Weidenerin schreibt zweiten Nürnberg-Krimi: In "Royal Flush" zieht Kommissarin Starck neue Joker
Mörderisch gute Geschichten

Bis der Tod Euch scheidet: Autorin LiLo Seidl am Tatort. Hier am Nürnberger Ehekarrussell geschieht in ihrem neuen Krimi "Royal Flush" der erste Mord.
Kultur
Weiden in der Oberpfalz
01.09.2017
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In Franken würde man sie wohl als "Neigschmegdde" bezeichnen. Geboren in Weiden, Krimi schreibend in Nürnberg - und das als "Zugezogene". Darf und kann eine Oberpfälzerin das?

Nachdem LiLo Seidl fast 35 Jahre lang in der Noris lebt, kennt sie sich jedoch aus mit Lebkuchen, Drei im Weggla und anderen "frängischen" Feinheiten. Und mit Tatorten. Seit 2012 schreibt sie Krimis, gerade erschien ihr neuester "Atemräuber". In "Royal Flush" hat Kommissarin Kathi Starck gleich drei harte Nüsse zu knacken.

Sie haben 20 Jahre lang in der IT-Branche gearbeitet. Seit 2012 schreiben Sie spannende Bücher. War Ihnen die Datenverarbeitung zu langweilig?

LiLo Seidl: Gegenfrage: Was ist Langeweile? - Scherz beiseite, es war genau das Gegenteil. In der IT zu arbeiten, war spannend - aber auch nervenaufreibend und es fehlte immer mehr die Kontinuität. Ich habe nichts gegen Neuerungen, aber wenn ein Update das andere jagt und man mit dem Schließen einer Baustelle drei öffnet, kann etwas nicht stimmen. Ab Mitte 2011 herrschte in unserer Abteilung ohnehin eine gewisse Aufbruchsstimmung. Ich hatte geplant, mit Anfang 50 mein Hobby zum Beruf zu machen, es passte. Alles geschieht immer zur richtigen Zeit. Den täglichen Thrill bestimme ich jetzt selbst, in meinen eigenen Geschichten.

Am Anfang standen geschichtliche Themen und Love-Storys, nun folgen die ersten Krimis: Haben Sie die Nase voll von Romantik und nüchterner Historie?

Da muss ich etwas richtigstellen, es war nur ein historischer Roman und eine Love-Story. "Schokomaus & Anwaltssüppchen" ist eher eine fiktive Lebensabschnittsgeschichte inklusive Liebesratgeber, deshalb der Untertitel "Rezepte gegen alle Arten von Blues". "Das Vermächtnis von Südland" ist das Gegenteil von nüchterner Historie. Es ist ein packender Abenteuerroman, Liebes- und Königsdrama mit einem Hauch Fantasy. Angesiedelt im Mittelalter und mit einem fiktiven, südlichen Afrika als Location. Nein, die Nase habe ich nicht voll, geliebt werden darf auch im Krimi, Kommissarin Kathi Starck ist Polizistin und Mensch.

Ich gestehe, Krimis zu schreiben ist genau mein Ding, das flutscht nur so. Deshalb bleibe ich dabei, genehmige mir aber auch Ausflüge in andere Genres. Bestimmt von der Frage "Warum radikalisieren sich gut integrierte Flüchtlinge und werden zu Attentätern?" entstand mein in Kürze erscheinendes fünftes Buch, das Thriller-Drama "72 - Liebe ist stärker als Hass". Dieses Thema zu behandeln, war mir sehr wichtig, dafür legte ich beim dritten Kathi Starck-Krimi eine dreimonatige Pause ein.

Auffallend in Ihren Krimis sind die Detail-Kenntnisse: Ob Naturwissenschaften, Strafrecht oder Pathologie, im ersten Krimi "Positronenfalle" geht es um Spionage in einer Rüstungsfirma - woher bekommen Sie Ihr Hintergrund-Wissen?

Lesen, fragen, lesen ... Sie kennen doch den Sesamstraßen-Spruch "Wer, wie, was, wieso, weshalb, warum? Wer nicht fragt ...". Ich habe schon als Kind meine Eltern, Tanten, Onkel mit Fragen regelrecht gelöchert. Andere elfjährige Mädchen lasen Hanni und Nanni und Co. - ich Jules Verne und "Götter, Gräber und Gelehrte". Als Teenager griff ich mir die Brockhaus-Enzyklopädie und andere Wissenschafts-Bildbände aus Papas Bücherregal. Es folgten Science Fiction, englische Krimis und alles von John Grisham und Michael Crichton. Ich wollte immer wissen, welche Fakten hinter einer Geschichte stecken und habe geforscht. So entstand eine umfangreiche Bibliothek in meinem Kopf. Trotzdem ist für jedes neue Buch akribische Recherche unabdinglich, daneben stehen mir ausgezeichnete Leute vom Fach (Physiker, Kriminalbeamte, Anwälte, Ärzte, Rechtsmediziner) beratend zur Seite.

