09.10.2013 - 00:00 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Sohn des "Judenschlächters" rechnet ab Dem Vater nie verziehen

Die Veranstaltung wirkt äußerlich wie eine stinknormale Autorenlesung. Ein Schriftsteller, der sein jüngstes Buch vorstellt. Einen Familienroman mit provokativ, abschreckender Härte. Im Mittelpunkt steht der Vater - ein Massenmörder. Eine Romanfigur, eine literarische Fiktion? Wäre Hans Frank nur eine Fiktion gewesen!

Wie überlebe ich es, das Kind des "Schlächters von Polen" zu sein? Diese Frage stellt Niklas Frank auch in seinem neuen Buch über seinen Bruder Norman und dessen verzweifelte Liebe zu Vater Hans Frank, Hitlers Generalgouverneur in Polen, der in Nürnberg hingerichtet worden ist. Bild: uz
von Autor UHProfil

Man kennt Niklas Franks Vater von Schwarzweißfotos in Schulbüchern. Da sitzt er mit hoher Stirn und schwarzer Brille als einer der 24 Hauptangeklagten in den Nürnberger Prozessen. Sechs Plätze neben Hermann Göring auf der Anklagebank. Neben ihm NSDAP-Chefideologe Alfred Ernst Rosenberg und Reichsinnenminister Wilhelm Frick.

1946 erhängt

Veit Wagner spricht die einführenden Worte. Niklas Frank hat neben "Der Vater: eine Abrechnung" noch zwei weitere Bücher verfasst: "Meine deutsche Mutter" und das aktuelle Werk "Bruder Norman: "Mein Vater war ein Naziverbrecher, aber ich liebe ihn". Der Vortrag in der Regionalbibliothek am Montagabend wird zur Generalabrechnung eines Sohnes mit einem Vater, der mit 46 Jahren am 16. Oktober 1946 kurz nach 1 Uhr nachts gehängt wurde. Niklas Frank, später Journalist beim "Stern", sieht seinen Vater als den, der er war: der "Judenschlächter von Krakau".

Im Dritten Reich war er zunächst Generalgouverneur im besetzten Polen. Der Sohn beschreibt ihn als hochintelligenten, brillanten Juristen. Und der Zuhörer spürt, wie es in ihm brodelt. Obwohl Niklas Frank seit Erscheinen seines ersten Buches "Der Vater" 1987 schon zahlreiche Lesungen hinter sich hat, schaudert es ihn. Solch eine Familiengeschichte lässt sich nicht abschütteln. "Alle Franks haben einen Hau weg." Die Mutter war eine "Verdrängerin". Die Schwester nahm sich mit 46 Jahren das Leben. "Sie wollte nicht älter werden als ihr Vater." Bruder Norman betrank sich jedes Jahr mindestens zwei Mal: am 4. Mai, dem Tag der Verhaftung, und am Todestag.
"Als ich dein Totenfoto zum ersten Mal sah, war ich benommen", beginnt der 74-Jährige seine Ausführungen. "Jetzt kotzt es mich nur noch an." Zehn Tage vor der Hinrichtung, saß Niklas Frank als Siebenjähriger seinem Vater auf Mutters Schoß zum letzten Mal gegenüber. Eine Glaswand trennte die Drei. "Ich wusste, dass du bald tot bist. Doch du musstest lügen. Du sagtest, dass wir bald Weihnachten feiern würden." Noch so eine Lüge, die ein Kind nicht verzeihen kann. Ausführlich schildert der Referent seine Kindheit in Krakau: Er erinnert sich an Einkaufsfahrten an Mamas Seite in der geschützten Limousine, draußen ungepflegte Kinder, deren schreckliche Not er nicht einordnen konnte.

Hündisch sei sein Vater gewesen. "Ein Feigling". Nur hündisch Untergebene konnten an Adolf Hitlers Seite groß werden, selbst wenn Niklas Frank als "Schreibtischtäter" nicht eigenhändig getötet habe. Niklas Frank erzählt Geschichte aus persönlicher Perspektive. Eindringlich, messerscharf, erschütternd. Das berührt.
All dies könne wieder geschehen, warnt der Autor. In den meisten Familien seien die Nazi-Verbrechen unter den Tisch gekehrt worden. Aus diesem Sumpf kämen immer wieder die unglaublichsten Blüten hervor. Es brauche nur einen wie Jörg Haider. "Dann hätten wir ein echtes politisches Problem." Seriöse Studien hätten ergeben, dass etwa 20 Prozent der deutschen Bevölkerung stark antisemitische Ansichten hätten.

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