15.12.2017 - 15:46 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Vor 40 Jahren Filmclub gegründet, vor 20 Jahren aufgelöst "Mehr als Lederhosen- und 007-Filme"

Der Filmclub könnte in diesen Tagen sein 40. Jubiläum feiern. Wäre vor genau 20 Jahren nicht für immer der Vorhang gefallen. Gibt es in Weiden keine Cineasten mehr?

Schon die Gestaltung der Programmhefte - unter anderem durch Florian Thomas - belegt den künstlerischen Anspruch des Filmclubs. Bild: exb
von Ralph Gammanick Kontakt Profil

Es begann mit einem Thriller. Beim ersten Filmclub-Abend am 13. Dezember 1977 flatterten Hitchcocks "Vögel" über die Leinwand. 20 Jahre später die Bruchlandung: Der NT meldete am 23. Dezember 1997 das Ende des Cineasten-Programms, das zu wenige Zuschauer gelockt hatte. Stadtrat Veit Wagner, heute unter anderem engagiert für die Kulturbühne, hatte beim Filmclub vom Anfang bis zum Ende Regie geführt.

Welches Werk würden Sie unbedingt im Filmclub sehen wollen, wenn es ihn noch gäbe?

Veit Wagner: Mein Gott, da gäbe es eine ganze Menge und immer wieder andere. Die Kultursendungen wie "Titel, Thesen, Temperamente" machen süchtig in ihren Besprechungen. Aber nach Weiden kommen die Werke dann einfach nicht - oder wenn, dann irgendwann, ohne dass man es weiß. Ich nenne jetzt einfach nur mal ein paar Namen und Titel: "Blade Runner 2049", "Lady Macbeth", "Happy End", "I am Not Your Negro" ... Nein, es muss nicht gleich "Fikkefuchs" von Jan Henrik Stahlberg sein.

Wie kam es zur Gründung vor 40 Jahren? Wer hat angeschoben? Was war der Anspruch?

Wir, einige junge Lehrer am Kepler-Gymnasium, kamen aus den Universitätsstädten, hatten dort die vielfältigen Angebote der Programmkinos erlebt wie die "Meisengeige" in Nürnberg oder das "Ostentor-Kino" in Regensburg. Wir dachten, dass man auch in Weiden mehr sehen sollte als Lederhosen- und 007-Filme. Nachfragen bei den Kinobesitzern lösten unterschiedliche Reaktionen aus. Es war Georg Steger vom Ring-Kino, der lachte und meinte: "Wenn Lehrer das anpacken, dann wird das was!" Wir - Gerhard Bauer, Burkhard Röhlinger und ich - starteten Umfragen auf hektografierten Blättern, boten Namen und Gattungen an, wollten wissen, aus welchen Ländern die Filme kommen sollten, dachten an klassische Filmtitel und aktuelle Strömungen. Die Mitglieder des "Filmclubs" - einfach "alle, die an anspruchsvollen Filmen Interesse hatten" - konnten bestimmen, welche Regisseure, welche Länder, welches Genres sie sehen wollten. Es sollten "anspruchsvolle und künstlerische Filme" sein. Bald hatten wir ein Halbjahresprogramm ausgearbeitet: Jede Woche am Dienstagabend ein Film im Ring-Kino. Eintritt 3,50 D-Mark auf allen Plätzen. So wenigstens zu Beginn.

War das Programm auf Dauer zu ambitioniert? Oder erkennen Sie andere Gründe, weshalb der Filmclub nach 20 Jahren einging?

Es gab Zeiten und Filme, da war das Ring-Kino brechend voll mit über 330 Besuchern. Wenn man die Durchschnittszahlen der mittleren Jahre ansieht, so konnte man etwa 120 Besucher pro Abend zählen. Es gab freilich auch Filme, die nur 40 Besucher lockten. In einem Film saß ich einmal am Schluss als Einziger. Wir hatten sicher manchmal zu ambitionierte Vorstellungen: Hintereinander gleich drei Filme eines längst vergessenen, aber filmgeschichtlich höchst bemerkenswerten Regisseurs! Freilich, zunehmend machte sich bemerkbar, dass es Videorekorder und Videokassetten gab. Die Besucherzahlen gingen zurück, für Georg Steger wurde der Filmclub - bei aller Sympathie für diese Sache - mehr und mehr "ein Draufzahlgeschäft". Es verbesserten sich aber auch die Möglichkeiten anderer Freizeitgestaltung in der Stadt. Von manchen ehemaligen Filmfreaks konnte man später hören, dass für sie der Filmclub damals eines der wenigen kulturellen Events in Weiden gewesen sei. Na ja.

Heute hat Weiden nur noch ein Kino. Gibt es Ihrer Meinung nach den Bedarf für mehr? Und auch für Filme, die keine Blockbuster sind?

Die Entwicklung in Weiden ist wirklich bedauerlich, einerseits geht durch die Schließung des Capitol und des Ring das Angebot zurück, andererseits zeigt sich, dass das Interesse an Filmerlebnissen erlahmt. Andere kulturelle Bereiche sind wohl attraktiver. Oder liegt es an den Ideen der Kinobetreiber? Familie Platzer-Nadler mit ihren Kinos der "Neuen Welt" bietet mit dem "Tag des besonderen Films" und den "Filmgesprächen" etwas, das den Ideen des Filmclubs wohl entsprechen würde. Frau Nadler ist auch offen für individuelle weitere Kinowünsche von Gruppen und Institutionen. Die Besucherzahlen lassen sich damit aber keineswegs in unerwartete Höhen treiben.

Viele wünschen sich eine Art Multiplex, wie es ursprünglich im NOC geplant war. Könnte es mehr Kino-Fans anlocken?

Vielleicht für einige Jahre. Wenn man das Filmangebot in Amberg ("Cineplex") und Tirschenreuth ("Cineplanet") betrachtet, so sind es wohl vor allem die Blockbuster, die Publikum bringen. Es käme auf ein Experiment an: Nischenkino daneben mit einem Vierteljahres-Programm, das sich an jenen kleinen Lichtspielhäusern in den Großstädten mit exklusivem Programm orientiert. Dann die Werbung, gezielt und in schöner Regelmäßigkeit speziell auf jenes Publikum gerichtet, das Filmkunst mit besonderem Anspruch herbeisehnt. Per E-Mail werden die Interessierten regelmäßig informiert, wird Material bereitgestellt, werden Rezensionen verlinkt angeboten ...

Würden Sie in einem neuen Filmclub eine Hauptrolle übernehmen wollen? Oder fühlen Sie sich heute in der Rolle des Zuschauers wohler?

Hauptrolle nur, wenn ich nichts anderes im Kopf hätte. Habe ich aber. Nein, es sollte sich ein Team von drei bis fünf Filmbegeisterten finden, die dann Vorschläge machen und sammeln, die das Programm erarbeiten und dieses werbungstechnisch kreativ präsentieren. Mit zusätzlichen Ideen und Events? Warum nicht! Ich kann mir gut vorstellen, dass eine konsequent qualitätsvolle Kette von Filmereignissen wieder mehr Leute in der Region aufhorchen lässt. Hallo, wo sind die Macher?

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