27.03.2004 - 00:00 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Amtsgericht warnt vor Trittbrettfahrern - Gesalzene Rechnungen: 379 Euro für Eintrag auf ... Handelsregister: Mit Abzocke rechnen

von Ralph Gammanick Kontakt Profil

"Handelsregisterveröffentlichungen - Hinterlegungsbekanntmachungen". Das steht ganz oben auf dem Brief, fettgedruckt. Wer würde hinter derart bürokratischen Wortungeheuern eine windige Abzocke vermuten? Der Mitarbeiter einer Firma in Windischeschenbach wurde auch nur deshalb stutzig, weil ihm die Rechnung gar so gesalzen erschien. 379 Euro. Für einen zwölfzeiligen Pflichteintrag im Handesregister? Der Mann wandte sich ans Amtsgericht, um da mal nachzuhaken. "Von uns", teilte ihm Rechtspfleger Norbert Dietl mit, "stammt das Schreiben nicht."

"Raffiniert gemacht", anerkennt Dietl die Leistung der Absender. "Die Optik der Briefe ist perfekt." Die nur scheinbar amtlichen Schreiben tauchen in den letzten beiden Wochen verstärkt in Weiden und dem Landkreis Neustadt/WN auf, hat Dietl erfahren müssen - schon mal schmerzhaft: Beim Rechtspfleger beschweren sich die Firmenvertreter über die hohen Rechnungen.

Für die ist in Wirklichkeit jedoch eine gewisse "GfH Gesellschaft fuer Handelsregisterveroeffentlichungen" verantwortlich. Firmensitz: Dartford, England. Sie entnimmt dem amtlichen "Bundesanzeiger" offizielle Pflichteintragungen und schreibt an die betroffenen Unternehmen eine Art Rechnung, die sich bei genauerem Hinsehen als "Eintragungsofferte" (kleingedruckt) entpuppt. Wer den horrenden Betrag also auf das angeführte Konto überweist, dessen Daten erscheinen auf einer obskuren Internet-Homepage, die laut Dietl "niemanden interessiert". Ist aber auch Nebensache. Denn offenbar spekulieren die Trickser auf einen folgenschweren Flüchtigkeitsfehler: Die Adressaten sollen die Rechnung dem Amtsgericht zuschreiben.

"Eilt - bitte sofort bearbeiten!", ist angemerkt. Und: "Zahlungen bitte binnen 5 Werktagen", nebst Hinweis "Beachten Sie, dass wir berechtigt sind, Ihre Daten zu löschen, sofern keine Annahme erfolgt und keine Zahlung eingeht." Die Trickser setzen auch sonst auf Schnelligkeit. Ihre Briefe erreichen die Firmen oft früher als die regulären Rechnungen von Bundesanzeiger und Amtsgericht. Diese summieren sich übrigens selten auf mehr als 60 Euro.

Auf seinen Zahlungsaufforderungen für das öffentliche Handelsregister warnt der Staat inzwischen vor den Trittbrettfahrern: Sollte das Schreiben nicht von der Landesjustizkasse Bamberg kommen, stecken womöglich private Registerbetreiber dahinter. Eine rechtliche Handhabe gegen die Abzocker gibt es nicht. Dietl nennt ihre Tour trotzdem "eine Schweinerei".

Und nicht nur eine "Gesellschaft" hat sich darauf spezialisiert. Nach Dietls Erkenntnissen operieren bundesweit rund 120 nach diesem Schema. Jüngst meldete sich die Mitarbeiterin einer Neustädter Baufirma beim Rechtspfleger. Sie hatte am selben Tag gleich zwei Register-Rechnungen erhalten - beide lauteten auf über 300 Euro. Von Dietl wollte die Frau wissen, welche davon vom Amtsgericht stamme. Natürlich keine.

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