24.03.2004 - 00:00 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Angst weicht dem Alltag: Rafael Kirschner (22) über das Leben in Spaniens Hauptstadt nach den ... "München nicht sicherer als Madrid"

von Ralph Gammanick Kontakt Profil

Nur ein zehnminütiger Spaziergang trennt seine Wohnung vom Bahnhof Atocha, auf dem am 11. März drei Bomben explodierten. Ein böses Erwachen für Rafael Kirschner - zum Zeitpunkt des Terrorschlags hatte er noch friedlich geschlafen. Der 22-jährige Weidener studiert mit Freundin Daniela seit einem halben Jahr in Madrid (wir berichteten). An der Technischen Universität will der angehende Ingenieur das spanische Diplom erwerben. Voraussichtlich im nächsten Jahr kehrt er zurück in die Heimat. So hatte er es immer vorgesehen. Die Attentate bleiben ohne Auswirkung auf seine persönlichen Pläne.

Wie fühlen Sie sich, wenn Sie jetzt durch die Straßen gehen?

Kirschner: Ziemlich sicher. Ich habe keine Angst. Ein, zwei Tage nach dem Anschlag gab es die Befürchtung, dass El Kaida nochmals zuschlagen könnte. Aber inzwischen haben die Terroristen ja erklärt, dass sie wegen des Abzugs der spanischen Truppen aus dem Irak nichts mehr gegen Spanien unternehmen werden. Eine Art Waffenstillstand.

Sehen Sie die Stadt seit den Anschlägen mit anderen Augen?

Kirschner: Ja, irgendwie schon. Wenn es in der U-Bahn oder in der Uni recht voll ist, dann überlegt man schon: Was wäre, wenn jetzt eine Bombe hochgehen würde? Auf der Straße gibt es nach wie vor viele Diskussionen über die Anschläge. Die verlaufen auch schon mal sehr lautstark.

Die Madrilenen streiten deshalb?

Kirschner: Ja, da hört man mitunter sehr radikale Ansichten. ETA-Sympathisanten gibt es ja überall. Kurz nach den Anschlägen wurde einer erschossen: Der Geschäftsinhaber war mit einem Kunden in Streit geraten, der, wie sich herausstellte, Zivilpolizist war. Der Polizist zog die Pistole und drückte ab. Der Vorfall löste hier großen Wirbel aus.

Wie lange wird es dauern, bis der Alltag zurückkehrt?

Kirschner: Im Moment sieht man noch überall Trauerflor. Jedes Auto zieren schwarze Schleifen. Ansonsten läuft vieles schon wieder ganz normal. Heute war ich im Park. Von gedrückter Stimmung war da nichts zu spüren. Es war ganz so wie vor den Anschlägen.

Wie haben Sie die Attentate vom 11. März miterlebt?

Kirschner: Um 8 Uhr hat mich ein Onkel angerufen, um sich zu erkundigen, ob ich wohlauf bin. Den ganzen Tag über hörten wir Sirenen. Unsere Wohnung ist nicht weit entfernt vom Bahnhof Atocha. Außerdem sind einige Krankenhäuser in dieser Gegend.

Haben Sie erwägt, die Stadt zu verlassen?

Kirschner: Nein, zu keinem Zeitpunkt. Ich möchte mal bezweifeln, dass beispielsweise München sicherer ist als Madrid.

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