16.10.2017 - 18:52 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Beim Empfang zu seinem 60. Geburtstag lässt OB die Katze aus deem Sack Seggewiß kündigt Abschied an

Emotionen spielen in der Familie Seggewiß eine große Rolle. Erst recht, wenn es um den 60. Geburtstag von Vater Kurt geht. Und noch mehr, wenn es um eine lang diskutierte familienpolitische Entscheidung geht, die in der Mitteilung des Oberbürgermeisters gipfelt, er werde bei der Kommunalwahl 2020 nicht mehr zur Verfügung stehen.

Der 60-jährige Oberbürgermeister Kurt Seggewiß und sein "Idealcoach", Ehefrau Maria.
von Volker Klitzing Kontakt Profil

Da sind sie alle nah am Wasser gebaut, der OB, seine Frau Maria und Sohn Jan. Und sie müssen alle so manche Träne verdrücken, als Seggewiß am Montag beim Empfang anlässlich seines Geburtstages im Neuen Rathaus seiner Familie dankt für die Unterstützung und was sie alles ausgehalten hat. "Glauben Sie mir, ein Politiker und seine Familie müssen viel aushalten." Die drei haben reagiert: Sie sind noch mehr zusammengewachsen. Der OB spricht von einer "familiären Gemeinschaftsleistung". Maria überreicht er Orchideen, ihre Lieblingsblumen.

Zwei Wahlperioden als Oberbürgermeister sind genug, sagt Seggewiß und verweist darauf, dass Politjahre doppelt zählen. Männer würden im Schnitt nur 74 Jahre alt, da wolle er nicht mit 69 noch als "alter Dackel" die Geschicke der Stadt mitbestimmen. Und er kennt viele Beispiele, wo Politiker nicht loslassen können. Das aber wolle er auf keinen Fall. Als die extra für das Jubiläum gegründete Musikgruppe "Job Center Brass" nach dem langen Schlussapplaus Frank Sinatras "My way" anstimmt, klingt das fast schon wie ein Abgesang, doch Seggewiß hat vorher noch einen Pflock gesetzt. Zweieinhalb Jahre werde er noch Oberbürgermeister sein, in dieser Zeit werde er sich mit voller Kraft für Weiden, "diese liebenswerte Stadt", einsetzen.

Mit Landräten klappt's

Der OB rühmt die Vielfalt in der Stadt, er würdigt seine Dezernenten im Rathaus und die sehr gute Zusammenarbeit mit den Landräten Andreas Meier (Neustadt) und Wolfgang Lippert (Tirschenreuth). In Weiden sei es von Anfang an schwer gewesen, Mehrheiten zu finden und Kompromisse zu schließen. Trotzdem seien eine Fülle von weitreichenden und nachhaltigen Weichenstellungen gelungen, betont der Oberbürgermeister. Und für das Jahr 2018 habe man einen tollen Haushalt auf den Weg gebracht, der erstmals seit Langem wieder Spielräume eröffne. "Es sei denn, der Stadtrat dreht in drei Wochen wieder am Radl."

Dann müsste Seggewiß wohl wieder laut werden oder den Sitzungssaal zum Rauchen verlassen, wie Rechtsdezernent und Berufsmäßiger Stadtrat Hermann Hubmann im Namen der Rathaus-Verwaltung in seinem auch durchaus satirischen Rückblick anmerkte. "Da sieht man die Zornesader pochen." Doch nicht genug: Hubmann präsentierte dem OB eine gebührenfreie Verwarnung wegen Schädigens des Oberbürgermeisters durch Rauchen.

Ungeduld gehört dazu

Ansonsten hatte Hubmann viel Lob mitgebracht. Ein guter Leiter sei er geworden, der auch "als OB Mensch geblieben ist und nie die Bodenhaftung verloren hat". Dazu habe auch Ehefrau Maria als Idealcoach beigetragen. Und das bisschen Ungeduld gehöre zum Beruf.

Lob gab's zur Begrüßung auch von den Bürgermeistern Jens Meyer und Lothar Höher. Sie verwiesen auf die Beliebtheit des OB. Dynamisch, ideenreich, entschlossen und leidenschaftlich, so charakterisierte Meyer den Jubilar, ein Verteidiger der Demokratie. Der zweite Bürgermeister endete mit den Worten: "Du schuldest uns nichts, aber wir schulden dir Dank."

"Die richtige Entscheidung" Die Entscheidung ist raus: Oberbürgermeister Kurt Seggewiß wird 2020 nicht noch einmal kandidieren. Das verkündete das Stadtoberhaupt im proppevollen Sitzungssaal des Neuen Rathauses. "Ich bin erleichtert", sagt Seggewiß nach seiner Rede. Warum er diesen Schritt bereits zweieinhalb Jahre vor der Kommunalwahl bekannt gegeben hat? "Der 60. Geburtstag ist ein Moment, in dem man inne hält." Und über seine Nachfolge hat er auch schon klare Vorstellungen: "Jens Meyer ist mein Wunschkandidat. Er macht seit zehn Jahren einen Superjob als Zweiter Bürgermeister."

