500 Gäste gratulieren OB Kurt Seggewiß zum 60. im Neuen Rathaus
Staus vor dem Endspurt

Erinnerungen an die Kindheit: Die Bürgermeister Jens Meyer (links) und Lothar Höher (rechts) schenken ein Bild mit alten Postkarten aus Kurt Seggewiß' Geburtsstadt Bocholt.
Politik
Weiden in der Oberpfalz
16.10.2017
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Laut Jubilar Kurt Seggewiß eine "familiäre Gemeinschaftsleistung" von ihm, seiner Frau Maria und Sohn Jan: Die Skizze dient ihm als Grundlage für die mit Spannung erwartete Rede zum 60. Bilder: Schönberger (9)

Bitte hinten anstellen! Rund 500 Gäste wollen Kurt Seggewiß zum 60. Geburtstag gratulieren. Sie müssen Geduld mitbringen.

Vor dem Oberbürgermeister sind alle gleich. Wirtschaftsbosse und Landräte, Verbandsvorsitzende und freundliche Normalbürger, Dezernenten und städtische Mitarbeiter - sie alle stellen sich am Montagvormittag im Rathaus-Flur ganz hinten an, um sich dann im Schneckentempo in Richtung Jubilar zu schieben. Und alle ertragen es mit Engelsgeduld. "Super" findet es sogar ein Vertreter aus dem Sport: "Hier gibt es keine Privilegien."

Bis zum Ziel, dem Eingang des Großen Sitzungssaals, dauert es schon mal eine halbe Stunde. Der Empfang dort ist um so herzlicher: Oberbürgermeister Kurt Seggewiß nimmt nicht nur Glückwünsche entgegen, sondern sich auch immer wieder Zeit für ein paar persönliche Worte. Umarmungen. Bussi links, Bussi rechts. Im Saal stehen dann rund 500 Gratulanten eng beieinander, trinken ein Gläschen Sekt auf das Wohl des Jubilars und knabbern am Laugengebäck. Alles bezahlt von Seggewiß selbst und nicht etwa aus der Stadtkasse, wie der Rathauschef am Rande betont.

Manch einer hat dann auch an Seggewiß' Ankündigung, der Kommunalpolitik 2020 Lebwohl zu sagen, schwer zu knabbern. Nicht zuletzt Frau Maria und Sohn Jan, die natürlich von Anfang an eingeweiht waren, während der Rede des Familienoberhaupts aber dennoch Tränen vergießen. Auch dem Jubilar selbst werden die Augen feucht. Das erste Mal, als ihm die Bürgermeister Jens Meyer und Lothar Höher, beide mit roten Krawatten, ein Bild mit alten Postkarten aus Bocholt schenken, seiner Geburtsstadt. Wie's in den folgenden 60 Jahren weiterging, das schildert Dezernent Hermann Hubmann in einem launigen Lebenslauf. Er überreicht weiße Tennissocken, ("Liebestöter", sagt Seggewiß wegen solcher er als Jugendlicher gehänselt wurde, worauf ein Wutausbruch in der Josefskirche folgte), einen Spielzeugkran (wegen des Spruchs "Ich will Kräne sehen") und einen amtlichen Verwarnungsbescheid: weil Raucher Seggewiß bei jeder Gelegenheit gegen das OB-Gesundheitsschutzgesetz verstoße.

Die Bläsergruppe mit Musikern aus Arbeitsagentur, Jobcenter und Rathaus (Seggewiß: "Das Sozialbürgerhaus in musikalischer Begleitung") musiziert, später spielt auch die Stadtkapelle ein Ständchen. Die Gambrinus-Abordnung überbringt Weizen im 3-Liter-Glas. Höher animiert erfolglos zur "Weißbierdusche" à la FC Bayern. Schalke-Fan Seggewiß, der natürlich auch ein Trikot seines Lieblingsvereins bekommt, nimmt gegen Ende seiner Rede einen kräftigen Schluck daraus - und fährt fort: "Irgendwas war noch ..." Genau: die mit Spannung erwartete Antwort auf die Frage, wie es weitergeht mit dem Oberbürgermeister Seggewiß. Und: "Ich habe mich entschieden, dass ich für die Kommunalwahl 2020 nicht mehr zur Verfügung stehe."

Mögliche Nachfolger befinden sich wohl unter den Zuhörern. Schlange stehen sie aber noch nicht.

Stadt und Land

Es ist ein zentraler Punkt in Kurt Seggewiß' Geburtstagsrede: die Zusammenarbeit mit dem Landkreis. Es gebe zwar keine Rivalitäten mehr zwischen der Stadt und dem Landkreis Neustadt, "aber es sind noch viele Verletzungen da", meint der OB. Die rührten daher, dass die einst geldigen Weidener arrogant auftraten. "Heute müssen wir im Landkreis betteln gehen." Und: "Wir, Stadt und Landkreis, haben noch viel zusammen zu tun." Drei Punkte hebt er hervor.

Erstens: den Ostbayernring. "Überall gibt es aufgebrachte Bürger." Und Landrat Andreas Meier und der OB versuchten zu helfen - "im Rahmen des rechtlich Möglichen". "Aber wir müssen uns da dem unterordnen, was der Landkreis entscheidet. Allein schon aus geografischen Gründen. Wir werden keine Extratour fahren."

Zweitens: die Kliniken Nordoberpfalz AG. "Wir müssen hier zusammenarbeiten, Reformen machen." Die Alternative wäre, diesen Bereich wie in Schwandorf zu privatisieren. "Das kann doch keiner wollen."

Drittens: die Sparkassen. "Da sind wir in Stadt und Land nah beieinander", deutet Seggewiß die Einigkeit zwischen ihm und Landrat Meier an. "Dass die Fusion kommen muss, ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Aber ich bin gespannt, wie lange mancher Politiker seine Pfründe noch halten will." (mte)


Zitate"Mit 20 Jahren hat jeder das Gesicht, das Gott ihm gegeben hat, mit 40 das Gesicht, das ihm das Leben gegeben hat - und mit 60 das Gesicht, das er verdient." - Bürgermeister Jens Meyer zitiert Albert Schweitzer.

"Wir haben lange wegen eines Geschenks überlegt, aber die Entscheidungen endeten immer 1:1. Wir fanden keine Mehrheit." - Bürgermeister Lothar Höher über die Diskussionen mit Jens Meyer.

"Er kommt ja aus Bocholt. Ich sag immer: Ich bin Tscheche, er Holländer." - Lothar Höher

"Beim Tennis merkt man schnell wie einer tickt. Kurt war immer eins: fair." - Rechts- und Sozialdezernent Hermann Hubmann

"Du hast dich mit aller Kraft in die Arbeit gestürzt und bist ein guter Oberbürgermeister geworden." - Hermann Hubmann

"Die Mehrheitsverhältnisse und die Diskussionen im Stadtrat machen dir manchmal zu schaffen. Wenn zu lang und immer wieder das Gleiche diskutiert wird, sieht man die Zornesader pochen. Und wenn dann weitere Wortmeldungen kommen, wird's entweder sehr laut oder du gehst rauchen. In den Dezernentenbesprechungen ist das ganz anders: Da wirst du auch ohne Grund laut." - Hermann Hubmann

"Wir haben in dir einen guten Leiter, der als OB Mensch geblieben ist und der nie die Bodenhaftung verloren hat. Ein wenig ungeduldig zwar, aber das erwartet man von einem OB." - Hermann Hubmann (mte/rg)
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