17.01.2004 - 00:00 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Popov kein Alleinunterhalter: Russische Zirkus-Riesen Power und Poesie

Er ist die Lichtfigur des Großen Russischen Staatszirkus, ach was: des Zirkus überhaupt. Im Rampenlicht steht er trotzdem nicht. Die Miene von Oleg Popov, dem "größten Clown der Welt", verfinstert sich: Sobald er in den Spot tritt, springt der schnell woanders hin.

von Ralph Gammanick Kontakt Profil

Am Ende hilft dem 73-Jährigen nur ein beherzter Sprung, um den störrischen Strahl zu packen. Flugs stopft Popov das Licht in seinen Korb - um es wenig später über die ganze Manege zu schütten. Für Sekunden sitzt niemand im riesigen 1500-Mann-Zelt im Dunkeln. Kollektives Staunen: "Booooaaah..." Zu diesem Zeitpunkt haben sie's noch gut, die Damen und Herren vorne, auf den besseren Plätzen: Nichts entgeht ihnen von Popovs Mienenspiel, seiner Magie und Poesie. Sehr wohl aber, dass den Altmeister arge Kieferschmerzen plagen - da lässt er sich bei der Premiere am Mittwochabend nichts anmerken. Im Gegenteil. Urkomisch ist er: wie er als Schlangenbeschwörer Krawatten und Wurstketten nach seiner Pfeife tanzen lässt oder einen allzu frechen Wuffi mit Wodka betäubt. Große Nummern.

Spritziger Maestro

Später, beim grandiosen Auftritt von "Maestro" Allen Harrison, hat die "erste Kategorie" im Publikum weniger zu lachen. Der schräge Vogel mimt einen sturzbesoffenen Trampolinartisten, kippt immer wieder Schnaps (oder ist's doch bloß Wasser?) über die Köpfe in den ersten Reihen. Inge Schröpf beschirmt sich mit dem Programmheft - mit eher mäßigem Erfolg. Und der schadenfrohe Schelm mit der Sturmfrisur gerät ins Schwärmen: "Ich liebe meine Arbeit..."

Seine Kollegen wohl auch. Sonst würden sie sie nicht in dieser unglaublichen Perfektion zelebrieren. Zum Beispiel die Lederrocker der preisgekrönten Kourbanov-Gruppe, die, auf zwei Harleys liegend, ihre Kinder hin- und herjonglieren. Mit den Füßen! Nicht nur der Ball, sondern auch eine hübsche Dame darf Nelson auf der Nase herumtanzen, buchstäblich. Nelson? Ein Seelöwe, der Herrchen Philipp nach jedem gelungenen Kunststück abklatscht. Her mit der Flosse, Partner!

Bei den Kegel-Jongleuren gibt es Atemberaubendes zu sehen (neben den Schönheiten im knappen schwarzen Leder, die das Duo Kirouchine flankieren): "Alle Neune" wirbeln furios durch die Luft. Fast ebenso bunt treibt's Seppl-Clown Konstantin Oustiantsev mit Waschschüsseln. Immerhin fünf Muskelmänner gleichzeitig fliegen bei der "Victor Gavrilik Gruppe" durchs enge Gestänge, stets haarscharf an der Kollision vorbei. Da ist beim Premierenpublikum allerdings nicht mehr viel Adrenalin übrig, das noch ausgeschüttet werden könnte. Schuld daran ist der "Globe Of Death" - die Kugel des Todes.

Das Prinzip ist einfach erklärt: Motorradfahrer sausen mit Tempo 80 durch einen Metallglobus. Waagrecht im Kreis, schräg von oben nach unten. Erst einer. Dann zwei. Die fetzen um eine mutige Assistentin herum, die sich in ihre Mitte gewagt hat. Die Frau geht. Zwei weitere Mopeds kommen. Jetzt sind es vier, die durch die enge Kugel rasen. Lebensgefährlich. Der kleinste Fehler im Timing würde bitter bestraft. Doch die einzigen, die zusammenfahren, sind die Zuschauer. Bei jedem metallischen Knacken der Stahlkugel. Einer staunt: "Wie kann man sowas nur trainieren?!"

Am Ende stehen all diese brillanten Artisten in der Manege, empfangen den verdienten Applaus und applaudieren selbst - der Legende Oleg Popov nämlich, ihrem "Aushängeschild". Zirkus-Tradition und -Moderne, nochmals vereint. Die jungen Kollegen gönnen dem Altmeister den besten Platz im Rampenlicht. Nur erwischen muss er es halt.

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