22.04.2008 - 00:00 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Roger Willemsen liest bei den Weidener Literaturtagen aus Brehms Tierleben - Live-Premiere mit ...: Tierische Raubjunker mit menschlichen Zügen

Brehms Tierleben lässt Roger Willemsen (rechts) bei den 24. Weidener Literaturtagen seine Zuhörer literarisch richtig nacherleben. Der Pianist und Grammy-Gewinner Frank Chastenier fasst den Charakter der Tiere in unglaubliche Tonbilder. Bild: tos
von Tobias Schwarzmeier Kontakt Profil

Tiere sind trotz vieler liebenswerter Eigenschaften auch dumm, gierig, jähzornig, hinterhältig - also alles in allem ziemlich menschlich. Umgeben von einem Pflanzendschungel mit "grimmigen Stoffbestien" ging Roger Willemsen bei den Literaturtagen in Weiden in einer musikalischen Lesung von Brehms Tierleben daher nicht nur auf eine Expedition in das Reich der wilden Tiere,.

Wie es scheint, hat Willemsen in Alfred Edmund Brehm (1829-1884) einen Partner im Geiste gefunden, denn auch der zoologische Avantgardist ergötzt sich an eleganten Redewendungen. Unangepasste Querulanten sind sie beide - Brehm wurde aus zwei Zoos gefeuert, Willemsen wagte sich in der Vergangenheit an mehr als nur ein literarisches Tabu.

Ungewohnt lockerer Vortrag

Daher ist gerade der bekannte Essayist aus Hamburg genau der richtige, dem ersten massengängigen Nachschlagewerk über die Tierwelt trotz des umständlichen Satzbaus und der heute malerisch wirkenden Sprache den trockenen Humor zu entlocken. Der Mann, dem der Ruf anhaftet, sogar Sätze wie "Ich geh mal Semmeln holen" in mehrfach verschachtelten Nebensatzkonstruktionen und mit Metaphern gespickten grammatikalischen Meisterwerken auszudrücken, schlägt bei der Live-Premiere seiner CD einen ungewohnt lockeren Plauderton an und gefällt mit pointiertem Vortrag.

Schnell wird den 320 Literaturfreunden im passenden Ambiente des Autohauses Friedrich - wenn schon Tiere überfahren werden, dann wenigstens von einem BMW - klar, warum das Buch erstmals 1863 für den Weihnachtsverkauf (!) aufgelegt wurde. Gediegene Wissenschaftsprosa verlieh erstmals den Tieren über Körperbau und Fortpflanzungsverhalten hinaus menschliche Charakterzüge und machte sie quasi literaturfähig. Mit sichtlichem Vergnügen fördert Willemsen skurrile Verhaltensbeobachtungen wie an rachsüchtigen Schweinen, die Hunde zerfleischen, um ihren Hass an den Wolf-Nachfahren auszulassen, zutage. Köstliche Bezeichnungen wie Füchse als "nette Raubjunker mit reich wollender Standarte" machen die Lesung zu einem literarischen Vergnügen.

Brehm schlägt auch sozialkritische Töne an. Die traurige Erzählung eines Walross-Babys, das seiner getöteten Mutter auf das Schiff der Robbenschläger folgt, prangert schon damals das Robben-Schlachten an. Weitere Tiefe erhält der zweieinhalbstündige Exkurs über gefiederte, felltragende und andere tierische Gesellen, durch einen waschechten Grammy-Gewinner. Frank Chastenier, Pianist der WDR-Big-Band, verleiht den Tierfiguren in seinen Interpretationen - ähnlich wie bei Prokofjews Märchen "Peter und der Wolf" - stimmige Charakterzüge.

Liebeswerben am Piano

Die Zuhörer halten den Atem an, wenn der Pianist weiche, staccatoartigen Anschläge in elegante Triller auflöst und damit eine Nachtigall um ein Weibchen werben lässt. Dem leicht in Wut, aber nur langsam in Schwung geratenden Nashörnern, gibt der Pianist mit Schlägen direkt auf die Saiten seines Flügels und harten Clustern urgewaltige Kraft, beim Nilkrokodil verschleppt er mit quälend langsamen, tiefen Tönen so gekonnt das Tempo, dass Publikum und Opfer beim vertonten Angriff der Panzerechse hochschrecken.

Schade, dass der vergnügliche Abend wohl eine besondere Ausnahme bleiben wird. Denn laut Willemsen ist nur noch eine weitere tierische Lesung geplant - zum 150. Jubiläum des Frankfurter Zoos nämlich.

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