Amin Rochdi über die Geschichte des Islams
Mit vielen Klischees aufgeräumt

Keine einfachen Antworten auf komplizierte Fragen: Der Wissenschaftler Amin Rochdi klärt bei seinen Vorträgen über die Hintergründe der Religion auf. Bild: otj
Politik
Weiden in der Oberpfalz
02.12.2016
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"Gekommen, um zu bleiben!?" So überschreibt Amin Rochdi seine Vorträge über den Islam in Deutschland. In Weiden klärt der junge Wissenschaftler und Lehrer auf Einladung von amnesty international und "Demokratie Leben" über die historischen und sozialen Hintergründe des muslimischen Glaubens auf.

(otj) Amin Rochdi ist in Deutschland geboren. Ein smarter Typ, gebildet, eloquent changierend zwischen Niederbayerisch und Hochdeutsch. Und trotzdem spürte der gläubige Muslim immer wieder, dass er anders war als seine Altersgenossen. Spätestens nach den Anschlägen von New York. "Ich bin ein Kind des 11. September. Nach den Anschlägen war ich für meine Mitschüler Islamexperte."

Im Vorfeld hatten die Veranstalter Rochdi einige Fragen gestellt. Es ging um Terrorismus, das Frauenbild, Salafismus - aktuelle Problematiken. Wer darauf einfache Antworten erwartete, wurde enttäuscht. Dafür gab es Fakten aus der Geschichte des Islam, die vieles mit anderen Augen sehen lassen. Und selbst dafür war die Zeit schon knapp.

Mit Klischees aufräumen

Der islamische Religionslehrer räumte eingangs mit Klischees über den Islam auf. Beispielsweise werde immer der Islam mit dem Nahen Osten in Verbindung gebracht. Dabei lebe der Großteil der Muslime im asiatisch-pazifischen Raum. Auch verbinde man den Islam immer mit Krieg und Unterdrückung. Es sei sehr wohl möglich gewesen, dass mehrere Ethnien friedlich zusammen lebten.

Um den Islam und seine Heterogenität zu verstehen, müsse man seine Entstehungsgeschichte kennen. Ausgangsort war Mekka, die Stadt des Propheten Mohammed, dessen monotheistische Religionsanschauung im multikulturellen Mekka nicht unbedingt gut gelitten gewesen sei. Mohammed zog deshalb nach Medina. In beiden Städten hätten sich unterschiedliche Suren entwickelt. Mit dem Tod des Propheten habe sich das größte Dilemma der Geschichte des Islam ereignet: bei der Frage seiner Nachfolge. Damals seien dann die Glaubensrichtungen der Sunniten und Schiiten entstanden. Kriege zwischen den beiden Gruppen seien trotzdem weniger religiös geprägt als machtpolitisch.

Heute seien in Deutschland 90 Prozent der Muslime Sunniten. Eine deutlichere Trennung werde aber auf ethnischer Ebene deutlich. Die Moscheen würden zum Beispiel von Türken, Bosniern oder anderen Nationalitäten geleitet, wo auch die Landessprache gesprochen werde. Die meisten Gemeinden seien in Deutschland aufgrund der Gastarbeiterhistorie türkisch geprägt.

Der Bau von Moscheen sei abhängig von Spenden und Mitgliedsbeiträgen der Mitglieder von Moscheevereinen. "Das ist dann auch der Grund, warum es Hinterhofmoscheen gibt. Es soll nichts verschleiert werden. Es ist einfach eine finanzielle Frage."

Islam aus Privatheit holen

Auch auf das Thema Islamismus ging Rochdi ein. Er habe eine theologische Antwort auf den kommunistischen Atheismus und den westlichen Imperialismus sein sollen. Der Dschihadismus sei daraus erwachsen, wo es ein politisches Vakuum gäbe. Die Radikalisierung sei in den 80er Jahren durch den Einmarsch der Sowjets oder in den 90er Jahren im Bosnienkrieg befördert worden.

Speziell für Deutschland formulierte Amin Rochdi die künftigen Herausforderungen: Es sei unabdingbar, Muslime als Teil der Gesellschaft anzuerkennen. Man müsse ein Bewusstsein für die Beziehung des Staates zur hiesigen Religion vermitteln und den Islam aus dem Privaten herausholen, um ihn so unabhängiger von Geldgebern zu machen. Muslimischen Jugendlichen müsse man gegen ihre Radikalisierung attraktive, theologische Angebote machen.
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