Kevin-Coyne-Ausstellung zu den Literaturtagen - Interview mit dem Journalisten Karl Bruckmaier
Sonderling aus der Provinz

"Sing Sing Sing" (2003).
 
"Oh Baby" (1990). Repos: Voit (3), Porträt: Bayerischer Rundfunk
 
Bis 20. Mai sind im Foyer des Neuen Rathauses und im Medienhaus "Der neue Tag" in Weiden mehr als 200 Arbeiten des Künstlers Kevin Coyne zu sehen, unter anderem auch "Hurt" aus dem Jahr 1990.
Kevin Coynes Entdeckung als bildender Künstler ist überfällig", meint Karl Bruckmaier. Die Weidener Literaturtage (20. bis 29. April) würdigen in einer Retrospektive das künstlerische Schaffen des 2004 in Nürnberg verstorbenen Musikers und Malers.

In Anwesenheit von Witwe Helmi Coyne und den Söhnen Robert und Eugene Conye, die extra aus England anreisen, wird am 20. April (20 Uhr) im Neuen Rathaus in Weiden die Ausstellung "Kevin Coyne: Paintings & Drawings 1988 - 2004) mit mehr als 200 Bildern eröffnet.

Die Kulturredaktion sprach mit dem Münchner Journalisten, Autor und Hörspielregisseur Karl Bruckmaier, der bei der Eröffnung die künstlerische Einführung zu Leben und Werk von Kevin Coyne hält.

Wann sind Sie das erste Mal auf Kevin Coyne aufmerksam geworden?

Karl Bruckmaier: Da bin ich ein wenig auf Vermutungen angewiesen: Da ich Alfred Hilsberg, den publizistischen Vater der Neuen Deutschen Welle, sehr geschätzt habe und Alfred auch Tourneen veranstaltet hat Ende der 70er Jahre, werde ich nach Erscheinen der 78er LP "Millionaires & Teddy Bears" nicht gezögert haben, nach Nürnberg zu fahren, wo Kevin ein von Hilsberg veranstaltetes Solokonzert gab.
Man fuhr damals ja hunderte Kilometer, um ein wenig gute Musik zu hören. Till Obermeier von Sparifankal und ich haben Kevin nach dem extrem intensiven Konzert interviewt, dann waren wir bei einem Italiener essen, mir wurde schlecht. Heute zeugt nur noch ein altes Polaroid von diesem ersten Treffen.

Was hat Sie an seiner Musik besonders fasziniert?

Bruckmaier: Damals vermutlich, dass zwar eine offenkundige Beziehung zu afroamerikanischer Musik da war, aber jemand die Gabe hatte, nicht den "Bluesneger" zu imitieren, sondern die Form in etwas Neues, Wagemutiges zu überführen.

Coyne sah sich, nach Auskunft seiner Frau, in erster Linie als Schriftsteller, dann erst als Maler und zum Schluss kam der Musiker. Äußerte er sich in Gesprächen mit Ihnen dazu, dass er nicht so sehr als Autor wahrgenommen wurde?

Bruckmaier: Nein, darüber haben wir nie gesprochen. Ich würde dieser Selbsteinschätzung auch nicht zustimmen. Kevin hatte die unglaubliche Fähigkeit, aus dem Moment heraus Textbausteine, musikalische Fragmente, Szenen neu zu kombinieren. Dazu bedurfte es wohl stiller und gründlicher Vorbereitung, um diesen Fundus zu pflegen, ihn auf Knopfdruck zur Verfügung zu haben. Seine größte Wirkung entfaltete diese Fähigkeit aber im Song, nicht in der Kurzgeschichte oder im Gedicht.
Wie sahen die britischen Musikkollegen Kevin Coyne?

