24.07.2014 - 00:00 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Stunden nach seinem Tod genehmigt US-Richter die Auslieferung - Zwei Jahre ermittelte die ...: Johann Breyer stirbt am Tag der Entscheidung

von Christine Ascherl Kontakt Profil

Exakt an dem Tag, an dem ein US-Gericht seiner Auslieferung nach Deutschland stattgibt, geht Johann Breyers Leben zu Ende. Der 89-Jährige starb in der Nacht zum Mittwoch in einem Krankenhaus in Philadelphia.

Als US-Bezirksrichter Timothy Rice am Mittwochvormittag den Antrag aus Weiden befürwortet, ist er über den Tod des Angeklagten noch nicht informiert. "Verjährung darf kein sicherer Hafen für Mord sein", sagt Rice in seiner Begründung. Laut Haftbefehl war Breyer als KZ-Wachmann in Auschwitz-Birkenau an der Ermordung von 216 000 Juden beteiligt.

Johann Breyer hatte über Jahrzehnte unbehelligt mit seiner Familie in einem Backstein-Reihenhaus in Philadelphia gelebt. 1992 platzte die Vergangenheit schon einmal in das Leben des Werkzeugmachers. In den USA waren Listen mit KZ-Wachleuten aufgetaucht. Bei Breyer wurde der Entzug der Staatsbürgerschaft geprüft. Am Ende ließ man es bleiben: Seine Mutter war gebürtige Amerikanerin. Außerdem sei Breyer noch minderjährig gewesen.

Das war auch der Punkt, der zumindest einen Ansatz von Mitgefühl mit dem alten Mann weckte, der seit Mitte Juni in Auslieferungshaft in Philadelphia saß. Breyer war 17 Jahre, als er sich zur Waffen-SS meldete - nach seinen Angaben waren die Eltern froh, dass er nicht an die Ostfront musste. Und er war erst 19 Jahre alt, als der Krieg zu Ende ging und er noch ein halbes Jahr in russische Kriegsgefangenschaft kam. In Pirk bei Weiden fing er als Vertriebener neu an, wurde Kfz-Schlosser, lernte beim Tanzen seine erste Frau Christa kennen. 1952 wanderte das Paar in die Staaten aus. Der Rest ist bekannt: Söhne, ein Reihenhaus, eine Arbeit als Werkzeugmacher, inzwischen erwachsene Enkel.

Seit September 2012 ermittelte die Staatsanwaltschaft Weiden auf Basis der Vorermittlungen der Zentralen Stelle zur Aufklärung von Nazi-Verbrechen in Ludwigsburg. Der Anwalt der Nebenklage hat den Weidener Staatsanwälten lange vorgeworfen, das Verfahren mit zu wenig Nachdruck anzugehen. Das konnte man auch anders bewerten: Staatsanwälte aus Weiden reisten um die halbe Welt. Sie fuhren nach Auschwitz. Sie sprachen mit Holocaust-Überlebenden in Israel, die in der fraglichen Zeit dort waren. Zwischen Mai und Oktober 1944, als 158 Züge zur "Ungarn-Aktion" einrollten. Mindestens 216 000 Menschen starben im Gas.

Die Staatsanwaltschaft schaltete einen Historiker zu: Holocaust-Experte Dr. Stefan Hördler aus Wien konnte zuordnen, wann Breyer in welcher Wachmannschaft war. Seine Version, "nur am Zaun Dienst getan" zu haben, war damit nicht länger glaubhaft. Auch seine Einlassung, doch nur im Arbeitslager Auschwitz I gewesen zu sein, ließ sich nicht vereinbaren mit den historischen Dokumenten, die ihn den Totenkopf-Einheiten 3, 7 und 8 zuordneten.

Auch dafür gab es eine Erklärung: Es handelte sich immer um die gleiche Einheit, die mehrfach umnummeriert wurde - und diese Truppe war laut Historiker im Vernichtungslager II am Werk. Ausgerechnet Anträge auf Urlaub und Dienstbefreiung verrieten Breyer. Selbst Volksgruppenführer Franz Karmasin verwandte sich für den Bauernsohn aus Neuwalddorf (Slowakei): Breyer müsse den kranken Eltern auf dem Hof helfen. Er wollte da weg.

Aber da gibt es eben noch die so viel stärkeren, viel grauenhafteren Schicksale der ermordeten Juden und ihrer Familien. Ruth Nickel zum Beispiel, Nebenklägerin aus Berlin, die Zeit ihres Lebens mit der unendlichen Trauer der Mutter leben musste. Die jüngeren Schwestern Ruth und Brigitte waren im Alter von vier und sechs Jahren deportiert worden und starben in den Gaskammern von Auschwitz. Im August 1944. Als Breyer vor Ort war. Die Totenkopf-Bataillone taten bei der Selektion an der Rampe rotierend Dienst.

Am Ende überlebt

Für Angehörige von Überlebenden war die Verfolgung von Breyer eine außerordentliche Genugtuung. Éva Pusztai, eine der acht Nebenkläger, hat in Auschwitz acht Angehörige verloren. Die Ungarin hegte Hoffnung auf Gerechtigkeit in allerletzter Minute: "Ich habe mir vorgenommen, ich muss ihn überleben, und ich muss dabei sein, wenn er verurteilt wird." Sie hat ihn überlebt.

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