13.08.2009 - 00:00 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Nach fast 48 Jahren ist Schluss: Hertie Weiden schließt am 14. August - Ein Rückblick Mit Grablicht endet Glanzzeit

Vehement bläuten die Lehrer vor über 30 Jahren den Weidener Kindern eins ein: Faule Schüler enden als HSS. Auch Petra Vorsatz bekam das oft zu hören. "HSS stand für Hertie-Stangerl-Sitzer", erklärt die Stadtarchivarin die Lehrer-Drohung. Die "Stangerl" vor Hertie, also die Metallgeländer an der Ecke Ringstraße, auf denen Jugendliche einst entspannten, gibt's längst nicht mehr. Ab Freitag ist das Traditionskaufhaus selbst Geschichte. Nach fast 48 Jahren.

Seit Wochen verabschiedet sich Hertie mit einem Ausverkauf. Die dritte Etage war schnell leer geräumt, der Weg dorthin nur noch für die Friseurkunden interessant. Ansonsten endeten die Rolltreppen in den unteren Etagen, wo mittlerweile auch große Lücken in den Regalen klaffen. Daher wird Hertie am Freitag endgültig schließen. Kurz vor dem 48. Geburtstag des Weidener Traditionskaufhauses am 29. September. Bild: Wilck
von Simone Baumgärtner Kontakt Profil

Dabei begann alles so vielversprechend für Hertie in Weiden. Es war am 29. September 1961. Punkt 9 Uhr drängten Scharen von Menschen durch die Eingangstüren in das luxuriöse Kaufhaus - allein schon, um mit den ersten Rolltreppen weit und breit zu fahren. Eine Attraktion!

Zudem trumpfte die Einkaufsoase mit etwas auf, was die Weidener später noch unheimlich vermissen sollten: Im Untergeschoss gab es eine große Lebensmittelabteilung inklusive der legendären Käsetheke, mit Grillhendln, Fleischabteilung, mit einem Konditor sowie einer Cafeteria. Allein diese Abteilung machte in Glanzzeiten in etwa zehn Millionen DM Umsatz, heißt es. Apropos Glanzzeiten: 335 Mitarbeiter plus Aushilfen beschäftigte das Kaufhaus einst.

Die Waren wie Seidenstoffe, Lederwaren, Herrenartikel, Schmuck und Parfüm, Spitzenwäsche, Sportartikel und Spielwaren, aber auch Teppiche und Möbel sowie vieles mehr wollten auf 7000 Quadratmetern Verkaufsfläche schließlich an den Kunden gebracht werden, bevor sich dieser unter dem Dach im "Erfrischungsraum", später das Selbstbedienungsrestaurant "Le Buffet", englischen Teekuchen und ein Kännchen Kaffee dazu servieren ließ.

Im Hertie war es auch, wo Weidens erste Modenschau stattfand, bei der Mannequins in Badeanzügen und knappen Zweiteilern über den roten Teppich stolzierten. Es war bei Hertie, wo erstmals rote Spitzenwäsche ein ganzes Schaufenster zierte, wo Kinder im Eingangsbereich auf schwarzen Pferden ritten und sich ein eigener Betriebsarzt schon mal um das Ziehen im Rücken der Kaufhaus-Mitarbeiter kümmerte. Alles Themen, über die die Mitarbeiter, die teils in den 3000 Quadratmeter umfassenden Büros und Nebenräumen arbeiteten, in der hauseigenen Kantine unter dem Dach plauderten.

1995 Aus für Lebensmittel

Bei Hertie lief's einfach rund. Also baute das Kaufhaus um, sanierte im Jahr 1976. Doch plötzlich stieg der Umsatz nicht mehr wie erwartet. Die Folge war, dass Hertie Weiden 1984 Hertie Nürnberg zugeschlagen und damit eine sogenannte Anhängefiliale wurde. Damit war das Verwaltungspersonal in Weiden auf einen Schlag überflüssig. Nürnberg übernahm. Der Verkauf der zwei Etagen mit Schuhen und Möbeln im Jahr 1993, die gegenüber dem Hauptgebäude in der heutigen Volksbank untergebracht waren, kennzeichnete einen weiteren gravierenden Einschnitt. Auf traurige Weise toppen konnte dies nur noch die Auflösung der Lebensmittelabteilung 1995.

Ein Jahr darauf, am 1. April 1996, wurde Hertie zu Karstadt. Und die Mitarbeiter freuten sich darüber. Knüpften sie doch große Hoffnung an diese Neuerungen. Das Haus wurde für sechs Millionen Mark umgebaut. Beton wich einer schicken Glasfront. Bis hoch hinauf am Hertie-Gebäude. Doch so richtig aufwärts ging es nach der Namensänderung im Konzern dennoch nicht. Im Gegenteil. 2001 waren noch gut 100 von den einst 335 Mitarbeitern übrig. Karstadt wurde nach der Krise im Januar 2005 zu Karstadt kompakt und im März 2008 nach dem Verkauf an Donald Day wieder zu Hertie. Zwischendrin verzichteten die Mitarbeiter freiwillig auf Lohn. So schrieb das Kaufhaus in der Max-Reger-Stadt bis zuletzt schwarze Zahlen, zudem glänzten die Mitarbeiter durch ihre hohe Motivation. Geholfen hat es nach der trotzdem nichts: Der Konzern ging pleite.

Seit Wochen läuft nun der Ausverkauf bei Hertie. Der dritte Stock ist schon länger verwaist. Außer dem Friseur finden sich dort nur noch leere Regale, haufenweise Kisten und teils nackte Schaufensterpuppen. Sogar das Inventar soll mittlerweile käuflich sein. Listen hierzu kursieren unter den Mitarbeitern. Und die Beschäftigten nehmen's mit Galgenhumor, preisen sich gegenseitig die Rolltreppen als Schnäppchen an. Sogar die Rolltreppen! Weidens Attraktion von 1961.

Es muss eben alles raus. Am Freitag sogar die Mitarbeiter. So nehmen die letzten 54 um Geschäftsführerin Sabine Geppert ab 17.30 Uhr Abschied von ihrem Hertie. Mit Grablichtern. Erlöschen diese, scheint es aber nur so, als bliebe nichts mehr. Denn auch wenn Hertie geht, die Erinnerung an das einst modernste Kaufhaus Weidens bleibt.

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