17.01.2004 - 00:00 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Zehn Jahre Kunstverein: Wolfgang Herzer und Gabriele Hammer wollen die Region langsam auf die ... Die große Kunst der Entschleunigung

von Ralph Gammanick Kontakt Profil

Zeit sollte man schon mitbringen. Viel Zeit. Wer zur Galerie des Kunstvereins in die Ledererstraße findet, bewegt sich schließlich in der "Entschleunigten Zone". Was auch für die Macher gilt: Wolfgang Herzer und Gabriele Hammer.

Deren Zeit ist gut ausgefüllt. "15-Stunden-Tage", erzählt Kunstverein-Chef Herzer, "sind keine Seltenheit." Besonders jetzt wieder: bei der Vorbereitung der Ausstellungen zum zehnjährigen Vereinsjubiläum, das an diesem Wochenende steigt. Helfer rekrutieren, Bilder arrangieren, schon wieder die nächsten Termine festklopfen. Und zwischendurch auch noch die Kunstverein-Geschichte im NT-Interview aufrollen. Aber immer mit der Ruhe. Wir befinden uns ja in der "Entschleunigten Zone"...

Das Foto auf dem Jubiläums-Flyer zeigt die Galerie vor einem Schild mit der Aufschrift "Entschleunigte Zone". Vergingen die letzten zehn Jahre gar so langsam?

Herzer: Nein, es ist nur so, dass Kunst ihren ganz eigenen Zeitbegriff hat. Er geht weg von Terminen, von mechanischer Zeit. Hin zum Biorhythmus. Zur Zeit, die organisches Wachstum braucht. Es ist der Versuch, der wahnsinnigen Dynamik Zeit-Oasen entgegenzusetzen. Über einem Kunstwerk kann man ausspannen, zu sich kommen.

Der Kunstverein selbst ist "organisch gewachsen"?

Herzer: Stufenweise. Es ging los mit meiner Tätigkeit als Ausstellungsmacher bei der "Futura '87". Dann bekamen ich und andere das Angebot vom Caf´e "blaugold". Mit meiner jetzigen Frau eröffneten wir dort die Galerie "Hammer & Herzer". Es ging uns darum, Gegenwartskunst zu zeigen, die man hier normalerweise nicht in Originalen erlebt. Die Region gilt als stark traditionsbezogen. Das wollten wir ändern.

Und dazu hat es dann das doch sehr traditionelle Gebilde eines Vereins gebraucht?

Herzer: Wir haben die Galerie zum gemeinnützigen Verein umgeformt, nannten uns erst "Freundeskreis Kunst", dann ab 1999 "Kunstverein". Ein weit besseres Erkennungszeichen als "Galerie". Denn eine solche betreut einen eher kleinen Kreis von Künstlern. Außerdem wird eine Galerie in der Provinz skeptisch angesehen: als Markt, in dem traditionelle Sachen verkauft werden.

Was ist oberstes Vereinsziel?

Herzer: Den Künstlern aus der Region eine Anschubhilfe zu geben. Sie finden bei uns eine Spielwiese, können experimentieren. Natürlich hatten wir auch viele Ausstellungen mit großen, internationalen Namen. Die sind wichtig fürs Prestige.

Sind die Weidener gegenüber Gegenwartskunst aufgeschlossener geworden?

Herzer: Wir wollten mal eine Umfrage dazu in der Fußgängerzone starten. Das hat bisher leider nicht geklappt. Ich denke, wir sind schon bekannt - nicht zuletzt dank guter Pressearbeit. Die Hemmschwelle, bevor man hier reingeht und guckt, ist bei vielen jedoch nach wie vor groß. Wir haben natürlich auch keine exquisite Lage - im Hinterhaus, versteckt. Die Räume sind ideal, die Lage ist es nicht. Früher waren wir einfacher zu finden, aber auch da hielten die Leute lieber Distanz. Viele haben Angst, sie müssten was kaufen, ein Pflichtgespräch absolvieren...

Finden nicht zumindest die Vernissagen immer mehr Resonanz?

Herzer: Gleichbleibend. Wir haben fast immer ein volles Haus. Das strahlt aus. Wir verstehen uns ja nicht als Weidener Verein, der einem Weidener Publikum ein Erlebnisprogramm bietet, sondern als "weichen Standortfaktor". Wir wollen das Image der Stadt in der Region heben. Uns im Grenzland traut man einiges nicht zu. Zum Beispiel, moderne Kunst auf hohem Niveau zu bieten. Da ist es uns gelungen, ein Signal zu setzen.

Können Künstler hier von ihrem Beruf leben?

Herzer: Ja, aber es ist natürlich ein sehr schwieriger Beruf. Wir versuchen, sie zu unterstützen. Deshalb haben wir den Verkauf. Ein Teil unseres Budgets rührt ebenfalls von Verkäufen her. Aber wir sind gemeinnützig, verdienen nichts dran. Der Verein braucht eine Menge Geld.

Und die Rechnung geht auf?

Herzer: Ja. Weil uns die Sponsoren kräftig unterstützen.

Werden die nicht immer weniger?

Herzer: Unsere sind uns seit Jahren treu. Sie wissen, was sie an uns haben, denken über ihren Betrieb hinaus. Wir machen nichts für einen speziellen Kreis, sondern fördern das Kreativpotenzial in der Region. Das ist unsere Botschaft: Man muss selber nichts von Kunst verstehen; wir erzählen auch niemandem, was man darunter zu verstehen hat. Man muss nur kapieren, dass das eine vernünftige Sache ist. Kunst schafft ein anregendes Klima.

Wie oft fühlen Sie sich noch zum Kunstschaffen angeregt?

Herzer: Ich komme leider selten dazu.

Aber sie stellen doch zum Jubiläum selbst aus?

Herzer: Das Ergebnis von zehn Jahren. Ich versuche halt, das nicht abreißen zu lassen. Dann ziehe ich mich zurück, vergesse alles, zeichne und tauche irgendwann wieder auf. Der Ausstellung liegt der Gedanke zugrunde, dass die Interessenten auch mal die Haltung des Veranstalters sehen.

Ihre Kunst ist angeblich sehr abstrakt. Katzen und Kreuze sollen als Motive immer wiederkehren.

Herzer: Diese Phase ist vorbei. Ich zeichne jetzt hauptsächlich... Schwierig, das erschöpfend darzustellen... Muss das sein? Gabi, was mache ich denn

Gabriele Hammer (am Computer): Ich habe jetzt nicht zugehört.

Herzer: Naja, das sind ganz persönliche Erlebnisse - der Tod eines Freundes, Sexualität, Schiffe, alles Mögliche - die ich aus dem Gedächtnis heraus zeichne. Ich suche Bildformeln, um das, worum es geht, in knapper Weise zusammenzufassen. Wie ein Stempel, ein Logo. Und dann wiederhole ich das immer wieder. Manche Szenen habe ich 200 Mal gezeichnet.

Dann parken Sie in Ihrer persönlichen "Entschleunigten Zone"?

Herzer: Ja. Das ist eine meditative Situation. Im weiteren Sinne findet im Kunstverein Entschleunigung zum Wohle der Region statt: indem wir sie attraktiver machen. Einen Beitrag leisten, dass sie nicht nur Transit-Region ist, sondern dass man hier bleibt - dass man sich hier ansiedelt. Wir entschleunigen den Durchgangsverkehr.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Nachrichten per WhatsApp und Facebook Messenger

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.