Tobias-Meinhart-Quintett beim Jazz-Zirkel
Musikalische Interaktion auf höchstem Niveau

Von den Jazzclubs im "Big Apple" direkt ins Bistrot Paris in Weiden: Ingrid Jensen (Trompete) und Tobias Meinhart (Tenorsaxofon) boten mit ihrem international besetzen Quintett einen Abend auf höchstem Niveau, spannungsgeladen und intensiv. Bild: Reitz

"Es geht um die spirituelle Kraft von Musik, die entsteht, wenn alle Musiker ohne mentale Hindernisse musizieren, also ihrem 'Flow' freien Lauf lassen", sagt Tobias Meinhart. "Auf der Bühne zu stehen und nicht mehr zu denken", ist sein erklärtes Ziel und sein aktuelles Quintett, mit dem er gegenwärtig auf Tournee ist, nennt er "Natural Perception".

Auf der Bühne stehen vier junge Musiker, noch am Beginn ihrer Laufbahn und nur Insidern bekannt, sowie eine renommierte Trompeterin, die in den 90er Jahren in Deutschland und Österreich sehr präsent war. Die in Kanada geborene Trompeterin Ingrid Jensen war 1990 die jüngste Professorin am Bruckner-Konservatorium in Linz und ihr Auftritt zusammen mit dem legendären Saxofonisten Gary Bartz bei den Berliner Jazztagen 1996 katapultierte sie ins Bewusstsein der Jazz-Gemeinde.

Spontane Meisterwerke

In bester Jazz-Tradition werden die Formen und Stilmittel des Bebop aufgegriffen, mit zeitgemäßen Ausdrucksformen angereichert und perfektioniert. Oft genügen kurze Skizzen, aus denen spontane Meisterwerke erwachsen, spannungsgeladen und abwechslungsreich mit abruptem Stimmungswechsel. Da gibt es heiße Passagen in halsbrecherischem Tempo, dann wieder raffinierte Arrangements mit anspruchsvoller Stimmführung, Themen die an die Zusammenarbeit von Ornette Coleman und Don Cherry erinnern. Aber es gibt auch wunderbare Balladen mit Tiefgang, die unter die Haut gehen. Und es bleibt viel Raum, Töne und Stimmungen wirken zu lassen und sich solistisch frei zu entfalten. Dabei verwendet Ingrid Jensen unterschiedliche Dämpfer und gelegentlich nützt sie auch den Klangraum des Flügels, um sphärische und schwebende Klänge zu erzielen. Eine Duo-Passage von Trompete und Klavier vermittelt ein Klangerlebnis der besonderen Dimension. Jensens Klangfarben wechseln vom klaren "klassischen" Ton zum "dirty" Sound eines Don Cherry oder Lester Bowie, bis zum kraftvollen, energiegeladenen Spiel in den höchsten Lagen. Tobias Meinhart orientiert sich an der Tradition der legendären Tenoristen, allen voran Lester Young oder Sonny Rollins. Effekte oder Techniken des Free Jazz werden nur sparsam eingesetzt, Wohlklang und Harmonie sind angesagt. Erinnerungen an eine schöne Kindheit in Regensburg werden in seiner Komposition "Childhood" wach. Das schlichte und durchsichtige Thema entwickelt sich, man spürt, wie sich die Instrumente verzahnen und gegenseitig beeinflussen. Am Klavier sitzt der Spanier Yago Vazquez. Seine einfühlsame Spielweise untermalt, kommentiert und verschweißt die Vorgaben der Bläser. In den solistischen Exkursionen perlen seine Ideen über die Klaviertasten, mal virtuos in rasenden Tempi, dann wieder lyrisch und elegisch mit viel Luft und Freiraum. Der junge Schlagzeuger Jesse Simpson aus San Francisco agiert als gleichberechtigter Partner.

Mal dezent mit Besen und Becken im Hintergrund, mal solistisch mit Einwürfen und Zwischenspielen, die von hoher Musikalität zeugen, unwillkürlich denkt man an Max Roach oder Chico Hamilton, die einst das melodiöse Spiel auf den Trommeln für den Jazz entwickelten. Phil Donkin, der reguläre Bassist der Gruppe, musste für einige Konzerttermine durch Tom Berkmann ersetzt werden. Aufgewachsen in einem kleinen Dorf in den Alpen, dann Studium in New York, spielte er schon öfter mit Tobias Meinhart zusammen. Gegenwärtig ist er vor allem in den Gruppen von Markus Ehrlich und Ed Kröger aktiv. Er fügt sich nahtlos in das Gruppenkonzept ein und fasziniert durch seinen bodenständigen Klang und solistische Qualitäten.

Mit diesem Quintett beendete der Jazz-Zirkel sein Herbstprogramm.
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