21.04.2004 - 00:00 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Für Stoiber & Co. gibt's was auf die Ohren: Lautstarker Protest gegen die 42-Stunden-Woche Gellendes Pfeifkonzert vor Defiliermarsch

von Ralph Gammanick Kontakt Profil

Der Ministerpräsident lächelt gequält, als er aus dem silbernen BMW steigt. Schnell die Treppe hoch und rein in den Saal, wo der Empfang wärmer ist und der Klang angenehmer. Draußen hallt das schrille Intro zum Defiliermarsch weiter durch die Straßen. "Buuuh"-Chöre, "Pfui"-Rufe, gellende Pfiffe. "Verräter", plärrt einer. Ohrenbetäubender Protest.

Vorbei die Zeiten, da sich allein ein mutiges Häuflein Jusos mit Pappschild ("Edmund Stoiber - Bildungsräuber", 1996) dem schwarzen Triumphmarsch entgegenzustellen wagte. Am Montagabend, vor dem Empfang der Oberpfalz-CSU im Haus der Gemeinde, veranstalten knapp 100 Demonstranten ein gewaltiges Remmidemi. Mit dabei: Beschäftigte aus der Stadtverwaltung, von Justiz und Ämtern, Lehrer, Polizisten, und, und, und. Angehörige des öffentlichen Dienstes, die sich von der Staatsregierung betrogen fühlen. Einer streckt eine Tafel in die Höhe: "Gegen die 42-Stunden-Woche!"

Über eine Reform "auf dem Rücken der Kleinen" wettert Komba-Chef Alfons Ernstberger am Rande. Die Kollegen von ver.di nehmen sich vor der Protestaktion sogar gut eine Stunde Zeit, um die Mitglieder auf den Widerstand einzuschwören. Im Josefshaus warnt Bezirksgeschäftsführer Manfred Haberzeth vor den Folgen der Arbeitszeitverlängerung: "mehr Arbeitslose, nicht mehr Arbeitsplätze". Die 42-Stunden-Woche gefährde allein in der nördlichen Oberpfalz 500 Stellen im Öffentlichen Dienst. Walter Völkl, Gesamtpersonalratsvorsitzender des Straßenbauamts, geißelt die "Verlogenheit der Politik". Den Personalräten sei vor der Landtagswahl mehr Mitbestimmung versprochen worden. Das Gegenteil sei jetzt der Fall: "Die bayerischen Machtpolitiker kennen keine Demokratie."

Und als Quittung gibt's halt den Spießrutenlauf vorbei an lärmenden Demonstranten, zu denen sich vor der Fraktionssitzung im benachbarten Hotel Stadtkrug auch die komplette Weidener SPD-Fraktion gesellt. Mit einem grinsenden MdL Werner Schieder: "Mir gefällt's." Weit leidvoller die Miene von Wissenschaftsminister Dr. Thomas Goppel, als er durch die Reihen schreitet. Kollegen wie Erwin Huber bevorzugen den diskreten Seiteneingang. Und Stoiber? Augen zu und durch, ganz flott.

So muss er noch nicht mal die meisten Pfiffe einstecken. Denn den größten Tumult, den verursacht ein Mann namens Horst Heiden. Der arme Helfer wird gegen 18.30 Uhr kurzfristig beauftragt, die Fahnen vor dem Haus der Gemeinde auszutauschen. Deutschland, Bayern, Weiden runter. CSU rauf. "Ha!", spottet einer der Beobachter: "Der Freistaat wird durch die CSU ersetzt! Das sind die Realitäten!" Die grün-weißen Parteiflaggen - ein rotes Tuch in den Augen der wütenden Demonstranten. "Pfui", "Buuuh". Heiden muss leiden. Stellvertretend.

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