05.09.2013 - 00:00 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Der SV Weiden und seine bewegte Geschichte über mehr als 100 Jahre Aufrechter Gang in schwerer Zeit

Wenn man die Lebenslinien von Sportvereinen bis zu ihren Ursprüngen zurückverfolgt, kann man manche kaum für möglich gehaltene Entdeckungen machen. Zugleich findet man bizarre Ausschläge der Zeitgeschichte auch auf dem lokalen Terrain wieder.

Die Mannschaft des SV Weiden Mitte der 50er Jahre: (von links) A. Bäumler, Busch, Schicker, Linz, Robl, Vogelsang, Pfaffenzeller, Scharnagl, Karl, (Mitte von links) Achtert, Meiler, König und (vorne von links) Roith, Beyerlein und Feilhuber. Archivbild: hfz
von Redaktion OnetzProfil

In Weiden ist der Sportverein, der im vergangenen Jahr mit der Spielvereinigung fusionierte und Anfang der 90er Jahre bereits mit dem TSV Detag verschmolzen war, ein sehr einprägsames Beispiel dafür. Der Verein hätte, wäre er selbstständig geblieben, in diesem Jahr auf eine Existenz von 110 Jahren zurückblicken können. Ganz sicher ein Grund, den markanten Stationen dieses Vereins nachzuspüren, wie er unter sehr mühsamen Bedingungen und auf oft bittere Weise um seine Existenz hat kämpfen müssen.

Kurz nach der Aufhebung der Bismarck'schen Sozialistengesetze (1890) gründete die deutsche Arbeiterbewegung einen eigenen Dachverband, den sogenannten Arbeiter-Turnerbund (ATB). Ihm waren die in der Deutschen Turnerschaft (DT) zusammengeschlossenen bürgerlichen Sportvereine zu nationalistisch ausgerichtet gewesen. In der Weimarer Zeit (1919 bis 1933) wurde daraus der Arbeiter-Turn- und Sportbund (ATSB), bei dem der Fußball eindeutig dominierte. Um 1930 zählte der Verband über 1,2 Millionen Mitglieder. Man muss sich das wirklich verinnerlichen: Es gab in der Weimarer Republik demzufolge zwei verschiedene deutsche Verbände mit zwei unterschiedlichen Spielsystemen, die miteinander nichts zu tun hatten. Aus heutiger Sicht nur schwer vorstellbar. Aber es waren eben auch zwei getrennte gesellschaftliche Gruppierungen. Den Klassenkampf - wenn man so will - gab es also auch im Sport. In dieser Zeit fanden regionale und nationale Meisterschaften des ATSB statt. Schon 1919/20 beteiligten sich 3581 erste Mannschaften am ATSB-Spielbetrieb. Ab der Spielzeit 1924/25 bewarben sich alle 16 Kreismeister um die deutsche Meisterschaft.
Dabei hatte 1903 in Weiden noch gar nichts auf einen Fußball-Klub hingedeutet. Der Zeitgeist wehte noch ganz anders. Der Arbeiter-Turnverein "Solidarität" wurde ins Leben gerufen. Daraus entwickelte sich, man höre und staune, im Jahr danach der Arbeiter-Gesangverein "Lyra", der in der Stadt Weiden über viele, viele Jahrzehnte einen hochrespektierten Namen hatte. Im Frühjahr 1906 entstand aus der Sängerschar der Arbeiter-Turnverein Weiden. Nur unter großen Mühen muss damals möglich gewesen sein, Reck, Barren und sonstiges Turngerät zu besorgen. Zunächst wurden die Turnstunden im Einhenkel-Saal abgehalten, später zog man ins Gasthaus "Zur Sonne" um. Mit einer Namensumbenennung in "Arbeiter-Turn-Verein Frischauf" sollte eine neue Ära eingeleitet werden.

Verbot für Frauenteam

Etwas völlig Neues war für die damals 12 000 Einwohner zählende Stadt Weiden, dass auch Frauen Sport treiben wollten! Große Empörung! Die Polizei wurde alarmiert, die das Frauen-Turnen rigoros verbot. Daraufhin gründeten die Damen einen Tanzkurs und konnten auf diese listige Weise ihren geliebten Sport weiter betreiben. Das war Weidens erste Damen-Riege.
Das Sportgeschehen in der Stadt nahm seinen Lauf. 1912 wurde der Kraftsportverein "Attila" gegründet. Ringen und Gewichtheben dominierten hier. Der Sport hatte einen erstaunlichen Aufschwung, ehe der Erste Weltkrieg 1914 das gesamte sportliche Leben regelrecht zum Erliegen brachte. Erst 1919 wurde der Turn- und Sportbetrieb wieder aufgenommen - nach einer Generalversammlung im "Schwarzen Bären", der nach dem Zweiten Weltkrieg das Stammlokal der Spielvereinigung werden sollte. Auch die Schwerathleten traten wieder an. Ihre Sportstätte wurde das Schützenhaus, wo heute an der Kreuzung Friedrich-Ebert-/Leuchtenberger Straße ein in den 70er Jahren erbauter, großer Wohnblock steht.

