21.11.2017 - 17:12 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Simon Grohé in der "Sünde" Wie Sonnenschein in dunklen Nächten

Es ist Freitag. Der Rücken schmerzt, und doch quält man sich am Abend aus dem Haus, weil Freitag ist, und man fragt: Warum eigentlich? Später dann, steht da Simon Grohé auf der Bühne der "Sünde" und er weiß genau, worüber man vorhin noch nachgedacht hat.

von Autor HLLProfil

Es wäre eben Herbst, sagt er, um Fünf ist es schon Nacht und um Neun möchte man eigentlich schon ins Bett. Doch er weiß auch, dass sogar im kalten Herbst und Winter manchmal die Sonne scheint, und man würde gut daran tun, sich an solchen kleinen wie seltenen Dingen zu erfreuen und das Beste draus zu machen.

Ein einziger Sonnenstrahl ist auch das ganze Konzert des Kölner Rappers, Sängers, Musikers - man würde ihm Unrecht tun, ihn nur als eines dieser Dinge zu bezeichnen - mit sehr einfühlsamen und gleichzeitig doch kraftvollen Songs sowie einer Menge guter Laune. Trotz allem. Es ist also Freitag und der Pop-Up-Club in den Katakomben des alten Josefshauses ist wieder mal ausverkauft. Nicht jeder im Publikum ist bekennender Hiphop-Fan, zunächst, man kommt eben, weil es die "Sünde" ist, der Rest wird sich dann schon ergeben. Und wie. Man kann es souligen Rap nennen, vermengt mit Vintage-Sounds und modernen Beats, ganz egal, denn was auch immer die Mischung sein mag: Sie stimmt.

Ein Hiphop-Hippie

Begleitet von Schlagzeuger und Produzent Lonnie Flowers rappt oder singt Simon Grohé von dem Wunsch, naiv bleiben und noch Träume haben zu wollen, gegen Waffen und dafür, doch öfters mal offline zu gehen. Ein Hiphop-Hippie mit einem sonnigen Gemüt voller wärmender Utopien, genau das richtige an diesen kurzen grauen Tagen. Das volle Haus nimmt es auch dankend an, so viel getanzt und mitgesungen wurde in der laufenden "Sünde"-Saison wohl bisher noch nicht.

So endet der zuvor dunkle, überlange Abend auf einer versöhnlichen, strahlenden Note. Doch so beginnt er nicht. Noch zitternd von der schmerzenden Kälte draußen wartet im Innern "El Porno" mit dem Vorprogramm. Was er erzählt, skandiert oder auch mal singt, mag nicht ganz so herzerwärmend sein, und doch - da ist dieses Gefühl der Vertrautheit, das einen gleich am Eingang abholt und entführt, denn wenn es um Literatur und Musik in Weiden geht, ist der Porno daraus schon lange nicht mehr wegzudenken. Alles so wie früher, vertraut, heimisch.

Und dann ist da noch etwas, das sich nur mit einem abgenutzten Begriff beschreiben lässt: authentisch. Wer den stadtbekannten Autor und Musiker kennt, der weiß, dass dieser keine Show abzieht, man ahnt, was er erlebt hat und dass die Wunden, von denen er spricht, auch echte sind. Nur wenigen Menschen würde gelingen was er tut, wenn er etwa mit Kapuze auf dem Kopf und frei vorgetragen Henry Miller dem Literatur-Salon entreißt und auf die Straße zurückbringt, in den 14. Bezirk von Brooklyn.

Alles ist echt

Am stärksten ist Porno aber dann, wenn er Selbstgeschriebenes vorträgt, ruhelos hin und her wandert, flankiert von Souffleur Achim, als des Künstlers Pendant gemächlich sitzend, rauchend, trinkend, und dabei völlig unironisch seine Sonnenbrille und Klamotten-Garnitur zwischen 80er Jahre Hair-Metal und Biker-Gang aufträgt. Nichts ist erfunden, alles ist echt. So wie Pornos Erzählungen aus dem Weiden der Neunziger, voller Selbstzweifel, Selbstzerstörung, Hochs und Tiefs, früh ausgelöschten Träumen und dann vielleicht doch nicht, schließlich ist er immer noch da. Nicht sonnig, aber doch erleuchtend. Ein Abend wie ums wärmende Lagerfeuer mit Freunden voller Geschichten und Lieder, an dem sich nur ein bisschen die Kälte leise von hinten heranschleicht.

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