16.02.2004 - 00:00 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Schulpsychologe: Probleme mit Jugendlichen ohne Perspektive - Weidener Vorzeigeprojekt gefährdet Wegsehen darf nicht Schule machen

Ein abgehobener Theoretiker? Das ist er nicht. Jeden Montag unterrichtet Hanns Rammrath an der Berufsschule in Weiden - in Klassen mit benachteiligten Jugendlichen. Für den Rest der Woche ist der 49-Jährige dann für 26000 Schüler und 1200 Lehrer zuständig: als einziger Schulpsychologe für Berufsschulen in der Oberpfalz.

von Ralph Gammanick Kontakt Profil

Bei ähnlichen Vorfällen wie in Hildesheim und Hannover muss auch Rammrath mitunter eingreifen: Mobbing, Bedrohungen, Prügeleien. Gewalt an Schulen, betonte er beim Interview am Freitag, habe es schon immer gegeben. Die Pädagogen dürften dabei aber nicht tatenlos zusehen.

Bescheren Ihnen die Zwischenzeugnisse einen "Großkampftag"?

Rammrath: Nein. Nur ein Teil unserer Schüler - die in Vollzeitklassen - bekommt Zwischenzeugnisse. Und bei denen ist es nicht so, dass deshalb jemand in Panik geraten würde.

Es waren auch andere Fälle, die jüngst für Schlagzeilen sorgten: Quälereien und Bedrohungen an Berufsschulen in Hildesheim und Hannover. Haben Sie mit solchen Problemen zu tun?

Rammrath: In mehrfacher Hinsicht. Ich gehöre ja auch dem Krisen-Interventions-Team in Bayern an, das deutschlandweit eingesetzt werden kann - zum Beispiel nach Vorfällen wie in Erfurt. Ansonsten können mich Schulen über das Kultusministerium anfordern. Die Vorkommnisse, nach denen ich tätig werde, reichen vom Suizid bis zur Bedrohung von Lehrkräften.

Wo passiert so etwas?

Rammrath: Keine Schule hat einen Garantieschein, dass das bei ihr nicht vorkommt; Gymnasien oder Volksschulen kann das genauso betreffen. Wichtig ist, die Vorfälle zu thematisieren. Gerade in schwierigen Klassen muss man das mit Kollegen und Schülern aufarbeiten.

In Hildesheim hieß es, dass an der Berufsschule ein Klima der Angst und Resignation herrsche, in dem Grausamkeiten als alltäglich betrachtet würden.

Rammrath: Wenn die Lehrer nur zusehen, ist das natürlich nicht zu entschuldigen. Man darf aber nicht unterschätzen, wie problematisch es ist, wenn die Jugendlichen für sich keine Perspektive erkennen. Dann sind sie nicht bereit, sich einzubringen. Und Lehrer, die über Jahre nur frustrierende Erfahrungen machen, sind irgendwann fertig, ausgebrannt. Im Moment haben wir in einer Klasse auch so eine Geschichte am Laufen. Den Schülern müssen wir intensiv zeigen, was geht und was nicht. Und dass sie mit der Konsequenz rechnen müssen, aus der Maßnahme auszuscheiden.

Perspektivlosigkeit soll in den Berufsvorbereitungsklassen herrschen, in denen benachteiligte Jugendliche ohne Ausbildungsplatz unterrichtet werden.

Rammrath: Das ist in Weiden ein bisschen anders. Bei uns sind die jungen Leute seit Jahren in Maßnahmen des Arbeitsamtes und in private Bildungsmaßnahmen mit eingebunden. Zwei Tage pro Woche sind sie an der Schule, drei Tage lang absolvieren sie ein Betriebspraktikum. Dieser Pilotversuch, der vor fünf Jahren gestartet wurde, hat sich sehr bewährt: 80 bis 85 Prozent der jungen Leute können am Ende in ein Ausbildungsverhältnis vermittelt werden. Wir haben drei solche Klassen mit je 20 Schülern. Von den sozialen Hintergründen her bergen sie natürlich noch genug Sprengstoff.

Aber anders als in Hannover haben sie ein Ziel, auf das sie hinarbeiten können?

Rammrath: Ja. Möglicherweise aber nicht mehr lange. Es könnte sein, dass sich dem Arbeitsamt die Gelder dafür gestrichen werden. Der Trend geht jedenfalls da hin. Und dann hätten wir reine Vorbereitungsklassen in Weiden - wie in Hannover. Grundsätzlich ist es so: Wenn alle unsere Schüler einen Ausbildungsplatz hätten, gäbe es die Probleme nicht.

Wie entschärfen Sie Konflikte schon im Vorfeld?

Rammrath: Wir haben zum Beispiel einen Runden Tisch der Beratungslehrer in der Oberpfalz und der Präventionsbeamten der Polizei. Und es gibt - bayernweit einmalig - einen "Arbeitskreis Null Bock" in der Oberpfalz. In dem sollen Pädagogen motiviert werden, die es mit pädagogisch besonders bedürftigem Klientel zu tun haben. Als sinnvoll im Umgang mit den Schülern hat sich die Erlebnispädagogik erwiesen - unter anderem Spiele zur Bildung von Teamfähigkeit. Beispielsweise müssen sich die Jugendlichen gegenseitig durch ein Netz von Seilen helfen. Ich wirke zudem als einer von vier Supervisoren: Unter meiner Anleitung reden sich Kollegen Belastendes von der Seele.

Supervisor sind Sie auch noch? Und der einzige Psychologe für Berufsschulen in der Oberpfalz?

Rammrath: Ja, einer für 26000 Schüler und 1200 Lehrer. Ich unterrichte noch selbst in Weiden - Sozialkunde, Deutsch, Rechnen, Gesprächsführung... Jeden Montag sechs Stunden in eben den Vorbereitungsklassen. Ich weiß also, wovon ich spreche.

Das klingt nach sehr viel Arbeit.

Rammrath: Es ist nicht mehr als bei anderen Schulpsychologen. Mein Rückgrat sind die Beratungslehrer an den einzelnen Bildungsstätten. Die treten vor Ort in kleinerem Rahmen als Problemlöser auf.

Seit 1989 sind Sie Schulpsychologe. Haben sich die Probleme seitdem verändert? Wurden sie mehr? Intensiver?

Rammrath: Mit dem Thema "Gewalt an Schulen" habe ich mich schon sehr bald und intensiv beschäftigt, weil ich Lehrbeauftragter der Fachhochschule für Polizei in Sulzbach-Rosenberg wurde. Also, diese Gewalt hat es schon immer gegeben. Doch heute ist sie durch die Medien häufiger präsent. Das heißt, es wird viel mehr öffentlich von dem, was die Schulen vorher schon mal unter dem Deckel hielten.

Wie werten Sie das?

Rammrath: Oft kann man besser mit einem Problem umgehen, wenn es an die Öffentlichkeit gelangt. Alle möglichen Hilfestellungen werden angeboten. Es ist auch wichtig, dass man beispielsweise einen Gewalttäter zur Rechenschaft zieht. Es wäre ein fatales Signal, wenn man ihn nicht bestrafen würde. Damit tut man ihm keinen Gefallen - und dem Opfer selbstverständlich auch nicht.

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