Bruckmaier: Kevin Coyne nahm sicher immer eine Sonderstellung ein. Er war kein zur Sentimentalität wie zur Gewalttätigkeit neigender Pub-Rocker, er war kein sensibler Barde, er war kein Gitarrenvirtuose, er war kein Jazzer und kein gröhlender Blues-Imitator. Er war Kevin Coyne, ein Sonderling aus der Provinz mit einem großen Kopf, einem großen Herzen, einer gelegentlich großen Klappe, dann einem zu großen Durst. So konnte er sich an keine Welle oder Mode dranhängen - andererseits sicherte ihm genau dies die Wertschätzung von Leuten wie John Peel, den Sex Pistols, Captain Beefheart, Carly Bley, Henry Cow, den Mekons: Er war der lebende Beweis, dass man sich nicht prostituieren muss. Das hat viele seiner Kollegen inspiriert.

Sie waren auch mit Kevin Coyne befreundet. Wie war er privat?

Bruckmaier: Nach unserem ersten Treffen, das nach dem Muster "Junger, dummer Journalist vs. mittelalter, etwas sarkastischer Proto-Alkoholiker" ablief, sind ja fast zwei Jahrzehnte vergangen, bis wir uns näher kennengelernt haben. Kevin war manchmal Gast in meinen Radiosendungen, die er auch regelmäßig hörte. Und was er da hörte, bestärkte seinen Eindruck, dass da im "Nachtmix" und "Zündfunk" - ähnlich wie bei John Peel - Musikliebhaber am Werk waren und sind.
Er achtete mich auf professioneller Ebene, das hat mir viel bedeutet, und wir besuchten uns immer öfter, gingen zum Fußball oder auf Konzerte, saßen bei uns im Garten. Er war froh, einmal wieder ungehemmt und auf Englisch über Politik oder Kunst oder Philosophie oder Wayne Rooney streiten zu können, das hat ihm in Nürnberg manchmal gefehlt, ein breiter intellektueller Austausch. Und da durch die räumliche Entfernung einer dem anderen auch nicht auf die Nerven gehen konnte, war das eine sehr tiefenentspannte Beziehung.

Er war bissig, melancholisch, dankbar seiner Frau und der neuen Heimat gegenüber, er war originell - und er litt ein wenig an Heimweh; er litt sehr an seiner Krankheit. Das verändert den Menschen ja auch. Trotzdem hat er wieder immer bessere Platten gemacht. Sein Tod war wie ein Raubüberfall.

Im Juni erscheint eine neue CD "Nobody dies in Dreamland" mit unveröffentlichten Stücken aus dem Jahr 1972. Ich denke, Sie haben sie bereits gehört. Was dürfen die Fans erwarten?
Bruckmaier: Wir hören einen bereits rundum fertigen Künstler. Das ist wirklich erstaunlich. Natürlich sind diese Demos Fan-Material, kein Einstieg, um Kevin kennenzulernen, dazu ist manches zu fragmentarisch. Aber den speziellen Ton Kevins, dieses Schaffen aus dem Augenblick, die gebrochenen Charaktere, die seine Songs bevölkern, die sind hier alle bereits vorhanden.

Sie stehen auch mit Coynes Sohn Eugene in Kontakt, der sich um den musikalischen Nachlass seines Vaters kümmert. Auf was dürfen wir uns in den nächsten Jahren noch freuen?

Bruckmaier: Eugene und Robert sind ja beide Musiker, Söhne eines großen Vaters - ohne dessen nicht vorhandene Millionen geerbt zu haben. Das ist nicht leicht, einerseits an ihm gemessen zu werden, andererseits nicht wenigstens die Früchte seiner Arbeit als Ersatz genießen zu können. Ich würde da das Schicksal eines McCartney jr. vorziehen.

Ich hoffe, den beiden gelingt es zusammen mit Helmi Coyne, den Nachlass Kevins so respektvoll zu editieren, wie dieser es verdient und vielleicht auch einen Weg zu finden, die alten und immer noch mehr als hörenswerten Platten verfügbar zu halten. Virgin Records hat im Lauf der Zeit sicher ordentlich mit Kevins Musik verdient, und wie im Plattenbusiness üblich, ist wohl nicht viel davon beim Künstler und den Erben hängengeblieben. Da ist noch etwas praktizierte Gerechtigkeit fällig. Und Kevins Entdeckung als bildender Künstler ist überfällig.

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Weitere Informationen im Internet:

http://www.kevincoyne.de http://www.weidener-literaturtage.de
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