind oft nicht die, die von den Kriegstreibern öffentlich genannt werden.

Das ist auch bei Shakespeares "Heinrich V." nicht anders: Zwei Geistliche, der Bischof von Ely und der Erzbischof von Canterbury, sehen die Besitztümer der Kirche bedroht, sollte der König einem neuen Gesetzentwurf zustimmen. Da finden sie es viel praktischer, dem unerfahrenen Regenten einen windig hergeleiteten Anspruch auf den Thron Frankreichs einzureden, um ihn nach der Sache mit den Tennisbällen, mit Kirchengeld ausgepolstert, in den Krieg zu schicken. Und so ist es mehr als passend, dass das Ensemble Schauspielweiden seine aktuelle Produktion in einer ehemaligen Kirche inszeniert hat: in St. Augustin. Premiere war am Mittwochabend.

Euphorischer Jungsoldat

Unter dem Titel "Henry/Georg/Krieg" wollen die Theatermacher, die zuletzt 2013 mit dem Stück "Pizza-Man" in der Stadt waren, Heinrichs Krieg von vor 600 Jahren überblenden in jenen, der vor 100 Jahren ausbrach: der Erste Weltkrieg. Neben offensichtlichen Reminiszenzen (Gasmasken) macht Regisseur Alexander Flache das durch Einbeziehen authentischer Dokumente: Briefe, die der junge Weidener Soldat Georg Marx von der Front nach Hause in die Oberpfalz schickte, werden vom Ensemble in eingestreuten Sequenzen vorgetragen. Die ersten Notizen ziehen sie gleich zu Beginn aus einem der Tennisbälle, später werden einige Originalbriefe an einen Baldachin über den Zuschauern projiziert.

Unter dem Titel "Henry/Georg/Krieg" wollen die Theatermacher, die zuletzt 2013 mit dem Stück "Pizza-Man" in der Stadt waren, Heinrichs Krieg von vor 600 Jahren überblenden in jenen, der vor 100 Jahren ausbrach: der Erste Weltkrieg. Neben offensichtlichen Reminiszenzen macht Regisseur Alexander Flache das durch Einbeziehen authentischer Dokumente. Bilder von Karin Wilck



Es sind Marx' Zeilen zwischen anfangs naivem Überschwang und später ernüchterter Bitterkeit, die als Beigabe zum Shakespeare-Stoff einen der Pluspunkte dieser Inszenierung ausmachen.

"Ein Soldat ist auch ein Pionier der Kultur", schreibt der Soldat, der "voll Stolz" auf dem Weg in ein "Abenteuer" ist. "Man muss eben mitmachen und sich dem Schicksal preisgeben", heißt es später schon etwas resignierter, und dann: "Alles war zusammengeschosen, auch die Menschen waren kaputt." Georg Marx selbst, der "Schorsch", fiel am 29. April 1918.

Englisch für Anfänger

Ein weiterer Pluspunkt ist das brillante Ensemble, das den (Gott sei Dank) stark gekürzten Originaltext mit Verve und guter Intonation verkauft, dass es eine Wonne ist: Rotschopf Andreas Schulz gibt den jungen König mit großer Ernsthaftigkeit und ohne viele mimische Sperenzien, Nils Willers und Alexander Altomirianos wirken als Geistliche wie Pat und Patachon und übernehmen zusammen mit ihren Ensemblekollegen Elisabeth Milarch, Katja Rosin und Stephan Brunner verschiedenste kleine Rollen, vor allem als Soldaten.

Absolut köstlich ist die Szene, in der Rosin und Milarch als französische Prinzessin Isabelle und deren Zofe Alice sich an einem Englischkurs versuchen, um die siegreichen Soldaten von der Insel gebührend willkommen zu heißen - da wird aus "elbow" schon mal ein "Dildo", aber was soll's, der alte Shakespeare hätte es geliebt.

Wenn es überhaupt Minuspunkte gibt, dann höchstens, dass der imposante Schauplatz der Inszenierung, der durch einen bespielten Steg in der Mitte geteilt ist, zwar eine wunderbare Kulisse abgibt, der typische Kirchenhall aber einiges von der Verständlichkeit der Texte absorbiert.

Zudem wäre der Geschichte von Georg Marx etwas mehr dramaturgisches Bindegewebe zu wünschen gewesen: Zwar wurden die Briefe durchaus smart in das Stück eingebaut, wirkten trotzdem am Ende wie angedockt, nicht mit der Handlung verwoben. Vielleicht hätte der Soldat aus Weiden eine eigene Bühnenfigur verdient gehabt, die, einem Zeitreisenden gleich, den Irrsinn des Krieges kommentiert. Zu viel? Vielleicht.

Was bleibt, wie immer beim Schauspielweiden, sind starke Bilder und ein Spielort, der zusammen mit einer großen kreativen Leistung auf und hinter der Bühne einen beeindruckenden Gesamteindruck ins Hirn brennt. Relevantes Theater.

___

Die nächsten Aufführungen: 11., 12., 13., 15., 16., 24., 25., 26. und 27. April jeweils um 20 Uhr. Karten beim NT/AZ-Ticketservice (Telefon 0961/ 85-550 und 09621/306-230).

___
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.