Wolfgang Herzer über das umstrittene Kunstwerk von Kay Winkler
Stein des Anstoßes

Vor zwei Jahren hat Künstler Kay Winkler dem Kunstverein Weiden und der Stadt dieses Kunstwerk geschenkt. Jetzt stellt sich heraus: Es gefällt beileibe nicht jedem Weidener. Das allerdings liegt laut Wolfgang Herzer weniger an dem Objekt als am Betrachter. Bild: gsb
Kultur
Weiden in der Oberpfalz
20.03.2017
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Wolfgang Herzer nimmt Stellung zum Kay-Winkler-Kunstwerk. Archivbild: htl

Das soll Kunst sein? Wenn ja, dann sei sie ziemlich deprimierend: Kollege Volker Klitzing fällte vergangene Woche an dieser Stelle ein hartes Urteil über die Beton-Skulptur beim Landgericht, die Künstler Kay Winkler der Stadt vermacht hat. Eine Reihe von Lesern gab ihm recht. Wolfgang Herzer vom Kunstverein Weiden sieht's ganz anders, wie er in einem Beitrag wissen lässt. Und er freut sich, dass eine Diskussion in Gang kommt:

"Die Glosse von Volker Klitzing war eine große Überraschung. Das Freudige daran ist, dass sie Denkanstöße gibt, nicht nur mir, wie man lesen konnte. Anstöße sind manchmal schmerzhaft. Der Raum der Kränkung, den Volker Klitzing in seiner Glosse beschreibt, hat neben der sichtbaren Hemmschwelle aus Beton, die sich der gewohnten Sehweise entgegenstellt, auch noch eine unsichtbare Hemmschwelle aus Vorurteilen und Desinteresse. Sie befindet sich 200 Meter weiter in Richtung Innenstand, Ledererstraße 6. Hier hat der Kunstverein Weiden seinen Standort und pflegt Kunstvermittlung auf Großstadt-Niveau. Doch besagte Hemmschwelle verhindert, dass auch ganz weltoffene Weidener daran teilnehmen. Sie fühlen sich in ihrer persönlichen Wahrnehmung und Werthaltung eingeschränkt bzw. nicht angesprochen, bleiben lieber draußen und gehen weiter.

Der Besuch unserer Ausstellungen, die seit mehr als 20 Jahren Weiden als Kunststadt bekannt gemacht haben, hätte helfen können, Sehweisen zu üben und auszuprobieren, die uns den Sinn besagter Skulptur schmerzfrei näher bringen, und das zu unterstützen, was man mit kultureller Kompetenz meint: die rechte Umgangsform mit dem Fremden. Ja, das ist generell unbequem. Kunst hilft dabei. Sie gewöhnt an fremde Brillen, die dann nicht mehr auf der Nase drücken, sondern einem das Fremde vertrauter machen, sie lassen den Betrachter dahinterkommen, dass das Spaß bringt. Und dass das Problem nicht bei der Kunst liegt, sondern bei einem selber und denen, die es nicht fertigbringen in den Dialog zu treten, zu fragen und sich Zeit zu nehmen.

Der Skulpturen-Standort hat in diesem Zusammenhang Sinnbild-Charakter. Die Skulptur steht auf einer Grün-Insel zwischen zwei Einbahnstraßen, die Art und Weise, wie hier die Skulptur mitunter wahrgenommen wird, zeigt uns die Einbahnstraße, die jedem von uns im Kopf passieren kann. Man sollte mal anhalten, sollte aussteigen, sollte die gewohnte Wahrnehmungsweise verlassen und in einer Umrundung das ungewohnte Objekt aus allen Blickwinkeln kennenlernen und es in seiner Gesamtheit begreifen. Dafür steht das Standbild da. Als Testbild und Stein des Anstoßes.

Mit dieser Glosse wird sicherlich manchem aus der Seele gesprochen und schlägt vielleicht dort, wo bisher stille Wasser waren, Wellen. Prominente Beispiele für Wellenbewegungen durch das Stellen künstlerischer Geschmacksfragen gibt es etliche. In Weiden war es der Mauermann-Brunnen am Unteren Markt, der in den 1970er Jahren eine Bürgerinitiative gegen seine Aufstellung auf den Plan rief, weil das Objekt für den Standort zu modern gewesen wäre. Fast zeitgleich sorgte eine wirklich moderne Skulptur von Richard Serra, ,Terminal', 1979 in Bochum für einen Aufstand, der ein wichtiges Datum in der Rezeptionsgeschichte von Kunst markiert. Stilistisch ähnelt Serras Arbeit Kay Winklers Beton-Skulptur sehr. Man ist fast geneigt zu sagen, mit 40 Jahren Verspätung sind wir in Weiden endlich einmal wieder soweit, zu modern zu sein."
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