03.04.2004 - 00:00 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Witt, A.T.U, Stadt: Horrende Ausbildungsplatzabgabe droht - "Renaissance der Planwirtschaft" Für "Leerstellen" doppelt bestraft

Ausbildungsplätze im Angebot? Mehr als genügend beim Versandhaus Witt: Zwölf junge Leute sollten zum letzten Herbst beginnen. "Und in der Woche davor sprangen fünf von ihnen ab", ärgert sich Personalchef Heiner Herzig. Nun droht der Firma, für solches Ungemach doppelt bestraft zu werden: mit der Ausbildungsplatzabgabe.

von Ralph Gammanick Kontakt Profil

Sollte sie kommen, müsste das Versandhaus mit seinen bundesweit knapp 2200 Mitarbeitern tief in die Tasche greifen. "Sehr ärgerlich" findet's Herzig. Denn: "Wir bilden ja schon weit über unseren eigenen Bedarf aus."

Der Personalchef wettert über "eine Renaissance der Planwirtschaft", über "Bürokratismus pur". Der käme auch der ohnehin zum Sparen verdammten Stadtverwaltung teuer: Die Vorgabe von mehr als sieben Prozent Auszubildenden verfehlt sie bei weitem. Nur rund 20 von 800 Beschäftigten sind Berufsanfänger. Macht gerade mal 2,5 Prozent. 36 Azubis zu wenig, das kostet. Wie viel? "Steht noch völlig in den Sternen", sagt Personalleiter Werner Englmaier. Laut Gesetzentwurf errechnet sich die Abgabe über ein hochkompliziertes Verfahren. Keine Einschnitte muss das ausgegliederte Kommunalunternehmen Klinikum (1000 Vollzeitstellen) befürchten - vor allem dank der etwa 120 Pflegeschüler.

Anders A.T.U. Wilfried Prokein, Leiter der Abteilung Personalentwicklung, beschreibt Weidens Vorzeigefirma zu Recht als "großen Ausbildungsarbeitgeber": Bundesweit zählt er 650 Lehrlinge in acht verschiedenen Bereichen, vom Bürokaufmann bis zum Kfz-Mechatroniker. Bei 12 000 Beschäftigten wären das 5,4 Prozent. Prokein schwant, "dass wir da ein Eck' zahlen müssen". Ungerecht, findet er: Wie Witt "würden wir gerne mehr ausbilden, aber die Leute dazu gibt es nicht". Und auch A.T.U bilde "über den eigenen Bedarf, also für andere Betriebe" aus. Den generellen Nutzen der Abgabe bezweifelt Prokein ohnehin. Arbeitgeber würden sich wohl von der Ausbildungspflicht "freikaufen".

"Sinnvoll und notwendig"

Franz Kiener von der Agentur für Arbeit ist "eher skeptisch", dass bis 30. September insgesamt 15 Prozent Lehrstellen über Bedarf zum Vorschein kommen. Dann also müssten viele Betriebe "bluten". "Sinnvoll und notwendig" wäre das - nach Gewerkschaftsmeinung. DGB-Sekretär Christian Dietl will damit jene Firmen bestraft sehen, "die Ausbildungsbetrieben Fachkräfte abwerben". Zahlen müsste wohl übrigens auch der DGB selbst. Dietl: "Uns mangelt es an klassischen Ausbildungsberufen."

Der Gewerkschafter zitiert eine Umfrage, wonach sich 43 Prozent der deutschen Unternehmen für die Abgabe aussprechen. Kunststück. Denn 82 Prozent aller Betriebe sind gar nicht betroffen. Das Handwerk etwa bleibt vom Obolus weitestgehend verschont. Zum einen, weil die Regelung für Betriebe mit weniger als zehn Mitarbeitern nicht gilt. Zum anderen, weil der Rest die Vorgabe "locker erfüllt", wie Kreisgeschäftsführer Anton Bollmann feststellt: "Auf zwölf Mann muss ja nur ein Lehrling kommen." Trotzdem hält Bollmann die Neuerung für "einen Schmarrn". Wenn der Staat in die Ausbildung eingreift, vermindere das deren Qualität. "Die Leidtragenden werden die Jugendlichen sein."

Dabei könnte die Bundesregierung mit der Abgabe tatsächlich Arbeitsplätze schaffen, prophezeit Witt-Personalchef Herzig sarkastisch: "Mindestens 500 Stellen. Beim Aufbau des neuen Bürokratismus."

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