07.04.2012 - 00:00 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Neugestaltung des Tachauer Heimatmuseums in Weiden Vertreibung und Integration

Der Volksglaube war ein äußerst starkes kulturelles Bindungsmoment innerhalb der deutsch-katholischen Bevölkerungsmehrheit im böhmischen Tachau. Bilder: Krehl (5)
von Redaktion onetzProfil

Die Patenschaft der Stadt Weiden für die nach Kriegsende aus dem westböhmischen Tachau vertriebenen Deutschen ist ein zentraler Bestandteil der Nachkriegsgeschichte der Metropole der nördlichen Oberpfalz. War die Stadt unmittelbar nach Kriegsende Sammelpunkt für 10 000 Flüchtlinge und Vertriebene, wurde sie in der Folge zur neuen kulturellen Heimat für die aus dem nur 50 Kilometer entfernten Tachau Vertriebenen, die dort mit 98 Prozent die deutsch-katholische Bevölkerungsmehrheit gestellt hatten.

Gewissermaßen Kristallisationspunkte für eine neue Heimat waren dabei wohl auch schon in Weiden lebende Tachauer, die weit vor der Hitlerdiktatur in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts an der Naab ihren Lebensmittelpunkt in der damals industriell aufstrebenden Stadt Weiden gefunden hatten.

Die Zeit brachte es mit sich, dass das wenige, das die Vertriebenen in Rucksäcken, Buckelkörben oder auf Leiterwagen mitnehmen konnten, bald Gedanken und Sehnsüchte weckte nach einem Ort, in dem sich Stationen vergangenen Lebens in der Heimat dokumentieren ließen. Es folgte eine "Museums"-Geschichte, die vom Bärnauer Grenzlandturm bis ins Weidener Alte Schulhaus in der Schulgasse im Schatten der St.-Michaels-Kirche führte.
Ein völlig neuer Abschnitt begann im Jahr 2011: Heimatkreisbetreuer Dr. Wolf-Dieter Hamperl und der Weidener Volkskundler und Historiker Dr. Sebastian Schott hatten sich angesichts immer noch wachsender Depotbestände und des immer knapper werdenden Platzangebots im Museum zu einer völligen Neukonzeption der bisherigen Ausstellungen entschlossen. Mit einem finanziellen Aufwand von 220 000 Euro entstand aus den ehemaligen Heimatstuben ein neues "Tachauer Heimatmuseum". Auf zwei Ebenen einschließlich einer Galerie im Obergeschoss ist es Ziel der Neuaufstellung, "durch die thematische Strukturierung die Sammlung so aufzugliedern,dass sich auch ein Besucher, dem die Geschichte des Kreises Tachau und seiner früheren deutschen Bewohner völlig unbekannt ist, zurechtfinden und informieren kann", erläutert Sebastian Schott.

Nach wie vor wird auf den 100 Quadratmetern im Erdgeschoss das Leben der alten Tachauerinnen und Tachauer bis zur Vertreibung 1945/46 gezeigt. Daneben ermöglicht es der Einbau der Galerie aber jetzt, den für die Stadtgeschichte Weidens besonders wichtigen Aspekt der Integration der Vertriebenen und Flüchtlinge nach 1945 darzustellen.
Weiter zurück greifen die zeitgemäßen Medienstationen, an denen es um die Jahre von der k. u. k. Monarchie bis zur Vertreibung geht. Die Ausstellungsmacher gehen dabei der Frage nach, wie es dazu kam, sie erhellen den Nationalismus auf beiden Seiten. Besonders wichtig war Hamperl und Schott, "die geschichtlichen Vorgänge zu personalisieren". So ist eine Abteilung den Lebensläufen des Tachauer Sozialdemokraten Josef Schmutzer und Josef Hamperls gewidmet. Glühender Antifaschist der eine, der andere ebenso überzeugter deutscher Nationalist.

Der eigentliche Rundgang beginnt mit der Arbeitswelt, der die Darstellung jener kultureller Elemente folgt, die die Menschen des Kreises Tachau besonders prägten. Wie die Volksfrömmigkeit Ausdruck war für das religiöse Leben im Katholizismus, wird anhand eines Heiligenbildes und eines Kirchenrechnungsbandes aus dem 17. und 18. Jahrhundert gezeigt. An einer weiteren Station lassen sich Einblicke gewinnen in das große Reservoir herausragender Protagonisten der Eliten- und Hochkultur. Den dritten großen Abschnitt der neuen Dauerausstellungen bilden die Vertreibung und ihre Vorgeschichte, wobei die enge innere Verzahnung der Schau deutlich wird anhand der Schicksale von Schmutzer und Hamperl.
Mit der Vertreibung teilt sich die Ausstellung in zwei Richtungen: Die Treppe zur Galerie hinauf führt in die neue Heimat. Auf der Empore wird erklärt, wie es mit den Menschen nach der Aussiedlung weiterging - mit Exkursen in die Weidener Nachkriegsarchitektur wie auch in die alte Heimat. Wie es dort weiterging mit ihr, nachdem die Deutschen fort waren, versuchen gerade in zunehmendem Maße viele Nachkommen jener Vertriebenen aus eigenem Antrieb an Ort und Stelle herauszufinden.

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Wachsendes Interesse

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Das wachsende Interesse der jüngeren tschechischen Generation schlägt sich laut Dr. Schott auch im Publikum nieder, das aktuell das neue Tachauer Heimatmuseum besucht. "Viele von ihnen suchen nach alten Postkarten und Fotos, sie spüren, dass in dem Landstrich, in dem sie geboren wurden und leben, dass in ihrem Dorf etwas nicht stimmt." Solchen Interessen entgegen kommt dabei die Beschriftung der Ausstellungsstücke, Vitrinen und der Schaustücke in den Schubladen, die von jedermann aufgezogen werden können. Ergebnis der zeitgemäßen Museumskonzeption von Hamperl und Schott.

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