30.05.2012 - 00:00 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

44-jähriger Hirschauer, des zweifachen Raubüberfalls verdächtigt, bringt Gericht immer wieder ... An abenteuerlichen Erklärungen herrscht kein Mangel

von Autor HWOProfil

Das Bauchgefühl sagt denen, die diesen Prozess beobachten: Er war es und kein anderer. Doch das Gesetz fordert zweifelsfreie Beweise. Daran hapert es in mancher Hinsicht noch im Verfahren gegen einen des zweifachen Raubüberfalls und des mehrfachen Tankstellenbetrugs verdächtigen Mann aus Hirschau.

Mütze mit Sehschlitzen

Am zweiten Verhandlungstag ging die Erste Strafkammer noch einmal genauer auf jene Utensilien ein, die man nach einem vom Beschuldigten gestandenen Tankbetrug in Wernberg-Köblitz beschlagnahmt hatte. Eine Wollmütze mit Sehschlitzen befand sich darunter, ein Fernrohr mit Stativgriff, eine Schreckschusspistole, diverse Kabelbinder, zwei Handfunksprechgeräte und ein Teleskopschlagstock. Alles Sachen, die möglicherweise zur Ausstattung bei Straftaten hätten dienen können.

Die Erklärungen des 44-jährigen Hirschauers ("Ich habe nie einen Überfall geplant") lösen immer wieder ungläubiges Erstaunen aus. Das Fernrohr habe zum Beobachten von Wildschweinen und anderen Waldtieren gedient, der wuchtige Schlagstock mit Trageschlaufe als Stütze von geöffneten Motorhauben. Einem, der im Zuhörerraum saß, entfuhr es daraufhin: "Kann man ein Gericht eigentlich noch mehr veralbern?" Diese Bemerkung beinhaltete auch den Benutzungszweck für ein Stück gesäumtes Tuch, das zum Abdecken von Autokennzeichen hätte dienen können. Dem Gericht sagte der Beschuldigte, seine Frau habe es als Wischmob hergenommen.

Verräterische Schnipsel

Nach der Festnahme bei Wernberg-Köblitz hatte die Amberger Kripo auch eine Menge kleiner Papierschnipsel gefunden. Sie wurden in mühevoller Arbeit zusammengeklebt und ergaben Buchstaben und Ziffern eines Erlanger Kennzeichens. Seltsam: Ein Autokennzeichen, das bei einem Tankbetrug in Schwandorf verwendet worden war, begann mit "ER...". Und noch etwas ist bemerkenswert: Bei mehreren Straftaten tauchte ein Wagen vom Fabrikat Skoda auf. Einen solchen Pkw hatte der 44-Jährige vergangenes Jahr im Sommer von einem Händler als Leihfahrzeug. Beim Überfall auf eine Bäckereifiliale in Sorghof war der Täter allerdings zu Fuß geflüchtet, beim Raub auf eine Sulzbach-Rosenberger Tankstelle benutzte er ein Fahrrad als Fortbewegungsmittel. Dieses Bike, auf Videofilm festgehalten, ähnelte einem Rad, das die Polizei bei dem Hirschauer fand. Wichtig wäre allerdings gewesen, dass die in Sulzbach-Rosenberg und in Sorghof hinter den Verkaufstheken stehenden Frauen den Räuber erkannt hätten. Das aber konnten sie nicht. Auch deshalb, weil sich der Mann in beiden Fällen vermummt hatte.
Völlig unverhofft wurde dann ein Strafgefangener in Fußfesseln vor die Richter geführt. Der aus Regensburg stammende und dort auch in Haft sitzende Mann, dem Angeklagten ähnelnd, war in Verdacht geraten, womöglich an dem Überfall in Sulzbach-Rosenberg beteiligt gewesen zu sein. Nach einer halben Stunde war diese Vermutung widerlegt. Seine aus Niedersachsen angereiste Ex-Freundin verdeutlichte der Strafkammer anhand ihres Tagebuches, dass "er sich zu diesem Zeitpunkt sternhagelvoll bei mir befand".

Nicht aus der Ruhe

Dutzende von Zeugen, zwei Sachverständige und ein Angeklagter, der beharrlich von sich weist, jemand überfallen und zwei Tankstellen betrogen zu haben. Dass verdächtiges Material bei ihm gefunden wurde, scheint ihn nicht aus der Ruhe zu bringen. Er hat für alles Erklärungen - und seien sie noch so abenteuerlich.

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