Und so reagierten die Gäste:

"Nein, das war keine Überraschungsnachricht. Wer Kurt in den letzten Monaten beobachtet hat, konnte das rausfühlen." Als OB-Kandidat für die SPD möchte der Kriminalbeamte aber noch nicht gehandelt werden: "Die Kanzlerin hat ihre Kandidatur erst acht Monate vor der Wahl bekanntgegeben." Gerade die Familie spielt laut Seggewiß während einer Amtszeit eine wichtige Rolle: "Meine Frau und ich stehen im Dialog." Bürgermeister Jens Meyer

"Ich hätte mit der Verkündung der Entscheidung noch gewartet. Aber Kurt wollte das so, also ist das auch in Ordnung. Hätte er gesagt, ich mache noch einmal sechs Jahre, dann hätten wir auch das geschafft." Ehefrau Maria Seggewiß

"Ich gönne Kurt Seggewiß auch Zeit mit seinen Lieben." Und wer stellt sich in den Reihen der CSU für eine OB-Kandidatur zur Verfügung? "Bis 2020 ist ja noch ein wenig hin. Wir werden uns zu gegebener Zeit dazu in den Gremium zusammensetzen." CSU-Fraktionschef Wolfgang Pausch

"Ich finde es schade, aber ich verstehe den Schritt des Oberbürgermeisters. Als Stellvertreter hat man es leicht. Vorne dran zu stehen, ist noch mal etwas ganz anderes." Steht bei der CSU schon ein Kandidat in den Startlöchern? "Klar wird bei uns in der CSU jetzt eine Diskussion entstehen. Und ich bin mir sicher, wir werden Lösungen finden." Bürgermeister Lothar Höher

"Er hat deutlich gemacht, wie anspruchsvoll dieses Amt ist. Es gehört viel dazu, zur richtigen Zeit diese Entscheidung zu treffen und Nachfolgern den Weg zu bereiten." Sachsens Sozialministerin Barbara Klepsch aus Annaberg-Buchholz, Ehrenbürgerin von Weiden

"Das ist die richtige Entscheidung für den Oberbürgermeister. Jetzt kann er wieder mehr auf seine Gesundheit und seine Familie achten. Im Großen und Ganzen bin ich froh, was er geleistet hat." Und wer wird wohl in seine Fußstapfen treten? "Also ich denke: Jens Meyer." Reinhold Wildenauer, Bürgerliste

"Ich habe ihm gesagt, dass ich es menschlich für nachvollziehbar und für die richtige Entscheidung halte. Ich finde es aber von beruflicher Seite schade. Wir haben immer sehr gut zusammengearbeitet." Neustadts Landrat Andreas Meier

"Das war ja zu erwarten. Mal schauen, was nun nachkommt." Ein Bürgerlisten-Kandidat als OB vielleicht? "Das muss nicht sein." Reinhard Meier, Bürgerliste

Für ihn selber ist es sicher gut. Ist es ansonsten zu früh? Ich weiß es nicht. Möglicherweise kommen jetzt Streitigkeiten um die Nachfolge auf. Aber ich ziehe mich 2020 ja selbst zurück. Es war interessant, aber es reicht. Sollen's die Jungen machen." Veit Wagner (Grüne), mit 72 Jahren ältester Stadtrat

"Ich finde es sehr schade, weil er ein super Chef ist. Einer, der anpackt und viele Ideen hat. Aber man muss auch loslassen können und dem Nachfolger eine Chance geben." Wer das sein könnte? "Jens Meyer." Kämmerin Cornelia Taubmann

"In seiner Situation ist es sicher eine gute Entscheidung. Jetzt kann er einen Nachfolger aufbauen, so dass es einen fließenden, harmonischen Übergang gibt. So haben wir es in unserem Unternehmen auch erfolgreich praktiziert." Stadtrat Philipp Beyer (Bürgerliste), Brezen Beyer

"Ich bin überrascht, das hätte ich nicht erwartet. Ich dachte, dass er noch mal antritt. Aber endlich mal einer, der hält, was er versprochen hat." CSU-Stadtrat Hans Blum

"Größten Respekt für diese weise Entscheidung!" SPD-Stadtrat Florian Graf

"Seit Beginn der Amtsperiode sprachen wir darüber. Ich finde es gut, wenn ein Oberbürgermeister nach zwei Perioden vom Amt loslassen kann. Für Weiden finde ich es schade." Dezernent Hermann Hubmann (mte/rg) 

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