27.02.2012 - 00:00 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Warum sich ein Achtklässler mit der jahrzehntealten Flüchtlingsgeschichte einer Verwandten ... "Das sind auch meine Wurzeln"

Konstantin Franz, Augustinus-Gymnasiast, hat zahlreiche Bilder von der Flucht aus Ostpreußen gesammelt. Bild: Hartl
von Franz Kurz Kontakt Profil

Weihnachten hatten sie auf dem Dachboden gefeiert, möglichst versteckt. Ein paar Kerzenstummel brannten. "Wir saßen unterm Christbaum und sangen ganz leise ,Stille Nacht'." Ein letztes Mal Luftholen. "Dann begann das Grauen." So fängt der Bericht der damals Neunjährigen an. Sie steuert mit ihrer Familie auf eine der vielen Katastrophen in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs zu. In ihrem Fall ist es das Zugunglück bei Grünhagen im damaligen Ostpreußen und die folgende Flüchtlingstragödie. Die beiden Ereignisse jährten sich vor wenigen Wochen zum 67. Mal.

Konstantin Franz, Achtklässler am Augustinus-Gymnasium, hat sich mit den Geschehnissen von damals beschäftigt. Er hat eine Mappe erstellt, Bilder gesammelt, einen Powerpoint-Vortag erarbeitet. Beim Landeswettbewerbs "Die Deutschen und ihre östlichen Nachbarn - Wir in Europa" verlieh ihm das Kultusministerium dafür einen zweiten Preis.

Aber wie kommt ein 14-Jähriger dazu, dass er über ein halbes Jahr, wie er sagt, "jedes Wochenende durchgearbeitet hat" - für ein Thema, das so lange zurückliegt? Es begann bei einem kleinen Familientreffen. Eine entfernte Verwandte, eben jene, die die Schrecken am Kriegsende als Neunjährige erlebt hatte, erzählte eher nebenbei davon, dass sie Flüchtling war. Für Konstantin war das neu. Gleichzeitig, berichtet er, wurde ihm bewusst: "Wäre es ihr anders ergangen, würde es mir jetzt anders gehen." Kurz: "Das sind auch meine Wurzeln."
Ermuntert von Geschichtslehrer Thomas Peter, begann der Jugendliche mit seiner Arbeit. Zunächst bei der Verwandten. Nur "wollte sie eigentlich gar nicht darüber sprechen". Zu traumatisierend waren die Ereignisse. Aber die Frau schrieb alles auf. Sie schrieb, wie sie als Kind von ihrer Heimat im ostpreußischen Osterode Anfang 1945 nach Westen floh. Mit dem Zug ging es am 25. Januar nach Grünhagen. Doch dort raste die Eisenbahn auf einen Lazarettzug. "Es spielte sich Furchtbares ab. Viele Tote und Verletzte."

In Eiseskälte warteten die Überlebenden auf den nächsten Zug, als plötzlich russische Soldaten auftauchten und auf die Menschen schossen. "Der Schnee färbte sich rot." 140, vielleicht 150 Menschen starben. Ausgestanden war das Grauen damit noch lange nicht. Auf das Kind und seine Familie wartete eine Odyssee, die schließlich bei Verwandten in Pressath endete. Konstantin hat, ausgehend von diesem Bericht, versucht, die Geschehnisse umfassend zu rekonstruieren, Aussagen mit gesicherten historischen Fakten abzugleichen. Kein leichtes Unterfangen. Über die Ereignisse in jenem Januar fand sich fast nichts. Erst als er auf Heinz Timmreck stieß, der ein Buch über die letzten Flüchtlingszüge aus Ostpreußen geschrieben hat und dem Schüler bei seinen Recherchen hilft, ging es voran.
Wobei für Konstantin vielleicht gar nicht mal die konkreten Ergebnisse entscheidend waren. Der Gymnasiast jedenfalls erzählt, für ihn war der Austausch mit Überlebenden aus jener Zeit das Wertvolle an seiner Arbeit. Gleichzeitig lernte er, "wie grausam Menschen sein können". In diesem Fall waren es russische Soldaten, die Flüchtlinge angriffen - "sie konnten ja nichts dafür, dass sie Deutsche waren".

Ursache der Tragödien

Die Ursachen für all das vergisst Konstantin jedoch genauso wenig. Schließlich war es zunächst Nazideutschland, das in Osteuropa aufs Übelste wütete. Das ändert nichts am Leid der ostpreußischen Flüchtlinge schreibt er am Ende seiner Arbeit. Doch "letztendlich waren also die ,Deutschen' an all diesen Tragödien und Fluchtbewegungen schuld".

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