Ihr neuestes Werk "Royal Flush" wartet gleich mit drei harten Nüssen auf, die Nürnbergs Top-Kommissarin Kathi Starck lösen muss. Die Technik spielt wieder eine große Rolle, sogar eine Multirotor-Kamera-Drohne kommt vor. Sind Sie im wahren Leben auch technikaffin?

Ich bin sehr technikaffin, aber nicht technikhörig. Ich weiß, was es Neues auf dem Markt gibt, muss es aber nicht unbedingt haben. Ich kaufe neue Technik, wenn sie mir Nutzen verspricht. Außer Schach habe ich noch nie ein Computerspiel gespielt und ich nutze nur vier Apps auf meinem Smartphone. Für die Krimis (Spielzeit 2024/2025) muss ich ein wenig in die Zukunft denken, aber ich bleibe bei den Science-Fakten, es soll ja keine Science-Fiction werden. Ich antizipiere gern und spiele mit dem technischen Fortschritt, was mir ganz gut gelingt.

Einer meiner Leser, ein Kripobeamter, wünscht sich nichts sehnlicher als ein Padfone wie Kathi und ihre Kollegen es benutzen. Aus den diktierten Notizen generiert eine Software das für den Druck aufbereitete Protokoll, die lästige Schreibarbeit fällt weg. In einer aufgezeichneten Zeugenaussage werden stressbedingte Veränderungen in der Stimme markiert, quasi ein eingebauter Lügendetektor. Ich bin sicher, in ein paar Jahren ist das "State of the Art".

Woher bekommen Sie die Themen für Ihre Bücher? Was inspiriert Sie: Ein bestimmter Ort, eine Tasse Kaffee, Musik?

Mich inspirieren Orte, Musik, Filme, Bilder, Kunst, Gebäude, Natur, Menschen, oft nur ein Wort und das aktuelle Tagesgeschehen (TV, Zeitung, Selbsterlebtes). Ich gestehe, ich bin ein Nachrichten-Junkie, mindestens drei Sendungen pro Tag müssen es sein, plus eine in Englisch. Gepaart mit Fantasie ergibt das eine Geschichte.

Welche Bücher welcher Autoren lesen Sie im Urlaub? Stephen King, dessen Sohn jetzt auch das Schreiben entdeckt hat?

Stephen King ist nicht mein Fall. Ich lese viel Fachliteratur, Polit- und Wissenschafts-Thriller, klassische Krimis, Historisches und High Fantasy.

Sie sind Mitglied der "Mörderischen Schwestern" - Muss man sich vor Ihnen fürchten? Gibt es auch mörderische Brüder?

Fürchten muss man sich nur beim Lesen unserer Bücher, denn die sind mörderisch gut. Sicher gibt es mörderische Brüder, ein großer Teil davon tummelt sich im "Syndikat", die größte Gruppe deutschsprachiger Krimi- und Thrillerautoren (w/m). Leider haben Selfpublisherinnen wie ich dort keinen Zutritt.

Sie sind ja eine gebürtige Oberpfälzerin, für Ihre Regionalkrimis brauchen Sie den fränkischen Dialekt. Haben Sie dafür einen Sprachkurs besucht?

Nein, das musste ich nicht. Nach fast 34 Jahren in der Noris beherrsche ich den mittelfränkischen Dialekt und kann auch den ober- und unterfränkischen voneinander unterscheiden.

Geboren in Weiden - wird es einmal einen Oberpfalz-Krimi geben? Oder was planen Sie in den nächsten Jahren?

Einen Oberpfalz-Krimi? - Alles ist möglich. Zunächst plane ich für den 3. Kathi Starck-Krimi (darin geht es um korrupte und geldgierige Pharmazeuten) einen ermittlungstechnischen Ausflug nach Weiden. Krimi wird mein Haupt-Genre bleiben, ich werde aber auch andere "bedienen". Im Herbst bringe ich eine Novelle heraus. Darin geht es um die Verarbeitung des Verlustes eines geliebten Menschen. Die an Amnesie leidende Hauptfigur vermischt Realität und Traum mit ihrer einzigen Erinnerung an das zuletzt Erlebte, den Film "Metropolis".

In meiner Schublade stapeln sich viele Ideen und einige begonnene Projekte, darunter Teil II des Südland-Epos und ein fix und fertiges, zehn Jahre altes Thriller-Drehbuch. Die Verfilmung war deutschen Produktionsfirmen zu teuer, das werde ich zum Roman umschreiben. Es bleibt garantiert unlangweilig.

LiLo Seidl: "Royal Flush" (ISBN: 9 783744 822008), "Positronenfalle" (ISBN: 9 783744 823197), je 344 Seiten, 11,99 Euro.

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Weitere Informationen:

www.liloseidl.de
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