25.02.2012 - 00:00 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

"Schauspielweiden" zeigt Werner Schwabs "Präsidentinnen" im Josefshaus Die drei Putzteufelinnen in der Vorhölle

Grete (Michael Hase, links) , Mariedl (Tim Engemann, Mitte) und Erna (Christian Werner).  

von Frank Stüdemann Kontakt Profil

Was oben reingeht, damit beschäftigt der Mensch sich ganz gern - und die Kunst auch. All die feinen Dinge, die über Mund und Nase, Augen und Ohren unseren Körper betreten: duftendes Essen, schöne Bilder, himmlische Klänge. Über das, was aber unten wieder rauskommt, redet man schon weniger gern, am besten gar nicht. Und doch gibt es Menschen, die sich schon von Berufs wegen mit diesen Hinterlassenschaften beschäftigen müssen und dabei selbst zu denen gehören, die ganz unten rausgekommen sind, unten an der Gesellschaft.

Von drei solchen Menschen handelt das Stück "Die Präsidentinnen" aus der Feder des 1994 mit nur 35 Jahren gestorbenen Grazers Werner Schwab. 1990 im Wiener "Theater im Künstlerhaus" uraufgeführt, wurde es noch im Jahr davor vom Burgtheater abgelehnt, unter anderem wegen seiner "bemerkenswert obszönen Fantasie". Als Produktion von Stephan Brunner und unter der Regie von Jens Zörner ist die bizarre Groteske jetzt als Inszenierung des "Schauspielweiden" im Josefshaus zu sehen.

Nix für sensible Gemüter

Es lässt sich denken: Für arg sensible Gemüter ist das Drama, das - ohne wirklich schlimme Provokationen - an der Grenze zum schlechten Geschmack balanciert, nicht geeignet. Wer Spaß am Abseitigen hat, darf es sich indes nicht entgehen lassen.

Schon der Spielort deutet an, in welcher Welt wir uns befinden: Statt im großen Saal des einst prächtigen und jetzt baufälligen Josefshauses ist die Bühne im Untergeschoss eingerichtet, da, wo mal Garderobe, Bar und Toiletten waren, da, wo früher mal das Leben tobte.

Und weil die Realität oft das beste Bühnenbild hergibt, liegen alte Holzpaletten, Plastikplanen, Farbeimer und weitere müllige Accessoires munter in der Gegend herum, ab und an pritschelt Wasser aus Decke und Ecke - gegen Ende gar flutartig.

Ein wunderbar trashiges Ambiente also für das Trio der "Präsidentinnen", das hier am kleinen Tisch tagt, um im Fernsehen eine Papstmesse anzuschauen. Zu Beginn und am Ende des Stückes werden die drei Damen von Doris Albrecht, Marion Gatz und Melanie Neiser von der Theatergruppe "Pirker Brettl" gespielt, im Programmheft als "junge Präsidentinnen" vermerkt. Im Dirndl und mit breitem Oberpfälzer Dialekt stellen sie die drei Schreckschrauben vor: die grobklotzige Grete mit ihrer aufgesetzten Fröhlichkeit, von Mann und Tochter verlassen, die gottesfürchtige Mariedl, die mit bloßen Händen die Aborte reinigt ("Die Mariedl macht's auch ohne"), und schließlich die verkniffene Erna, die ihren eigenen Sohn verabscheut und einen polnischen Metzger liebt - der nicht zufällig wie sein berühmter Landsmann im Vatikan heißt.

Das Grauen zum Schluss

Die Schauspieler Christian Werner (Erna), Michael Hase (Grete) und Tim Engemann (Mariedl) übernehmen das Spiel nahtlos - mit Kittelschürzen, Kopftuch, Perücke und Schmuck zu Frauen umdekoriert. Auf Hochdeutsch geht's weiter, und wenn sich im Text Dialekt in den Weg stellt ("Kopferl", "Stamperl"), wird er mit Genuss herrlich zu Tode artikuliert.

Wie missgünstige kleine Kinder im Sandkasten versuchen Grete und Erna, sich mit ihren Lebenslügen gegenseitig zu überbieten, Trumpf um Trumpf, während Mariedl fast nur von Gott, dem Glauben und Toilettenschüsseln reden will. Zum Ende steigert sich das dominante Duo grenzenlos in seine Fantasien von einem imaginären Fest der späten Liebe hinein. Dann begehrt die unterdrückte Mariedl auf und malt ihnen mit größter Brutalität ihre Vision von einem für sie perfekten Finale aus.

Verfaulte Seelen

Wenn man dem glauben darf, was über Schwab zu lesen ist, dann ging es ihm nie um Sozialkritik. Eine konkrete Botschaft ist also auch in den "Präsidentinnen" nicht zu finden. Vielmehr nutzt Schwab die verrottete Derbheit der Sprache, um den seelischen Gestank seiner Figuren deutlich zu machen. Zörners unkonventionelle Inszenierung steckt voller kleiner Genialitäten, das Darstellertrio Werner/Hase/Engemann genießt Schwabs Texte hörbar.
Wie fast immer beim "Schauspielweiden" gehen Stück und Kulisse eine perfekte Symbiose ein: kaputte Existenzen in einem kaputten Haus. Da ist man froh, wenn man aus diesem Vorhof der Hölle hinterher wieder in die eigene, ordentliche Wohnung darf - und in das eigene, aufgeräumte Leben.

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Die nächsten Aufführungen: bis 3. März täglich (außer Montag) um 20 Uhr. Karten unter anderem beim NT-Ticketservice (Telefon 0961/85-550).

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Weitere Informationen im Internet:

http://www.schauspielweiden.de

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