31.03.2004 - 00:00 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

42-Stunden-Woche: Bei Polizei schrillen Alarmglocken - Eck: Belebung für Konjunktur - ... Lange Gesichter wegen längerer Arbeitszeit

von Ralph Gammanick Kontakt Profil

Als Finanzbeamter hat er natürlich auch die Argumente der Gegenseite auf der Rechnung. "Alles eine Frage der Kosten. Der Haushalt gibt im Moment nicht viel her", räumt Günther Schick ein. Andererseits engagiert sich Schick als Personalrat. Und von daher löst bei ihm die Vorstellung, am Finanzamt Weiden künftig 42 Wochenstunden ackern zu müssen, "natürlich alles andere als Begeisterung aus".

Rund 160 Beamte wären bei der Behörde betroffen von der Arbeitszeitverlängerung, welche die Staatsregierung für den 1. September ins Auge gefasst hat. "Das ginge zu Lasten des Arbeitsmarktes", hat Schick erkannt. ver.di-Geschäftsführer Manfred Haberzeth konkretisiert: "Arbeitslose werden noch weniger Chancen auf eine Stelle haben." Wie die aktuelle Entwicklung um die Krankenhäuser zeige, sei Arbeitszeitverlängerung "kein Mittel, um Arbeitsplätze zu erhalten".

Dass Finanzminister Faltlhauser plane, im Zuge der Änderung bis zu 1600 Stellen bei der bayerischen Polizei einzusparen, lässt bei Reinhold Preßl alle Alarmglocken schrillen. "Personell sind wir ohnehin an der Grenze", berichtet der Personalratsvorsitzende der Polizeidirektion (rund 350 Beamte). Für besondere Belastungen sorgt der Schichtdienst. Jetzt die Aussicht, "noch weniger junge Kollegen zugeteilt zu bekommen. Dabei sind wir ohnehin überaltert. Und die Täter werden immer jünger". Die Konsequenz der längeren Wochenarbeitszeit, prophezeit Preßl, werde "jeder Bürger" spüren. Nämlich: "weniger Sicherheit".

Mehr Arbeitslose?

Zudem erhoffen sich Union und Wirtschaft ja generelle Signaleffekte. Nach dem Willen von Ministerpräsident Stoiber sollen sich mittelfristig alle Mitarbeiter im öffentlichen Dienst (derzeit 38,5-Stunden-Woche) zu den "42-Stunden-Vorreitern" gesellen. Zusammen mit den Beamten müssten dann laut Haberzeth in Weiden insgesamt rund 2000 und im Landkreis Neustadt/WN etwa 1000 Beschäftigte länger ran. Und der ganze Rest? "Die längere Arbeitszeit ist sicher ein Punkt, über den man man diskutieren kann, wenn es darum geht, im internationalen Wettbewerb zu bestehen und eine konjunkturelle Belebung zu erzielen", glaubt Wolfgang Eck vom Industrie- und Handelsgremium. Ob damit aber nicht auch das Heer der Arbeitslosen wächst? "Umgekehrt hat's doch auch nicht funktioniert", sagt Eck: "In den letzten 20 Jahren landeten wir teils weit unterhalb der 40-Stunden-Woche. Nie hatten wir dadurch nennenswert weniger Arbeitslose."

Arbeitszeitverlängerung ohne Lohnausgleich - "Kleinbetriebe könnten mehr leisten. In Großbetrieben würden Arbeitsplätze vernichtet", schildert Wirtschaftsclub-Chef Peter Eichleitner die möglichen Folgen. "Aber erreicht wäre nichts. Das bringt mehr Ärger als Nutzen." Eichleitner plädiert für flexiblere Arbeitszeitmodelle, damit sich Betriebe an die Gegebenheiten des Marktes anpassen können.

Verunsicherung lähmt

"Das Problem", meint Eichleitner, "ist nicht, dass wir zu wenig arbeiten, sondern dass wir zu wenig verkaufen." Oder, wie es Preßl formuliert: "Da können wir so viel produzieren, wie wir wollen - was nützt es, wenn hinterher niemand das Produkt haben will?" Die Bundesregierung müsse daher "die Gesamtsituation besser verkaufen", fordert Eichleitner: "Die Menschen sind verunsichert. Sie sparen ihr Geld lieber, weil sie nicht wissen, was noch auf sie zukommen könnte."

Finanzbeamter Schick rechnet auf lange Sicht schon mit dem Schlimmsten. Wann nach oben hin die Grenze erreicht ist? "Wir hatten ja auch schon mal die 48-Stunden-Woche . . ."

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