Im Jahr 1919 begann der Fußball, die Stadt zu erobern. Ein abenteuerliches Vorhaben! Der Arbeiter-, Turn- und Sportverein "Frischauf" Weiden hatte seinen ersten Spielplatz auf einer Wiese hinter dem Schützenhaus. Die Mannschaft wurde mehrere Male Bezirksmeister, der große Sprung nach oben gelang aber nicht. Als 1921 das Gelände am Schützenhaus gekündigt wurde, spielte man eine zeitlang am Hammerweg, ehe 1924 im Lerchenfeld von den Wirtsleuten Dagner eine Wiese gepachtet werden konnte. Damit begann auch der Aufstieg des Vereins. Neben Turnen, Fußball, Kraftsport und Schach gab es auch die Naturfreunde und die Sänger im Verein.

Süddeutscher Meister

Die Fußballer waren ganz offensichtlich sehr erfolgreich. 1925 wurde das Team Kreismeister gegen Nürnberg-Gostenhof und drei Jahre später wiederholte es gegen denselben Gegner seinen Erfolg. Kaum zu glauben, aber danach fuhr die Mannschaft nach Stuttgart zum Endspiel um die süddeutsche Meisterschaft. Im Neckarstadion wurde der badische Meister Union Böckingen mit 1:0 besiegt. Damit hatte sich die Elf für die Bundesmeisterschaft qualifiziert. Man muss sich das einmal vorstellen: Die Weidener Elf fuhr nach Hamburg, um gegen den Hamburger Arbeitersportverein anzutreten, in dessen Reihen Erwin Seeler, Vater unseres berühmten Uwe, stand.

Die Hamburger waren verblüfft. Von Weiden hatten sie noch nie etwas gehört! Es war auch vorher nie einer süddeutschen Elf gelungen, ins Halbfinale zu kommen. Bei Halbzeit stand die Partie 1:1. Mit Spielvorteilen für die Oberpfälzer, wie die Chronisten berichten. Dass das Spiel am Ende mit 1:2 verloren ging, hing möglicherweise auch zum Teil mit der Tatsache zusammen, dass es weder Spesen noch Prämien oder Vergütungen für Dienstausfall gab. Das Endspiel in Berlin wäre demzufolge eine große finanzielle Belastung für jeden Einzelnen geworden. Nennen wir trotzdem die Namen der damaligen Spieler: Hermann, Meier, Gschwendtner, König, Gustl Fritsch, Kiener, Otto Fritsch, Hopfner, Schmid, Josef und Hans Wolfrath. Die Mannschaft häufte viel Lob auf sich.
Eine Auswahl aus Sachsen wurde mit 6:1 nach Hause geschickt, eine Elf aus Brüssel mit 8:1, und eine Wiener Vertretung musste mit 3:1 die Segel streichen. Doch die wohl beste Leistung lieferte die Mannschaft 1929 beim Bundesfestspiel in Nürnberg ab. Sie konnte den damaligen deutschen Meister Leipzig mit 3:1 besiegen. Spieler wie König, Sepp Meier und Gustav Wolfrath wirkten bei Länderspielen der Arbeiter-Ländermannschaften gegen Österreich und die Tschechoslowakei mit. Auch die Gebrüder Fritsch spielten eine herausragende Rolle. Interessant vielleicht noch, dass auch der Vater des langjährigen Weidener Oberbürgermeisters Hans Schröpf zu den Leistungsträgern der Elf in den 20er Jahren zählte.

1930 und 31 wurde der Sportplatz Stockenhut gebaut und 1932 seiner Bestimmung übergeben. Die Freude war aber nur von kurzer Dauer. Als die NSDAP im März 1933 an die Macht kam, war es mit dem Arbeiter-Turn- und Sportverein vorbei. Der Verein wurde aufgelöst und enteignet (wie übrigens auch die DJK-Vereine).
Ein Teil der Spieler landete bei der SpVgg Weiden und trug damit zu einer wesentlichen Verstärkung bei. Ein anderer Teil schloss sich dem Witt-Sportverein an, der sich in den 30er Jahren zusehends entwickelte. Er wurde zu einem ebenbürtigen Lokalrivalen für die SpVgg. Es gab spannende Spiele zwischen den beiden Vereinen mit wechselhaftem Ausgang. Der Zweite Weltkrieg bereitete jedoch auch dem aufstrebenden Witt-Sportverein ein jähes Ende.

Mörtl erster Vorsitzender

1945 - das Land lag in Trümmern! Trotzdem gab es in Stadt und Land einen Wiederaufbau des Sports. In Weiden begann in der Gaststätte "Salzbrücke" am Hammerweg die Neugründung des ehemaligen Turn- und Sportvereins. Franz Mörtl, später Stadtkämmerer von Weiden und danach von Regensburg, wurde erster Vorsitzender. Er gab dem Verein auch den neuen Namen: Sportverein Weiden. Mörtl war im Übrigen der Bruder des späteren Polizeichefs und Stadtrats Josef Mörtl. Ihre Familie hatte im Dritten Reich unter den Nazis besonders gelitten.

