29.08.2014 - 00:00 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Dr. Axel Poy unterrichtet als Senior-Experte an der Pädagogischen Fakultät in Semey Lehrzeit in Kasachstan

Von außen sieht das Hotel gar nicht schlecht aus. Doch mitten über den winzigen Balkon führt eine Brüstung, so dass er unbenutzbar ist. Die Dusche ist ein Tröpferlbad und das neue Waschbecken ist nur an die Wand gelehnt. "Da biegt's mir als altem Handwerker die Zehennägel auf", sagt Dr. Axel Poy. Sei's drum. Er ist schließlich nicht zum Vergnügen in Semey.

Dr. Axel Poy mit Studentinnen der Pädagogischen Fakultät in Semey am Whiteboard: Nicht überall funktionierte diese Technik so wie in diesem Lehrsaal. Der pensionierte Schulleiter war für den Senior Expert Service in Kasachstan im Einsatz. Bild: hfz
von Jutta Porsche Kontakt Profil

Seine Mission: Im Auftrag des Senior Experten Service (SES) soll der Weidener - er leitete vor seinem Ruhestand das Schwandorfer Gymnasium - Lehramtsstudenten in den Fächern Biologie und Chemie in Pädagogik anleiten und sie dazu animieren, Englisch zu sprechen. Was sich beides als gar nicht so einfach erweist. Semey übrigens - besser bekannt unter dem russischen Namen Semipalatinsk - liegt in Kasachstan, ganz in der Nähe befindet sich das gleichnamige ehemalige Atomwaffentestgelände der UdSSR. Die Stadt zählt knapp eine halbe Million Einwohner.

Unterricht in drei Sprachen

"An der Fakultät gibt es ein Sprachproblem", stellt der 72-Jährige schnell fest. "Alles wird praktisch auf Russisch und Kasachisch gelehrt." Nach der Abspaltung von Russland wurde Kasachisch zwar wieder zur wichtigsten Verkehrssprache ernannt. "In der Realität müssen viele junge Leute diese Sprache aber erst einmal lernen, weil sie nur Russisch beherrschen." Axel Poy unterrichtet auf Englisch, zwei Studenten übersetzen für ihre Studienkollegen. Er nutzt auch Wikipedia und das Übersetzungsportal Leo für die Verständigung. "Mit den modernen Formen der Pädagogik war ich selbst etwas überfordert", gesteht Poy im Nachhinein. "Schließlich bin ich schon zehn Jahre in Pension und habe in den letzten sieben Jahren als Direktor nicht mehr unterrichtet."

Doch pädagogisches Basiswissen beherrscht er natürlich. Er informiert die Studenten also über Montessori-Pädagogik, die Pädagogik von Rudolf Steiner, Frontalunterricht, entwickelnden Unterricht und Edutainment (unterhaltsames Lernen). Und er gibt den Studenten seine eigene Überzeugung mit auf den Weg: "Die einzig richtige Unterrichtsform gibt es nicht. Jeder Lehrer muss seinen eigenen Stil finden." Außerdem komme es auf die Zielsetzung an. "Wer viel Wissen in kurzer Zeit vermitteln muss, macht Frontalunterricht. Wenn der Schüler den Stoff gut durchdenken soll, bietet sich der sogenannte fragende oder entwickelnde Unterricht an."

Was den Kenntnisstand der Studenten betrifft, ist Axel Poy öfter mal verblüfft. "Biologiestudenten aus dem zweiten, dritten Semester konnten mir nicht sagen, welche Funktion die Blüte einer Pflanze hat. Das wird bei uns in der sechsten Klasse gelehrt." Zuguterletzt sind die Studenten jedoch recht aufgeschlossen und wagen sogar eigene Themenvorschläge, wie zum Beispiel Umweltschutz. "Ich habe ihnen auch erklärt, warum die Bundesrepublik sich aus der Atomkraft zurückzieht und wie ein Atomkraftwerk aufgebaut ist."

Einige technische Tücken erschweren die Vorlesungen. "Auf dem einen Whiteboard konnte man nicht schreiben, das andere ließ sich nicht in der Höhe verstellen." Die Konsequenz: Poy geht schon mal in die Knie, um seinen Text aufzuschreiben.

Ganz anders dagegen seine Erfahrungen in einer Musterschule, die ihm gezeigt wird. 20 derartige Einrichtungen hat der Staat geplant, 15 stehen bereits. Die sind top ausgerüstet, haben super Lehrer, kosten viel Schulgeld, nehmen aber zu über 50 Prozent kostenlos Schüler auf, die ausgezeichnete Noten haben. "Dort hat mich eine Elftklässlerin durch die Schule geführt, die fehlerfrei Englisch sprach. Kein Wunder: Sie haben viele Muttersprachler als Englischlehrer."

An der Fakultät dagegen würden lediglich Fachbegriffe ins Englische übersetzt, aber es werde nicht Englisch gesprochen, kritisiert Poy. Sein Rat an die Dekanin: "Sie müssen gute Seminarlehrer für Englisch anfordern, die zugleich aufzeigen, wie man diese Sprache unterrichtet."

Ausflüge am Wochenende

Samstags bleibt Zeit für Unternehmungen: einen Ausflug in den Zoo von Semey, einen Besuch im Museum für den berühmtesten kasachischen Dichter und Denker Abai Qunanbajuly, der ähnlich verehrt wird wie Goethe in Deutschland sowie eine stundenlange Fahrt durch die Steppe zu einem Mausoleum für Abai.

Poys Fazit nach diesem zweiten Einsatz für SES - der erste führte ihn nach Pakistan (der NT berichtete): "Es war spannend, und es gibt einiges zu verbessern." Die Studenten haben ihm ein gutes Zeugnis ausgestellt. "Wie viel davon Höflichkeit ist, kann ich nicht beurteilen." Trotzdem lautet seine Konsequenz: "Wenn's um moderne Pädagogik geht, stehe ich künftig nicht mehr zur Verfügung. Das habe ich SES auch mitgeteilt. Dafür bin ich zu lange raus aus der Praxis." Doch wenn's um die Vermittlung von Basiswissen geht, ist der Oberstudiendirektor a. D. gerne zu neuen Abenteuern bereit.

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