18.09.2014 - 00:00 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Weidener Firma baut Sperrwerk für Greifswald Nach ihnen die Sturmflut

Bisher wäre Greifswald einer Sturmflut schutzlos ausgeliefert. Die Ostsee könnte den Ort fluten. Wie 1872. Eine Weidener Firma sorgt dafür, dass sich das nicht wiederholt. Hermann Maschinenbau hat ein Sperrwerk gebaut. Die Montage bereitete Ingenieur Jürgen Graßl eine schlaflose Nacht.

Dieses Sperrwerk aus Weiden schützt künftig die 12 500 Einwohner von Greifswald. Bisher war der malerische Küstenort (im Hintergrund) über die Mündung der Ryck schutzlos der Ostsee ausgesetzt. Herzstück des Sperrwerks ist das Drehsegment (auf dem Bild noch oben), das künftig in der Betonschale auf dem Boden des Flusses liegt. Bei Sturmwarnung wird das Tor um 90 Grad gedreht und steht wie eine Wand im Flussbett. Bild: hfz
von Christine Ascherl Kontakt Profil

Es ist nicht der erste Großauftrag von der rauen See, den die "Landratten" aus der Oberpfalz an Land gezogen haben. Hermann Maschinenbau machte sich schon mit der Kaiserschleuse Bremerhaven einen Namen. Jetzt also das Sturmflutsperrwerk Greifswald, größtes Küstenschutzprojekt in Mecklenburg-Vorpommern. Seit 2011 arbeiten die Weidener an dem Projekt. Die Teile wurden soweit möglich am Brandweiher gefertigt. 2012 begannen erste Montagearbeiten an der Küste.

Am 26. Juli 2014 ist nun das Herzstück des Sperrwerks eingesetzt worden: eine Fluttür, 110 Tonnen schwer, 21 Meter lang. Dieses Drehsegment ist im Normalfall gar nicht zu sehen. Es liegt auf dem Flussboden in einer Betonschale in vier Metern Tiefe. Schiffe können auf der Ryck ungehindert in den Stadthafen von Greifswald fahren. Bei einer Sturmflutwarnung wird das Tor um 90 Grad nach oben gedreht und stellt sich wie eine Wand in den Fluss. "Ein Produkt höchster Ingenieurskunst", lobte Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus. Er war bei der Montage am Samstag, 26. Juli, 7 Uhr morgens live dabei.

Wenn es nach den beiden Köpfen des Projekts, Jürgen Graßl und Projektleiter Thomas Erhardt aus Brand gegangen wäre, hätte der Kranführer schon um 6 Uhr loslegen können. Die Sonne war aufgegangen, der Himmel aufgeklart. "Tollstes Wetter." Noch in der Nacht hatten ein Gewitter und starker Wind über der Ostsee gewütet. Graßl tat kaum ein Auge zu: "Wind geht gar nicht." So wuchtig die Stahlteile sind, es geht doch immer um Millimeter. 110 Tonnen Stahl, 21 auf 12 Meter. "Aber links und rechts sind nur fünf Millimeter Platz."

Das NDR hielt diese Millimeterarbeit in einem Beitrag für das "nordmagazin" fest. Eine Hauptrolle kam dem Kranführer zu. Ein 650-Tonnen-Kran war im Vorfeld von 32 Lkw zur Montage vor Ort gebracht worden. Der Aufbau dauerte fünf Tage. Dieser Riese ließ nicht nur das Tor, sondern auch 22-Meter-Revisionsbalken, die Seitenscheiben (Durchmesser zwölf Meter) und die Dreharme in die Baugrube "einschweben".

Die norddeutschen Medien beschäftigen sich auch mit den Kosten für das dem Themse-Sperrwerk nachempfundenen Bauwerk: 28 statt 25 Millionen Euro. "Jede Sturmflut, die Menschenleben vernichten würde, stellt die Frage nach den Kosten nicht", kommentierte der Minister. Greifswald ist wie keine andere Stadt von Nordoststürmen bedroht.

Hermann ist noch nicht fertig mit Greifswald. Die Ryck ist an dieser Stelle 60 Meter breit. Die Hauptdurchfahrt durch das neue Sperrwerk misst 21 Meter. Jetzt fehlen noch Schiebetore für die Nebenöffnungen mit je 21 Metern. Sie funktionieren wie große Schiebetüren und werden bei Sturm geschlossen. In zwei Wochen beginnt Hermann mit der Fertigung dieser Tore. Auch diese Qualitätsarbeit ist am Ende "unsichtbar". Die 25-Tonnen-Tore rollen unterirdisch auf Eisenbahnschienen in Kammern im Deich und sind von Spaziergängern auf den Promenaden gar nicht zu sehen.

150 Mitarbeiter

Die Firma Hermann hat auch durch die Großaufträge aus dem Norden immer eine satte Handbreit Wasser unter dem Kiel: Der Personalstamm an den drei Standorten (zwei in Weiden, einer in Erpetshof bei Vohenstrauß) zählt inzwischen 150 Mitarbeiter. In der Fertigungshalle in der Philipp-Karl-Straße hat Hermann jüngst zwei Fräswerke der Firma Zayer mit einer Tischlänge von bis zu zwölf Metern in Betrieb genommen.

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Weitere Informationen im Internet:

http://www.sperrwerk-greifswald.de

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