So schwierig die Zeiten waren, so energisch schritten Mörtl und Sepp Kick als Fußball-Abteilungsleiter zur Tat. Der Spielbetrieb wurde wieder aufgenommen. Zunächst wurde am Wasserwerk und am Hammerweg gespielt, danach am Alten Dorf, ehe 1953/54 das noch heute bestehende Sportgelände an der Stockenhut in Besitz genommen werden konnte. Die Zahl der Mitglieder wuchs beständig, sogar neue Mannschaften wurden integriert: Wie die "Blaue Elf", die "Elf Freunde" und die "gläserne Elf", aus der später der TSV Detag hervorging.

Sportliche Erfolge in der damaligen Kreisklasse blieben nicht aus. So gab es 1950 doch ein ziemlich bizarres Ergebnis, als die Elf die Mannschaft von Rapid Regensburg mit sage und schreibe 18:0 nach Hause schickte. Rarität dabei: Karl Schröder und Konrad Vogelsang schossen je sieben (!) Tore. Trotzdem: 1952 erfolgte der Abstieg in die A-Klasse, erst zwei Jahre später gelang wieder der Aufstieg. Ein Unglück traf den Verein am 4. Februar 1959, als der hochverdienstvolle Vorsitzende Otto Neudert, dem der Bau des Sportheims (neben Baumeister Wolfgang Scharnagl) zu verdanken war, die Treppe des Heims in den Keller hinunterstürzte und noch an Ort und Stelle verstarb. Seine Position trat Walter Geiger an und ab 1964 Werner Buchholz, der 21 Jahre an der Spitze des Vereins stand und ihn in dieser Zeit maßgebend prägte.

In diesen Jahren des Wiederaufbaus gab es beim SV Weiden auch weitere Spartengründungen. Frauenturnen, Kegeln und sogar Schach brachten sich ein. Die spektakulärste und erfolgreichste Abteilung war freilich die Boxabteilung "Olympia". In der Radrennbahn am Hammerweg versammelten sich 1949/50 am Samstagabend Tausende, um "Olympia" siegen zu sehen. Mehrfach wurde "Olympia" bayerischer Meister - mit der härteste Gegner war im Übrigen die Staffel der SpVgg Weiden. Glanzvollster Boxer war Fritz Ehmann, der 1950 deutscher Meister im Leichtgewicht war und dem die Weidener Sportfreunde damals einen begeisterten Empfang am Bahnhof und in der Bahnhofstraße bereiteten.

Auch in der Fußballmannschaft gab es herausragende Begabungen. An erster Stelle ist Walter Feilhuber zu nennen, den der berühmte Nürnberger Club unter Vertrag nahm. Aber auch Siegfried König und Rudi Fröhlich, die später mit großem Erfolg zur SpVgg wechselten, müssen genannt werden. Um 1970 stieß Günther Helgert, agiler Linksaußen, vom SV zur SpVgg. Er spielte mehrfach mit großem Erfolg in der deutschen Amateurnationalmannschaft.

Im Gegenzug kamen Ende der 50er Jahre viele Nachwuchstalente der SpVgg zum Sportverein, am spektakulärsten natürlich der Wechsel des Sohnes des 1. Vorsitzenden der SpVgg, der später dann selbst, man kann schon sagen, legendärer Boss der SpVgg wurde: Gustl Hegner! Er hatte im Übrigen den schärfsten Schuss in der Liga. Gerüchten zufolge sollen Torhüter, die Freistöße von ihm tatsächlich wegfausten konnten, danach tagelang über Rückenschmerzen geklagt haben!

Fusion zur SpVgg SV

Die Geschichte des Vereins blieb wechselhaft und spannend. Ein Höhepunkt war sicherlich 1979 der Aufstieg in die Landesliga, und damit war man ein Jahr praktisch "in Augenhöhe" mit der SpVgg. Einschneidende Faktoren waren schließlich die Fusion mit dem TSV Detag zum SV Detag 1992 und schließlich im vergangenen Jahr die Fusion mit dem großen Bruder SpVgg, die in den neuen Vereinsnamen SpVgg SV mündete.

Will man ein Fazit ziehen, so bietet sich die Vereinsgeschichte sehr deutlich an: Ein sozialer und ab den 50er Jahren vor allem auch ein integrierender Verein. Was der Verein seit seiner Zeit an der Stockenhut an Einbindung Jugendlicher und junger Erwachsener geleistet hat, ist zumindest in der Stadt Weiden ohne Beispiel. Dieses Kapitel müsste sicher noch aufgearbeitet werden. Ansonsten ist der SV Weiden seit vergangenem Jahr durch die Fusion mit der SpVgg Geschichte. Eine Geschichte, in der er nicht immer nur erfolgreich gewesen ist, die er aber mit aufrechtem Gang durchschritten hat.

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