14.02.2012 - 00:00 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

An der Europa-Berufsschule bekommen die Lehrer Zwischenzeugnisse - von ihren Schülern "Kritik ist doch positiv"

Andrea Gilch hat soeben das Zwischenzeugnis in den Computer getippt. Alle relevanten Punkte sind angesprochen. Wichtig sei jetzt nur noch, dass sich die Adressaten Lob, Kritik und Anregungen auch zu Herzen nehmen. Hoffentlich, sagt sie, "setzen die Lehrer das auch um".

Einige Zwischenzeugnisse wurden an der Europa-Berufsschule schon jetzt verteilt - allerdings nicht an Schülerinnen wie Ramona Gallitzdörfer (sitzend, von links), Andrea Gilch und Nina Albert. Vielmehr bekam Lehrerin Ulrike Ertl von ihren Schützlingen Zensuren. Die dafür nötige Software hat Walter Güntner vom gleichnamigen IT-Unternehmen programmiert. Bild: Wilck
von Franz Kurz Kontakt Profil

Zeugnisse andersherum. An der Europa-Berufsschule (BS) benoten derzeit Schüler wie Gilch ihre Lehrer. An sich ist das keine Besonderheit. Bislang schon teilten die Pädagogen - häufig selbst verfasste - Zettel aus, auf denen ihre Schüler sie bewerten durften. Die Neuerung zum Ende dieses Schulhalbjahres ist vielmehr, dass das Ganze nun elektronisch abläuft. Die Ergebnisse der Bewertung bekommen ausschließlich die Lehrer selbst zu sehen. Damit hat die BS etwas, was andere nicht haben. Schulleiter Josef Weilhammer jedenfalls "ist nicht bekannt, dass es so etwas woanders noch gibt".

Klassenweise geben die Schüler ihre Bewertungen jetzt also in den Computer ein. Etwas mehr als eine halbe Stunde dauert es, bis die Lehrer nach Kriterien wie Humor und Freundlichkeit bewertet und Einschätzungen zu Aussagen wie "Ich freue mich, wenn diese Lehrkraft zum Unterricht in unsere Klasse kommt" abgegeben sind. Am Ende dürfen sie selbst noch dazuschreiben, was ihnen am Unterricht konkret gefällt oder sie besonders stört.
Der Vorteil an der elektronischen Methode, so Weilhammer, ist zum einen die Zeitersparnis - die Auswertung läuft automatisch. Außerdem hätten nun alle Bögen dieselben Fragen, die zudem professionell, in Zusammenarbeit mit dem Münchener Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung, entstanden seien. Und schließlich sind die Tests laut Weilhammer auf diese Weise anonymer, da Lehrer bei den bisherigen Bögen charakteristische Handschriften leicht erkannt hätten.

Nun ist die Bewertung von Pädagogen durch Schüler alles andere als unumstritten. Als dies vor ein paar Jahren auf Internetseiten möglich wurde, zog dies Klagen von Lehrern nach sich. Auch im Kollegium der Berufsschule waren die Reaktionen auf das Vorhaben zumindest anfangs "nicht bloß gemischt, es hat polarisiert", berichtet Weilhammer.

Ergebnisse Privatsache

Er beharrt dennoch darauf. Hintergedanke sei ja, durch die Lehrer-Zeugnisse die Qualität des Unterrichts zu verbessern. Denn "Kritik ist doch positiv - und vor allem gibt es nichts Schlimmeres, als sich selbst nicht richtig einschätzen zu können". Letztlich sei das Ganze ja für die Pädagogen selbst hilfreich. Ohnehin glaube er, dass es bei den Ergebnissen positive Überraschungen geben werde. "Ich erwarte, dass die Lehrer besser wegkommen als gedacht."
Ob er mit dieser Prognose Recht hat, wird Weilhammer jedoch nicht erfahren. Denn die Schulleitung selbst werde die einzelnen Ergebnisse gar nicht zu Gesicht bekommen. Einzig die Auswertungen aller Lehrkräfte einer gesamten Abteilung würden veröffentlicht. Ansonsten bekomme nur der jeweilige Lehrer seine persönlichen Zensuren per Mail zugesandt. Ob er sie sich dann auch tatsächlich anschaue, bleibe jedem selbst überlassen. Mehr noch: Um sicherzustellen, dass niemand anderes die Ergebnisse sieht, habe die Schule extra eine externe Firma mit der Programmierung der Software beauftragt - statt Fachlehrer aus dem eigenen Haus.

In einem nächsten Schritt sollen sich dann die Lehrer selbst an den Rechner setzen und die Chefs der einzelnen Abteilungen sowie die Schulleitung benoten. Also auch Weilhammer, der sagt, "ich muss mich auch selbst hinstellen, wenn ich das schon gut finde".

"Brauche Rückmeldung"

Sogar "sehr gut" findet Ulrike Ertl, die in den Bankfachklassen unterrichtet, das neue Bewertungssystem. "Ich brauche die Rückmeldung von den Schülern", erklärt sie. Auf diese Weise lasse sich ihr Unterricht verbessern. "Es ist wichtig, dass man sich als Lehrer auf die Schüler einstellt."

Gemeint sind Schüler wie Ramona Gallitzdörfer, die mit ihrer Klasse WBA 11A Ertl gerade bewertet hat. Die elektronischen Zeugnisse, bilanziert sie, seien besser, da man sich wegen der fehlenden Handschrift anonymer fühle - und ehrlicher sei. Auch ganz allgemein gefalle ihr die Idee, nun mal selbst Zensuren zu vergeben. "Wir werden ja auch jeden Tag bewertet."

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